Restaurantkritik: The Harwood Arms in London

The Harwood Arms

The Harwood Arms in London: QUIZABEND MIT DEFTIGEN GOURMETSPEISEN

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor:

Sie betreten ein Gourmet-Lokal, alle Tische – bis auf den von Ihnen reservierten –sind mit Einheimischen im Alter zwischen dreißig und fünfundvierzig besetzt; als Erstes erhalten Sie nicht die Speisekarte, sondern ein Blatt Papier mit den Zahlen von 1 bis 40 sowie ein weiteres mit zehn verschiedenen halbierten Bildern; während des Essens können Sie sich nicht so richtig auf die Speisen konzentrieren, weil Sie in die Beantwortung von 40 Fragen begeistert involviert sind; alles um Sie herum ist quirlig und manchmal laut; Kellnerinnen, die wie normale Gäste ausschauen, stellen Gerichte von achtbarer Größe auf Ihren Tisch, die zudem vielfältig kombiniert sind, weswegen Sie sich damit intensiver beschäftigen müssten, aber es in dieser Atmosphäre gar nicht können, worüber Sie jedoch auch nicht besonders traurig sind, denn alles um Sie herum gefällt Ihnen.

Obgleich ich mich über dieses Lokal umfangreich informiert hatte, musste ich einen Hinweis übersehen haben: dienstags ist Quiz-Tag! Ich hatte für einen Dienstag reserviert. Als Deutsche streben wir nicht an, Engländer mit unserem Wissen zu brüskieren. The Harwood ArmsZweimal jedoch kamen sie vom Nachbartisch zu uns, um unseren Rat einzuholen. Einmal betraf dies eine Frage zur Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau, als Deutsche müssten wir über Russland doch bestens Bescheid wissen. Das zweite Mal galt es das Logo eines Unternehmens zu vervollständigen und unsere englischen Tischnachbarn vermuteten, dass dies ein deutsches Unternehmen sei. Es war Aldi.

The Harwood Arms in London: Vorspeisen – ordentlich und sättigend

Meine Frau und ich entschieden uns für:

Chilled beetroot soup with buttermilk scone, smoked mackerel and cucumber; Wild rabbit Schnitzel with bread and butter pickles and grilled asparagus, Glazed Aylesbury duck leg with white beans, courgettes and black cabbage; Grilled haunched of Berkshire roe deer Speisekarte The Harwood Armswith tarragon mustard and crispy garlic Potatoes; Shank of Berkshire venison with smoked bacon, champ potato and field mushrooms; Blackberry trifle with sherry sponge and brandy snap, Chilled rice pudding with Strawberries, elder Flower jelly and Shortbread.

Die Kellnerin hatte uns sogleich darauf aufmerksam gemacht, dass es an diesem Abend nur eine eingeschränkte Karte gibt, weshalb wir die Leistungsfähigkeit der Küche nicht so richtig kennenlernen könnten. Wir bestellten deshalb mehr Gerichte, als wir eigentlich imstande sind zu verdauen, aber wir gingen davon aus, dass in Michelin-gekrönten Lokalen die Portionen eh kleiner sind. Um jedoch ganz sicherzugehen, bestellten wir für drei Gerichte nur eine halbierte Version. Am Ende erwies sich diese Vorsichtsmaßnahme als unzureichend.

Ein Kaninchenschnitzel ist selbst für einen deutschen Schnitzel-Fan etwas völlig Neues. Allerdings hatte – wie zu erwarten – nur die Panade Geschmack, womit sie das schon per se wenig ausdruckstarke Kaninchenfleisch völlig überdeckte. Die Pickles sowie viele Radieschen- und Sellerieteilchen ergaben keine Harmonie. Die angerösteten Erdnüsse waren sinnlos. Der Eindruck war witzig, aber nicht überzeugend.

The Harwood ArmsDie Suppe von Rote Bete schmeckte wie halt eben Rote Bete so schmeckt, wirkte aber mit saurer Sahne und kleinen Kartoffelstückchen durchaus pikant, doch ohne Raffinesse.
Die Rehkeule lag in Tranchen auf einem Holzbrett, wodurch sie schnell kalt wurde. Die Crisp-Garlic-Kartoffeln waren alles andere als „crispy“. Beim Fleisch war es angeraten, den Senf mikrodimensioniert zu verwenden, denn ansonsten überdeckte er alles. Die Kombination war durchaus interessant und als Vorspeise wahrlich mächtig; doch schon hier wurden bereits zwei Eigenschaften der meisten anderen Teller deutlich: gute Herausarbeitung des Eigengeschmacks ohne Hervorhebung oder Verlängerung durch die Kombination mit anderen Bestandteilen.

The Harwood Arms in London: Hauptgerichte – anspruchsvoll – ansprechend – steigerungsfähig

The Harwood ArmsDie Zubereitung der Ente war so gar nicht englische Küche. Sie war raffiniert. Die Haut war angebraten, ohne jedoch kross zu sein. Trotzdem war sie nicht gummiartig, sondern durch ihre leicht süßliche Würzung angenehm aufzunehmen. Das Fleisch war saftig und zart gehalten. Der Grünkohl, der im Sommer durch englischen Schwarzkohl ersetzt wird, überraschte durch seine geschmackliche Tiefe und seine Bissfeste. Er war leicht sautiert The Harwood Armsund dann einfach in Butter geschwenkt worden. Der Teller stellte keine komplizierte Kombination dar, was hier auch gar nicht erforderlich war, denn seine Rustikalität wirkte für sich. Das Zusammenwirken von Wild und einem Gemüse gelingt dem Koch.
Wie die Ente so kam auch die Wildschweinkeule in einer viel zu kleinen Schale, weshalb das Tranchieren eine besondere Kunstfertigkeit erforderte und zugleich Kartoffelmus sowie die Soße ineinander übergingen. Allerdings überzeugten ihre Garung und der dezente Wildgeschmack. Der – wie auch in Deutschland – dazu traditionell gereichte Rotkohl war auf die Keule aufgelegt, wodurch man die Keule nicht ad hoc mit der Hand abknabbern konnte, wozu sich ihre Kompaktheit geradezu anbot. Im Unterschied zur deutschen Machart war der Kohl recht bissfest, da er jedoch feinstens geschnitten, also nicht matschig war sowie warm kam, passte er sich ideal dem Fleisch an.

Dessert – traditionell mächtig

The Harwood ArmsDas Trifle (eine Mischung aus Sherry-Biskuit, Vanillepudding, Sahne, Mus von Schwarzen Johannisbeeren und Früchten) ist ein ausgesprochen englisches Dessert. Seine Schichtung in einem Glas war nicht allein optisch imposant, sondern auch geschmacklich vielfältig. Zwar wirkten bereits die ersten Löffel ungemein, aber auch ihre aromatische und texturelle Vielfalt verlangten Aufmerksamkeit.

Gekühlter Milchreispudding ist ein eher schlichtes Dessert. Hier geriet es dem Koch zu einer kleinen Sensation: Würfelchen aus Blütengelee brachten eine unbekannte Leichtigkeit und liebliche Fruchtnoten in das Ensemble.

Beide Desserts entsprachen der Küchen-Philosophie des 29 Jahre alten Head-Chefs Barry Fitzgerald: Konzentration auf den Hauptbestandteil eines Tellers und davon reichlich sowie Milderung mittels der Ablenkung von Nebenbestandteilen.

Ambiente und Fazit: witzig – unkompliziert – schätzenswert

Diese Gaststätte wird in englischen und deutschen Publikationen als „Gastro-Pub“ bezeichnet. Journalisten und Kritiker bemühen sich emsig, neue Entwicklungen zu entdecken. Und wenn dann die Besitzer einiger englischer Pubs aus ihren Buden etwas bessere Lokale mit gehobenen Speisen machen wollen, aber dabei den Pub nicht völlig neu möblieren können, wird flugs eine neue Restaurant-Kategorie erfunden: der Gastro-Pub. In diesem früheren Pub atmete nichts mehr eine Pub-Atmosphäre aus. Die Tische und Stühle, die Bestecks und Gläser entsprachen keinesfalls die eines Pubs, sondern eher denen einer Brasserie. Geblieben war noch die Theke, jedoch arg verkleinert, und während des Abends lies daran kein Gast sein Bier in sich hineinlaufen. Wenn ein Lokal sich kulinarisch emanzipiert, dann ist es nicht mehr dasselbe wie zuvor, schon gar nicht sein Publikum. Das trifft auch auf Londoner Pubs zu. Wahrscheinlich werden einige der Gäste an diesem Abend dort auch früher schon ab und an ein Bier getrunken haben, aber die meisten von ihnen waren von weit her gekommen. Sie gehörten zu der Schicht der jungen Gutverdienenden, für die besseres Essen und Wein Selbstverständlichkeiten sind, die aber dafür keine Edelatmosphäre benötigen. Genau diese Bedürfnisse bedienen die gewandelten Pubs. Sie sind Brasserien geworden, in denen jedoch überwiegend Wein getrunken wird.

Ein sympathischer Chefkoch und enthusiastische Servicekräfte

Vom Service ging eine unbekümmerte Lockerheit aus. Die jungen Frauen und Männer arbeiten hier nicht, um eine Karrierestufe bestätigt zu erhalten. Wenn überhaupt, dann ist dies der Rest von Pub-Atmosphäre.

The Harwood ArmsVielleicht kann sich die Küche an den normalen Tagen noch zu besonderen Leistungen aufschwingen. Ich bin mir darüber aber nicht sicher. Die Grundkonzeptionen der Gerichte werden dieselben bleiben. Die einzelnen Teller bieten puren Genuss. Sie bieten jedoch keine überraschenden Geschmacksvariationen durch raffinierte Kombinationen. Hier wird nicht gespielt, sondern bei bester Beherrschung des Handwerks geklotzt. An anderen Tagen wäre eventuell eine größere Präzision der Teller denkbar, da an diesen Tagen die Küche auch besser besetzt sein soll. Indessen sind derartige Überlegungen für die Gesamteinschätzung des Lokals nicht maßgeblich. Im Unterschied zu manch anderen der Londoner Ein-Sterne-Restaurants haben wir im Harwood Arms keine Pleite erlebt. Die Qualität lag nicht ganz auf dem deutschen Sterne-Niveau, aber über dem durchschnittlichen von London. Der junge Küchenchef hat nie eine Stern-Bewertung im Sinne gehabt. Auch er ist eher unbekümmert als ausgesprochen strebsam. Ihn interessiert noch, was seine Gäste sagen. Bei kritischen Hinweisen wird er nachdenklich, fragt weiter und dann ist zu spüren, dass noch weiteres Potenzial in ihm steckt. Er ist ein sympathischer Typ, zu dem ich gern wieder zum Essen gehen würde.

The Harwood Arms ist ungewöhnlich und schon deshalb einen Besuch wert
Am Ende eines langen Gespräches wollte er mich überzeugen, an einem anderen Abend wiederzukommen, um das viel interessantere, weil weitaus umfangreichere Menü zu probieren. Da die Größe der Portionen dieses kleinen Menüs mich bereits hart an den Rand meiner physischen Aufnahmefähigkeit gebracht hatte, nahm ich sein freundliches Angebot nicht wahr. Aber dieser Laden ist so ungewöhnlich, dass – egal, wie er sich selber nennt oder Kritiker ihn bezeichnen mögen – jeder deutsche London-Besucher, der an verfeinerter, englischer Esskultur interessiert ist, ihn schleunigst besuchen sollte, denn es ist ziemlich ungewiss, wie lange diese dort noch aufrechterhalten werden kann.

Anschrift

The Harwood Arms
Walham Grove
London

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