Restaurantkritik: Sechs Spezialitätenrestaurants im Hotel Paradisus/ Varadero in Kuba

Das Hotel Paradisus auf der Halbinsel Varadero ist eines der Vorzeigehotels im wichtigsten kubanischen Tourismusgebiet. Es wird gemeinsam von der Wirtschaftsorganisation der kubanischen Armee Gaviota und der weltweit tätigen spanischen Meliá – Hotelgruppe betrieben. Zusätzlich zu seinen ca. 750 Betten im normalen Teil verfügt es über alleinstehende Villen für 160 Gäste mit einer Rundum – Betreuung, dem sogenannten Servicio Real. Wie alle kubanischen Hotels, außer denen in den Städten, ist es ein all inclusive  Hotel. Außer dem sehr großen Buffet – Restaurant mit einem umfangreichen Angebot mittags und abends werden am Abend auch sechs Spezialitätenrestaurants unterhalten: jeweils ein japanisches, ein mexikanisches, ein italienischen und ein Restaurant Kuba – Asia. Hinzukommen ein Restaurant „Romantico“ und eine Restaurant in dem „königlichen Service“.

Vier Gemeinsamkeiten

Unabhängig von der unterschiedlichen kulinarischen Ausrichtung dieser sechs Spezialitätenrestaurants, weisen sie alle vier Gemeinsamkeiten aus, die ein oberflächlicher deutscher Gast unzutreffend verstehen könnte. Nach dem Besuch in allen sechs Restaurants begriff ich, dass ich nicht an der Oberfläche einer kulinarischen Erscheinung stehenbleiben darf. Diese Besuche in dem von uns so unglaublich weit entferntem Land haben mich gelehrt, dass ich mich schon der Mühe unterziehen muss, auch kulinarisch weiter zu denken. Manchmal ist es erforderlich, die Kulinarik anders zu denken, nicht von ihrem Ende sondern von ihrem Anfang her.

Nun zu den Gemeinsamkeiten:

In fast allen Gerichten werden Dosenchampignons eingesetzt, weil wahrscheinlich die kubanische Regierung davon eine größere Partie eingekauft hat, womit sie ein Vermarktungsproblem der westlichen Produzenten gelöst hat. Zwar ist an der Textur von Dosenchampignon prinzipiell nichts zu verändern, aber die Köche könnten auf die Idee kommen, ihren Geschmack durch Wässern über einem Sieb und schwenken in Butter nachträglich zu beeinflussen. Indessen stehen dem die Interessen der die große Mehrheit stellenden kanadischen Touristen gegenüber. Die Köche haben kein Interesse, diese Gäste kulinarisch zu desorientieren, die – wie ich feststellen konnte – Dosenchampignon als die eigentlichen Champignon kennen und schätzen. Deshalb ist ihr typischer Geschmack klugerweise in allen Gerichten vorhanden.

Weiterhin sind die allermeisten Gerichte ohne eine besondere Würzung, zumeist auch ohne Salz und Pfeffer. Auch damit hat der Koch sehr geschickt einen tieferen Sinn verbunden. Er will uns das aromatische Original von Fleisch, Geflügel, Fisch und Gemüse, ja selbst von Kartoffeln erhalten.

Restaurantkritik: Sechs Spezialitätenrestaurants im Hotel Paradisus/ Varadero in KubaIch gestehe, dass ich anfangs Probleme hatte, dass stets längst zur Faser geschnittene Fleisch richtig durchzukauen, bis mir die Erleuchtung kam, dass auch damit die Köche eine durchaus intelligente Lösung verbunden haben. Sicherlich kennt jeder  von Ihnen das Problem der Urlaubsmüdigkeit. Auch die Köche wissen um diese Erscheinung. Um dagegen auch kulinarisch anzugehen zwingen sie ihre Gäste, zuerst die Armmuskeln beim Schneiden des Fleisches zu trainieren und dies sodann auch auf die Kaumuskeln auszuweiten.

Und nun kommt eine hochinteressante Volte. Für ihre Gerichte setzten die Köche stets kleine weiche Streifen von roten Paprika aus dem Glas gemeinsam mit Streifen von roher grüner Paprika ein. Auch dies verwunderte mich zuerst ein wenig, doch ich erfasste schnell, welch hohes kulinarisches Verständnis sich damit verband, denn damit gaben die Köche den Gästen die Möglichkeit, die texturellen und aromatischen Unterschiede zwischen säuerlich-weicher Konservierungswaren und unbehandelter Rohkost herauszuschmecken.

Auf die vierte Gemeinsamkeit bin ich als Deutscher richtig stolz. Alle Salate und ähnliche Speisen waren mit deutschen Flaschensoßen angemacht. Nicht die beiden internationalen Nahrungsmittel – Großkonzerne dominierten hier, sondern die deutsche mittelständische Firma Kühne beherrschte den kubanischen Markt für Soßen. Einige, wie die Remoulade,  konnte ich sogar noch aus weit zurückliegender Erfahrung herausschmecken, wofür ich die Anerkennung durch den Service fand, der dies nicht erwartet hätte. Diese Saucen waren nicht nur die naheliegenden wie die „Cocktail“ sondern auch internationale „Mexiko“ oder „China“, aber was Kubaner mit der deutschen „Schaschlik“ oder sogar mit „Tzatziki“ anfangen können, wollte sich mir nicht so recht erschließen.

Im Folgenden gehe ich nur kurz auf einige der kulinarischen Highlights der einzelnen Restaurants ein.

Bellamar im Servicio Real

Restaurantkritik: Sechs Spezialitätenrestaurants im Hotel Paradisus/ Varadero in KubaIch habe lange geschwankt, für welche Gruppe von Gästen dieses Restaurant das geeignetste wäre, und mich dann aber unter den kulinarisch Interessierten für die Masochisten entschied. Ich will damit nicht ausdrücken, dass das Essen dort ungenießbar wäre, nein, dies war es sicherlich nicht, und zudem war der Service recht entgegenkommen, was sich insbesondere an meiner Reklamation der leicht ranzigen Butter zeigte:

„Streuen Sie einfach etwas Salz darüber!“

Mit der Ceviche sollte dann ein erstes südamerikanisches Highlight kommen. Der erste Biss hätte – was die Limone betrifft – für zehn Ceviches gereicht.

Ich hatte mich noch für einen Fisch en papillote entschieden, über den ich hier den Mantel der Nächstenliebe decke, aber von dem ich gern gewusst hätte, welche Fischart er repräsentierte. Der Kellner antworte „Mahi –Mahi“ (eine tropische Doradeart). Etwas vorwitzig hackte ich nach, aus welchem Land er stammen würde, seine Antwort war final:

„Das weiß ich nicht und der Koch auch nicht, aber würde das für Sie an der Qualität etwas ändern?“

Das japanische Sakura

Wir hatten verschiedenen Fisch und Fleisch mit unterschiedlichen Saucen bestellt, so mit asian sauce, teriyaki sauce, ginger sauce, garlic sauce und die uns völlig unbekannte batayaki sauce. Meine Frau schaute mich nach dieser Bestellung zweifelnd an, ob ich mich damit nicht überfordern würde. Der Koch schien diesen Blick wohl auch bemerkt zu haben, denn er ging gnädig mit uns um. Am Ende seiner Kunst schmeckten seine Gerichte allesamt nach einer Sauce, nämlich der uns bereits aus manchen Restaurants in Havanna bestens bekannten kubanischen Sojasauce, zudem hatten wir beide praktischerweise dazu haargenau dieselben Zubereitungen (die Bezeichnung „Gericht“ wäre hier unpassend) auf unseren Tellern.

Ach ja, am Ausgang des Restaurants begegneten wir dem Hoteldirektor, der uns nach unseren Eindrücken befragte. Als ich ihm diese feinfühlig nahebringen wollte, unterbrach er mich freundlich, indem er glückselig hervorhob:

„Neulich hat der Präsident von Äquatorialguinea zweimal das Sakura besucht und jedes Mal war er total begeistert.“

Das italienische Stella di Mare

Wir begannen mit der Pizza Barbacoa, die auf Deutsch beschrieben war mit „Tomatensauce mit Grill, Schinken und Stückchen Fleisch erhöht“, sowie einer Pizza Tropical (Hawaii). Die „Stückchen Fleisch erhöht“ bestanden aus hartem Rinderhack, dafür war jedoch der Schinken auf der Hawaii von unglaublich angenehmer Konsistenz, so richtig schön breiig. Ach ja, beinahe hätte ich ein bemerkenswertes Detail vergessen. Die Musik in diesem Restaurant war aus Mexiko, wodurch die Kellnerinnen munter mitsingen konnten, was ihnen bei Italienisch verwehrt gewesen wäre.

Das mexikanische Restaurant Los Agaves

Restaurantkritik: Sechs Spezialitätenrestaurants im Hotel Paradisus/ Varadero in KubaDie wichtigsten Gerichte waren verschiedene Fajitas, auf deren Qualität das oben gesagte zutrifft, die jedoch in einer originalen Fajitapfanne kamen und deshalb heiß waren, na immerhin, wer wollte da wohl schon wieder meckern!

Ach ja, meine Vorspeise sollte eigentlich ein Ceviche de Camarón sein, eigentlich, denn nach der ersten Camarón hatte der in ihr konzentrierte Essig mir bereits die Schuhe ausgezogen.

Da die Berichterstattung über die Restaurants Romántico und Cuba – Asia außer einer nach meiner Anweisung hin ordentlich gebratenen Languste sowie jegliche Mengen europäischer TK-Ware keine neuen Erkenntnisse zu Tage brachte, gebe ich aber doch noch einige Highlights des Zimmerservice wieder.

Für die Gäste des Servicio Real gibt es auch einen Zimmerservice. Obgleich meine Geschmacksknospen durch die Besuche in den Spezialitätenrestaurants schon arg strapaziert worden waren, konnte ich nicht an mich halten, auch noch diesen auszuprobieren. Das Carpaccio hatte ich bisher völlig naturell mit Baguette in Zwieback – Konsistenz und vorsichtig an der Seite geriebenen Parmesan angehäuft auch noch nicht zu mir nehmen können. Nachdem ich dies bei einem ersten Versuch belassen hatte, freute ich mich auf ein Pollo al estilo de Chef und einem Hamburgesa Paradisus. Das Huhn war ein dünn geklopftes Brustfilet, das aber nicht auf der Haut angebraten war, sondern auf seiner Unterseite. Als ich es anschnitt und ein Stück anhob, fiel die Haut herunter, was ungemein praktisch war, weil ich mir so die Mühe sparte, sie zu entfernen. Wir sind gemeinhin immer sehr schnell mit abwertenden Charakterisierungen, wie beispielsweise das Fleisch wäre so hart wie ein Schuhsole. Eine der sehr seltenen Möglichkeiten derartiges real zu überprüfen, ergab sich für mich mit diesem Hühnerteil.

Wenn Sie einmal einen Hamburger naturell essen wollen, also mit kaltem gekochten Schinken, dicken rohen Zwiebelringen und ohne jegliche Soße, also auch nicht mit Ketchup oder Senf und Pfeffer oder Salz, dann sollten Sie sich in diesem Hotel einen Hamburger bestellen.

Ach ja, bevor ich es unterschlage: Dieses Hotel reklamiert fünf Sterne plus für sich. Na denn guten Appetit!

Und zu guter Letzt: Bitte nicht denken, dass ich ungerecht bin, denn für mich war dieses Hotel ein lupenreines Diätprogramm!

Paradisus Varadero Resort & Spa,

Rincón Francés

Varadero – Matanzas

Kuba

Restaurantkritik: Sechs Spezialitätenrestaurants im Hotel Paradisus/ Varadero in KubaIn Deutschland wir dieses Hotel von verschiedenen Tourismusveranstaltern angeboten. Allerdings stammt gut die Hälfte der Touristen aus Kanada, und dort wiederum vor allem aus dem frankophonen Teil. Vor 15 Jahren standen deutsche Touristen weit oben in der Statistik. Heute machen sie nur noch wenige Prozent aus. Die Preise der deutschen Veranstalter für dieses Hotel sind doppelt so hoch wie für ähnliche Hotels in der Türkei, und noch billiger in Kanada. Das ist mit gutem Grund staatlich gesteuert. Die Kanadier sind weitaus pflegeleichter als die tourismuserfahrenen Deutschen. Die Deutschen Touris reklamieren (mit guten Grund!) zu viel und machen deshalb das Geschäft für die Kubaner unattraktiv.

Die Pilzsuppe mit Serrano – Schinken hatte eine hohe Affinität zu Dosenchampignons, denen wir im Laufe unseres kulinarischen Abenteuers in diesem Hotel regelmäßig wieder begegnen sollten. Der Serrano – Schinken war ein Minischnipsel, ordentlich fest gebraten, damit es in der Suppe wieder weich werden kann, wofür sich die Suppe infolge ihrer niedrigen – und damit sofort genießbaren – Temperatur jedoch verweigerte.

Nachdem ich die ganze Limone aus meinem Mund entfernt hatte, freute ich mich auf eine gerillte Languste. Mit den ersten Gabelversuchen wusste ich, dass diese Languste garantiert tot ist. Immerhin trainierte ich meine Arm- und Handmuskeln bei dem Versuch, sie aus ihrem Panzer zu lösen, sah indessen alsbald ein, dass mir im Leben nicht alles gegeben ist.

Die Karte des Restaurants ist recht umfangreich. Bis auf die Vorspeisen werden alle Gerichte auf einem Grillblech vor den Augen der staunenden Gäste zubereitet. Für die Gewerkschaftler aus Venezuela oder Kolumbien oder Bolivien, die diese Reise in das sozialistische Ideal als Anerkennung für ihre Tätigkeit erhalten haben, oder für die Frankokanadier, für die es die günstigste Reise in die warme Karibik ist, werden die japanischen Kochkünste der jungen kubanischen Köche sensationell sein. Es ist für sie völlig uninteressant, dass sie zwar vier oder sechs verschiedene Gerichte bestellt haben, aber am Ende alle auf ihren Tellern haargenau dasselbe wiederfinden, denn allein der Begriff „japanisch“ reicht für die Faszination völlig aus.

Leider war das auf der Karte angekündigte Vitello Tonnato während meines Besuches nicht erhältlich, so dass ich mein „Testgericht“ für Italiener hier nicht einsetzen konnte. Da die Vorspeisen entsprechend der Ausrichtung aller Restaurants des Hotels sehr international klangen, begann ich mit zwei Pizzen

Saltimboca („geflammt mit Sambuca): Geflammt wurde es außerhalb unserer Sichtweite, und da es kein Vitello gab, war das Fleisch hier vom erwachsenen Rind, wahrscheinlich sogar vom sehr erwachsenen und da es entsprechend der Tradition dieses Hauses auch wieder längst zur Faser geschnitten war, hätte erneut das Training der Kaumuskeln beginnen können. Allerdings suchte ich nach dem Salbeiblatt vergeblich und da es auch keine erkennbare Sauce gab, gab es auch weder Sambuca noch Wein darin, so dass ich von weiteren Bemühungen um dieses Gericht höflich Abstand nahm.

Filet vom Fisch (die deutsche Übersetzung!): Diesen Fisch kannte ich bereits, der allseits beliebte Mai-Mai und ist deshalb hier nicht weiter zu beschreiben, bis auf den Umstand, dass er ersichtlich tot war. Allerdings ist die Küche hier sehr praktizistisch ausgerichtet. Auf beiden Tellern befanden sich haargenau dieselben Garnituren: rohe Zwiebelringe, rote Paprikastreifen aus der Dose, grüne rohe und eine dicke Kartoffelscheibe mit Öl in dem vorher die Saltimbocca zugerichtet worden war.

Die wichtigsten Gerichte waren folgende Fajitas: de Res, des Pollo, de Camerón, de mixtas Grillé. Ich entschied mich für Res und für Camerón, was sich als sehr weise erwies, weil nämlich das Rind noch älter war als die Tage zuvor versuchten Rinderstücken, und ich so wenigstens die Camerón zu mir nehmen konnte. Da auch diese Gerichte allesamt ungewürzt daherkamen, konnte ich mir mit der bekannten mexikanischen Schärfe auch nicht den Magen verrenken.

Das Romántico

Restaurantkritik: Sechs Spezialitätenrestaurants im Hotel Paradisus/ Varadero in KubaWir betraten das Restaurant und erblickten vier junge Damen, die ein Kammerorchester bildeten. Da fiel mir dieser blöde alte Werbespruch ein „Wenn einem so etwas Gutes …“.

Aber dann gestaltete sich alles anders, weil dieses Restaurant keine abartigen Überraschungen für uns bereithielt. Vielleicht lag dies an meinem Ruf, den ich mir inzwischen im Hotel erworben hatte, vielleicht auch daran, dass ich diesmal genau erklärte, wie die Languste bitte zubereitet werden sollte, auf jedem Fall erhielt ein lauwarmes noch saftiges Krustentiermit einer ordentlichen Butter – Knoblauch – Emulsion. Auch die Reistimbale dazu war ordentlich. Sogar der landestypische Mahi – Mahi Fisch war schonend sautiert worden. Und die angeschwenkten Camerónes lagen auf einem gut geratenem Kartoffelpüree.

Pallarda de res con demiglace. Dieses entsprang einer besonderen geistigen Leistung des Kochs. Er hätte nämlich unter Berücksichtigung der Urlaubsträgheit der Gäste das Rindfleisch längst zur Faser geschnitten, damit diese endlich wieder einmal beim Schneiden des Fleisches ihre Arm- und Handmuskel trainieren können. Ich vermute, dass bei den meisten danach allerdings bei der Aufnahme des Fleischbrockens ihre Kaumuskeln versagten. Doch immerhin verbarg sich unter dem Fleisch ein Turm aus Tomatenring, Kürbis, dicker Zwiebel und einer Art grünem Kohl. Für einen Vegetarier wäre dies eine vollwertige Mahlzeit gewesen.

Indessen wollte ich es nicht mit diesen miesen Erlebnissen beenden lassen, denn immerhin weilte ich in einem der wenigen Vorzeigehotels Kubas, und sein F+B – Manager war ein Spanier, der sogar einige Zeit im Berliner Adlon Erfahrungen sammeln konnte.

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