The Oberoi Zahra Nil Cruiser

Essen auf dem Nil

Ein Vorspiel

Als meine Freunde erfuhren, dass ich eine Schiffsreise auf dem Nil beabsichtige, hörte ich überall:

„Um Gottes willen! Denke an Deine Sicherheit.“

Das konnte ich verstehen, denn schon einmal hatte ich eine Reise auf einem Flussschiff unternommen und dabei fast in Lebensgefahr geraten.

Es war geschehen an einem Nachmittag in einem Provinznest am Mississippi namens  Vicksburg. Ich stand auf dem großen Marktplatz und blickte auf das Rathaus. Dort vollzog sich eine seltsame Zeremonie. Vor 140 Jahren standen nordamerikanische Truppen vor Vicksburg. Die Stadt nahm eine strategisch wichtige Stellung ein. Sie musste verteidigt werden. Jeder Mann, der auch nur irgendwie eine Waffe tragen konnte, war zum Rathausplatz geeilt, um in Anwesenheit des Bürgermeistgers und eines Generals der Südstaaten, sowie mit dem Segen des ebenfalls auf dem Balkon stehenden Priesters, vereidigt zu werden, um darauf sogleich in den Kampf zu ziehen. Die Szenerie vor mir war gespenstig. Die Repräsentanten standen in historischer Bekleidung auf dem Balkon, unter ihnen befanden sich einige Soldaten in der grauen Uniform der Südstaaten, andere – zumeist sehr junge oder sehr alte Männer – ohne Uniform, sondern in der damaligen Alltagskleidung mit großen Hüten, hatten alte Vorderlader geschultert, hinter ihnen in dichten Reihen zahlreiche Frauen in den weiten Kleidern der Südstaaten. Die Rekruten schworen ihren Eid, und als der Priester sie segnete, fielen sie auf die Knie, senkten die Köpfe und beteten.

Die zahlreichen Betrachter dieses makabren Schauspiels im Geviert des Platzes waren begeistert. Auch sie bekreuzigten sich, und inbrünstig sangen sie die Hymne der Südstaaten mit. Ich war in ihnen eingekeilt. Den Gesang hatte ich noch respektvoll ertragen, aber danach fragte ich meine Nachbarn, weshalb sie so begeistert sind, denn am Vormittag hatte ich das Schlachtfeld nebst dem dazu gehörenden Museum besucht. Sechs Wochen nach dieser Vereidigung waren zwei Drittel der Soldaten tot, und als einige Jahre später ihre Knochen ausgebuddelt wurden, um sie würdevoll zu beerdigen, konnten die toten Soldaten der Nordstaaten und die der Südstaaten zwar nicht mehr durch ihre Uniformen unterschieden werden, denn diese waren bereits verwest, aber ihre Schuhe oder Stiefel waren noch vorhanden, allerdings nur die der Nordstaaten, die Soldaten der Südstaaten waren nicht nur mit veralteten Gewehren sondern auch mit marodem Schuhwerk in die Schlacht gezogen. All das erzählte ich lauthals, um mich zugleich über den Sinn einer derartigen Zeremonie zu mokieren. Ich hatte noch nicht meine aufmüpfige Rede beendet, als mir von rechts und von links, aber auch genauso von vorn und von hinten Prügel angedroht wurden, und als ich dann sogar auf die Unsinnigkeit des soeben Erlebten beharrte, wurde ich von hinten an den Schultern ergriffen, erhielt bösartige Ellenbogenstöße in die Seiten, eine elegante Südstaatendame klappte ihren Sonnenschirm zu und drosch damit auf mich ein, worauf ich gar nicht mehr nachdachte, sondern mich mit aller Macht durch die Menge dränge, dabei andere Zuschauer aneckte, die nun ihrerseits ihre Fäuste an meinem Rücken ausprobierten. Glücklicherweise gelang es mir, nach einigen Momenten frei zu kommen, und sofort begann ich zu rennen, und hörte erst bei meinem Schiff wieder auf. Dieses Schiff war ein modern gestylter alter Raddampfer, der mich innerhalb von sieben Tagen mit allem Komfort von New Orleans bis nach Memphis brachte. Vicksburg war einer von den täglichen Besichtigungstouren. Die Mannschaft des Schiffes musste wohl von dem Vorkommnis erfahren haben, denn die restlichen Tage wurde ich wie ein Paria behandelt, als Höhepunkt wurde in Memphis mein Koffer vom Schiff auf genau die Stelle des Ufers geworfen, an der sich ein großer schwarzer Schmier- und Teerfleck befand.

In Memphis gelang es dem guten alten Elvis mit seinem so wunderschön kitschigen Graceland nicht mehr, meine Stimmung zu heben, worauf ich in Deutschland an den amerikanischen Veranstalter einen Brief richtete, in dem ich mit dem obersten Gerichtshof der USA drohte, sollten mir ob dieses ungeheuerlichen durchlittenen Schmach und Unbill nicht umgehend meine gesamten Reisekosten erstattet werden. Der Veranstalter antwortete mir sogar, entschuldigte sich in ausgesprochen höflicher Form, und bot mir als Kompensation eine kostenlose Reise an, mit genau demselben Schiff auf genau derselben Route.

Nach diesem Erlebnis habe ich nie wieder ein Schiffsreise unternommen, und das Erlebnis selber in die tiefsten Sphären meiner Erinnerung verbannt gehabt. Man bedenke: Ich mit meinem losen Mundwerk tagelang auf engstem Raum mit vielen anderen Menschen …

Diese Geschichte fiel mir wieder ein, als ich von meinen Freunden das Wort von der „Lebensgefahr“ vernahm, und außerdem hatte ich auf einer Karte zur Geschichte Ägyptens auch eine Stadt „Memphis“ gefunden. Ein schlechtes Ohmen!

Allerdings hatte meine Frau gewichtige Argumente meiner Abneigung für Schiffsreisen entgegenzusetzen. Zuerst das als meine Frau, sodann das Lesen von Büchern über das alte Ägypten, aber nicht ein solches Lesen irgendwo, sondern auf Kuba, und zuletzt der Hinweis, dass ich dann doch die nächste Reise nach meinen Interessen aussuchen könne, wobei ich die Überlegung bedachte, dass die nächste Reise noch ziemlich weit entfernt liegt, und bis dahin noch so manch anderes eheliches Zugeständnis dazwischen treten könnte, worauf ich unmittelbar die Schiffreise auf dem Nil buchte, aber überhaupt nicht wegen der Argumente meiner Frau, nein dies selbstverständlich überhaupt nicht, sondern ausschließlich weil ich gegenüber meinen Freunden nicht einknicken wollte!

Meine heimliche Überlegung dabei: Soll Sie sich doch die alten Klamotten anschauen, ich kümmere mich um die ägyptischen Gerichte. Indessen veränderte der erste Tag an Bord  alles. In unserer Kabine lag ein dicker Wälzer über die ägyptischen Altertümer aus, auf Deutsch. Am Abend blätterte ich darin, schließlich wollte ich nicht so ganz und gar ungebildeter als meine Frau sein. Am nächsten Morgen las ich noch vor dem Frühstück zwei weitere Stunden in ihm, danach nahm ich doch am ersten Ausflug zum Karnak Tempel teil, darauf war es um mich geschehen, die Geschichte Ägyptens hatte mich gepackt.

Jetzt werden meine Leser sicherlich endlich den Bericht über die kulinarischen Erlebnisse auf dem Schiff erwarten, aber völlig falsch, denn je länger auf das Essen zu warten ist, desto größer auch der Hunger. Allerdings ist dabei Vorsicht walten zu lassen, denn wird der Hunger gar zu gewaltig, kann er den Genuss völlig in den Hintergrund verdrängen, und es wird nicht mehr gespeist sondern nur noch verschlungen. Deshalb hier nur die ganz nackten Fakten:

Das SchiffThe Oberoi Zahra Nil Cruiser

Als die Zahra 2007 ihre erste Reise begann, war sie die modernste und luxuriöseste Herberge für eine Kreuzfahrt auf dem Nil. Sie ist es bis heute geblieben, was sicherlich auch mit der dreijährigen Unterbrechung jeglicher Kreuzfahrten auf dem Nil zusammenhängt, indessen, da wir nicht wissen können, wie ein noch moderneres Schiff aussehen könnte, war sie für mich und meine Frau das Nonplusultra. Seit 2013 sind nun wieder Schiffe unterwegs, 75 von einst 275!

Also die Zahra:

  • Maximal 54 Passagiere in 25 Kabinen, 60 – 65 Crewmitglieder
  • Der absolute Clou für mich: der größte Pool auf dem Nil, 5 mal 12 Meter und beheizbar, grandios am Morgen mit dem Kopf in der frischen Luft entlang der beiden sanft dahinschwingenden Ufer im Poll zu schwimmen
  • Perfekte Organisation unter der Leitung von Mamdouh Milad, jeder seiner Mitarbeiter ungemein umsichtig, dabei unaufdringlich und ohne die für ein Luxusschiff so typischen Steifheit
  • Sämtliche Ausflüge mit einwandfrei deutschsprechenden und gebildeten Reiseleiter, sowie mit separatem PKW; bei Interesse auch Besuch einheimischer Märkte, Moscheen und viele Gespräche über die aktuelle politische Situation Ägyptens
  • Keine Belästigungen mit täglichen Tipps, erst am Ende, zusammen und anonym

Die GerichteThe Oberoi Zahra Nil Cruiser

Höhepunkt des abendlichen Speisens war ein „orientalisches Dinner“, dessen Karte hier wiedergegeben ist:

  • Wie jeden Abend – vier Sorten ägyptische Brötchen, gefüllt mit Oliven, Spinat oder Käse und pizzaartig
  • Tameye (Amuse) – Falafel, aber nicht wie die kleinen Kanonenkugeln unserer Dönerimbisse, also nicht ölig, dafür innen cremig, geschmacklich ausdrucksstark
  • Mezze (Vorspeise) – von den sechs kleinen Zubereitungen hoben sich zwei deutlich ab: der Tabbouleh-Salat war wie ein grüner Tatar kreiert (Minze, Tomaten, Zwiebeln, Paprika, Couscous, Zitrone), ohne, dass eine Zutat die anderen überwog, ausgeglichen und belebend; babaganoush – ein Auberginendip, frisch, cremig, einfach perfekt
  • Linsensuppe – so wie sie die Ägypter mögen, für uns zu harmlos, als leichtes Zwischengericht jedoch passend
  • Hibiscus Sorbet – liest sich eigentlich belanglos an, war jedoch genau das Gegenteil, aus roten Hibiskusblüten traumhaft aromatisch und perfekt für den Pacojet zubereitet, übrigens auch die an anderen Tagen servierten Sorbets waren stets ein kleines kulinarisches Erlebnis
  • Nahöstliche Variation –  Das Hauptgericht bestand aus Fisch, Lamm, Huhn, Okra, sowie einer typischen ägyptischen Alltagsspeise: Reis zusammen mit kleinen hohlen Nudeln und schwarzen Linsen. Dazu verschiedene Soßen und ein blätterteigartiges ägyptisches Brot. An eine derartige Kreation sind keine Haute Cuisine Maßstäbe anzulegen, denn sie war als eine Reise durch einige muslimische Mittelmeerküchen angelegt, und diesen Zweck erfüllte sie auch. Sie weckte Interesse, vor allem durch ihren wechselnden Einsatz von Gewürzen.
  • Nahöstliche Dessert – Einige dieser kleinen Süßigkeiten wird wohl jeder kulinarisch Interessierte schon genossen haben, ob in einem Dönerimbiss oder in einem veritablen türkischen Restaurant. Eigentlich jedoch stammen sie zumeist aus der syrischen Küche. Es sind Backvariationen mit Blätterteig und anderen Teigen, mit verschiedenen Nüssen sowie mit Zucker (teilweise auch Honig), mit sehr viel Zucker. Die Ägypter verbrauchen pro Kopf dreimal so viel Zucker wie die Deutschen. Entlang des Nils wird auch Zuckerrohr angebaut und es sind Zuckerfabriken in betrieb.

Ebenfalls gebe ich einige Speisekarten für den Lunch und die normalen Dinner wieder. Darunter befindet sich auch die eines indischen Dinners, welches ich jedoch nicht näher kommentiere, da ich über zu wenig Erfahrung mit den Gerichten aus den verschiedenen indischen Regionen verfüge.

Der übliche Lunch und das abendliche Dinner war ein Mix aus indischen-, westlich-europäischen- und orientalischen Gerichten, für die die Bezeichnung „Fusion-Küche“ banal wirken würde. Die Gerichte bewegten sich nicht auf einem Sterneniveau. Aber es gab auch kein Buffet. Durchweg lagen die Gerichte auf einem gehobenen Niveau. Individuelle Wünsche wurden problemlos erfüllt.

Der Wein

  • Umfangreiche internationale Karte, zumeist einfache Weine, auch mit einem ordentlichen Moselwein, allerdings alle infolge der ägyptischen Zölle zu Phantasiepreisen
  • Bemerkenswert eine gesonderte Karte mit ägyptischen Weinen (siehe Wiedergabe hier), teilweise sogar trinkbar, auf jeden Fall kurios, der Beste darunter war ein 12 %er Viognier vom Gut „Ayam“, gegründet schon 1882 im Nildelta, mit Anklängen von Pfirsichnoten, Birne und Citrus.
  •  sehr bemühter F+B-Manger sowie Sommelier Ahmed Saber

Die KücheThe Oberoi Zahra Nil Cruiser

Wir besichtigten auch die Küche und sprachen lange mit dem Chefkoch Ahmed Saleh, einem Typ von einem Meter fünfundneunzig, der glatt als Tempelwächter bei Ramses II. hätte durchgehen können. Vor allem jedoch war er in zahlreichen Weltküchen bewandert. Die Küche überraschte uns ob ihrer Größe und ihres Aufbaus, mancher deutsche Sternekoch würde neidisch sein. Für jeden küchentechnischen Bereich gibt es einen gesonderten Raum, der aus hygienischen Gründen separat abgeschlossen werden kann. In einem Eingangsraum werden sämtliche angelieferten Produkte kontrolliert, und dann in den anderen Räumen hygienisch verstaut. Keine Frage, dass es auch eine Fleischerei und eine Patisserie gibt. Für ein Schiff mit dieser begrenzten Anzahl von Passagieren empfand ich die Küche als recht groß und ebenso luxuriös ausgestattet wie die Kabinen.

Übrigens: Pacojet, Thermomix und Sous vides Apparat gehören zur Standardausrüstung!

Kurzes Fazit

Unsere Reise auf dem Nil war eine Reise zu den ersten 3. 000 Jahren unserer Zivilisation, eigentlich sogar zur Geburtsstätte unserer Zivilisation. Zudem war sie auch ein kulinarisches Erlebnis. Es ist eine banal, darauf zu verweisen, dass der Nil seit über fünftausend Jahren die Lebensader Ägyptens ist. Ganz und gar nicht banal ist es, während einer Reise auf dem Nil zu erleben, dass die heutigen Ägypter ihre Lebensader nicht mehr so richtig zu schätzen wissen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.