Kurzkritik: St. John , 26 St. John Street, London

St. John

St. John Restaurant: Ein-Sterne-Restaurant, über dem kein guter Stern mehr funkelt

Ich schreibe diesen Kurzbericht, wenn das Essen dieser Lokalität (empfohlen in FAZ, Feinschmecker und anderswo) noch warm ist in meinem Körper. Ich will gar keinen Abstand wahren, ich will meinem Frust freien Lauf lassen. Eigentlich gehört dieses Restaurant mit seinem einen Michelin-Stern nicht in diese Rubrik. Nachdem ich es besucht hatte, war es mir jedoch nicht möglich, darüber eine meiner üblichen Restaurantkritiken zu verfassen. Ich kann mich nicht erinnern, innerhalb der letzten zwanzig Jahre in einem Ein-Sterne-Restaurant derartig schlecht gegessen zu haben. Es gab nur einen einzigen Trost: Nach eineinhalb Stunden war alles vorbei, aber meine Frau und ich sind geradezu von diesem Ort geflüchtet.

St. John Restaurant: Ein Food-Imperium, das in die Jahre gekommen ist

St. John Restaurant1994, als Deutschland kollektiv dem Rinderwahn verfiel, gründeten drei wagemutige Engländer ein Restaurant zum puren Fleischgenuss. Es besteht noch heute an gleicher Stelle, mit gleichem – auch in Deutschland weithin bekanntem – Ambiente. Auch die für ein gesundes Kreuz schrecklich unbequemen Stühle sind bis heute geblieben. Die Gründer haben den Erfolg ihrer Idee genutzt und sich ein kleines Food-Imperium (Restaurants, Bäckerei und Weinhandel) geschaffen. Ich weiß allerdings nicht, ob es auch damals schon keine Tücher auf den Toiletten gab, sicherlich werden sie aber noch nicht so heruntergekommen gewesen sein wie heute. Ebenso wenig weiß ich, ob bereits damals der Rotwein bei einer Raumtemperatur von 25 Grad als Selbstverständlichkeit angeboten und ebenso selbstverständlich in kleinen Probiergläsern serviert worden ist. Wahrscheinlich stammen auch die billigen hölzernen Salz- und Pfeffermühlen aus dieser Zeit, und vielleicht mussten diese auch bereits damals benutzt werden, um einige Gerichte überhaupt genießbar zu machen.

St. John Restaurant: Die Gerichte

Kaltes Wildschwein und kaputt gekochte Rübchen

Vorspeise mit SellerieWir haben uns ernsthaft bemüht zu essen: Grilled Venison & Celeriac, Mussels, Cider & Chicory, Roast Middlewhite, Turnips & Trotter, Lamb Sweetbreads, Peas & Bacon, Welsh Rarebit, Eccles Cake & Lancashire Cheese, Madeleines. Der Umfang der Portion Wildschwein ist auf dem Foto zu erkennen. Das Fleisch war gelungen, kam kalt ohne Soße oder Ähnliches. Der Sellerie war völlig roh geraspelt, überpfeffert und deshalb ungenießbar. Die Muscheln entsprachen weitgehend dem im Rheinland im Winter beliebten Gericht. Sie kamen ebenfalls in einer sehr kleinen Portion. Bereits damit wurde uns deutlich, dass die günstigen Preise bei den kleinen Portionen hier in Wirklichkeit sehr hoch sind. Ich hatte vom zusätzlichen Angebot eines Kutteln-Stews als Vorspeise Gebrauch gemacht. Dieses kam gleichzeitig zusammen mit den beiden anderen angeführten Vorspeisen. So ging es küchentechnisch dann auch immer flott weiter. Die Kutteln waren eine bäuerlich ordinäre Speise, durchaus Vorspeise: Roastschmackhaft für ein schwäbisches Landgasthaus. Zum Roast wurde eine Worcestershire Sauce auf den Tisch gestellt, die wir jedoch angesichts der zwei dünnen Fleischscheiben und der zwei großen harten, unsere Zähne gefährdenden Hautkrusten erst gar nicht benutzten. Und die Rübchen? Kaputt gekocht! Aus Barmherzigkeit nur angeknabbert, aus Mitleid unberührt gelassen. Das Bries war ordentlich angebraten, doch nach dem Bad in einer Hühnerjus mit Minzgeschmack und Sherryessig prächtig durchgeweicht. Das Welsh Rarebit kam auf einer riesigen getoasteten, dunklen Brotscheibe kräftig angebräunt. Wir ließen es aus Barmherzigkeit nur angeknabbert zurück. Der Eccles Cake verdient Aufmerksamkeit, denn er war exakt auf den Punkt genau derselbe, denn wir einige Tage zuvor in dem Billigableger Bread and Wine erhalten hatten, nur etwas teurer als dort: Schwer, mächtig rosinenhaltig und dick mit Blätterteig umhüllt. Die Madeleines taten uns leid. Sie hatten Briessich vollständig von ihren französischen Verwandten entfernt, weshalb wir sie willig dem Kellner überließen. Die überaus positive Beschreibung dieses Lokals in dem exzellenten Buch „Eat London“ geht auf die Englandzentriertheit der Autoren zurück. Ich empfinde dabei ehrliches Mitleid mit ihnen. Ich bin mir durchaus bewusst, wie viel schwieriger es ist, den guten Geschmack eines Gerichtes zu beschreiben als einen nur einfach miserablen. Insofern fließt mir dieser Bericht geradezu direkt in den Computer. Aber während ich bei einem exzellenten Essen gar nicht aufhören möchte zu essen, drückt mir nach einem schlechten stundenlang der Magen. Um unsinnige Diskussionen mit uninformierten Kellnern (wie auch hier!) auszuweichen, gebe ich bei deren Blick auf meine kaum angerührten Speisen zumeist an, dass ich heute Abend noch ein weiteres berufliches Essen vor mir habe.

St. John Restaurant: Gerichte mit gehobenem Kantinencharakter

Jedem Land kann man die Hervorhebung einer besonderen kulinarischen Tradition nachsehen. Wer wollte den Franzosen wohl vorschreiben, den dritten Stern für das Traditionshaus von Paul Bocuse einmal genauer unter die Lupe zu nehmen! Wäre also die Qualität der Speisen im St. JOHN auch nur annähernd in Sternnähe, würde ich gern darüber hinwegsehen. In diesem Lokal funkelt jedoch nichts, aber auch gar nichts in der Nähe eines kulinarischen Sterns. Sämtliche Gerichte haben gehobenen Kantinencharakter, mehr aber auch nicht. Was sich der Londoner Michelin hier leistet, grenzt nicht an einen Skandal; es ist ein Skandal!

Anschrift

St. John Restaurant

St. John Bread and Wine

94-96 Commercial Street
London

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