Restaurantkritik: La Mar in Lima

Der Peruanische Biergarten mit Fisch

Wer sich in diesem Restaurant nicht wohlfühlt, der ist entweder ein Snob oder dem ist kulinarisch nicht mehr zu helfen! Hier vereint sich das pralle Leben mit bodenständiger Genusssucht. Auf ihrem Weg vom Meer zum peruanischem Land nehmen die Meerestiere einen kleinen Umweg über die Küche des La Mar in Lima, um direkt in den Mäulern einer standesfreien Gesellschaft zu landen.

Ein Papa neckt sein Töchterchen mit knusprigen Camerones; eine kleine Gruppe von Geschäftsleuten hat jegliche Distanziertheit abgelegt, um sich riesige Langusten einzuverleiben und dabei ständig zu telefonieren; ein Liebespärchen steckt sich, die Welt vergessend, wechselseitig gekringelte Arme eines  Octopus in die Münder; junge amerikanischen Touris gelangen nicht so richtig zum Essen über das Wunder eines Holzschiffes auf ihrem Tisch prall gefüllt mit Muscheln und allerlei frittiertem Fischgetiers, welches sich zwischen Yuccabrocken und Platanoscheiben tummelt; drei nicht gerade ausnehmend schlanke Damen in seriösem Alter kommen beim Betrachten einer prachtvoll drapieren Tafel mit Austern nicht mehr aus dem Kichern über immer neuer Anzüglichkeiten heraus; chinesische Touris hauen sich, ungeübt mit Messer und Gabel, so riesige Brocken von Thunfisch rein, dass ich befürchte, sie verschlingen auch noch das Eisen; und ich mittendrin vergesse vor lauter Bewunderung, meinen Mund zu schließen. Über allem blinkt aus einem luftigen Geflecht von Zweigen die Sonne hindurch, und ein dicker musikalischer Dunst hüllt alles ein.

Restaurantkritik: La Mar in LimaWas soll ich hier analysieren und kritisieren, wo die Menschen im Lokal die Attraktion sind und ihre Speisen die Illustration bilden?

Zugleich kommt mir eine andere Frage ein den Sinn:

Warum um alles in der Welt wird dieses Gartenrestaurant in der Liste der „50 besten Lateinamerikanischen Restaurants“ auf einem sagenhaften 15. Platz geführt? Weit vor den besten Restaurants in Ländern wie Kolumbien, Uruguay, Paraguay, Französisch Guayana und Venezuela, sowie vor vielen anderen in Brasilien, Argentinien und Mexiko, währendem es im innerperuanischen Ranking erst auf dem 14. Platz geführt wird?

Die Speisekarte und die Restaurantleiterin

Restaurantkritik: La Mar in LimaBevor ich dazu komme, mir auf diese Frage eine einigermaßen anspruchsvolle intellektuelle Antwort zurecht zu legen, erhalte ich zwei riesige dicke und zusammengebundene Pappdeckel überreicht, auf dessen beiden Innenseiten die Speisen aufgeschrieben sind, aber in einer solchen Buchstabengröße, dass selbst extrem kurzsichtige Besucher getrost ihre Brille hätten zu Hause lassen können. Ich blicke auf das Speiseangebot, gönne mir eine Minute zum Lesen, der Kellner bleibt neben mir stehen, und dann begehe ich den entscheidenden Fahler dieses Mittags: Ich stelle dem Kellner einige Fragen. Eigentlich sind diese nicht ungewöhnlich: Wodurch sich „Cebiche“ von „Tiraditos“ unterscheiden, wann und wie und wo die „La Pesca del Dìa“ gefangen worden sind, welche Fische für die „Los Platos de La Mar“ verwendet werden, und dann frage ich noch nach einigen unbedeutenden Einzelheiten wie beispielsweise, ob ich die angebotenen Langusten vorher auch sehen könnte, oder ob der Lachs für die Makis aus Aquakulturen stammt, doch in meiner grenzenlosen Naivität gegenüber diesem „Fischgarten – Restaurant“ hatte ich völlig die Veränderung der Gesichtsfarbe des Kellners übersehen, und als ich darauf mit einigen beschwichtigen Worten reagieren wollte, hatte er sich bereits umgedreht und ward verschwunden. Ich blieb verblüfft und auch ein wenig betroffen zurück. Indessen fand ich keine Zeit, über mein Missverständnis nachzudenken, denn nach wenigen Augenblicken trat eine hochgewachsene und schlanke Frau von Anfang 30 an meinen Tisch, deren Attraktivität mich weitaus mehr fesselte, als  die von der Speisekarte ausgehenden Fragen. Ich erhob mich, stellte mich ihr vor, übergab meine Visitenkarte, wir begannen eine Konversation über die kulinarische Behandlung von Fischen, ich berichtete ihr von dem sagenhaften New Yorker Fischrestaurant Le Bernardin, sie berichtete mir über ihre enge Beziehung zu dem Besitzer von „La Mar“, Gastón Acuria, empfahl mir einige Speisen, ich stimmte zu, sie, tippte die Bestellung in ihr elektronisches Gerät ein, und dann trafen schon Vorspeisen an meinem Tisch sowie unmittelbar danach auch die ersten Cebiches ein.

Fisch und Cocktails

Restaurantkritik: La Mar in LimaNach dieser Begegnung, der auf jedes Gericht eine weitere mit ihr folgen sollte, sowie auch ein langes Gespräch mit dem Küchenchef Anthony Vásquesz Díaz und einen Besuch in seiner Küche, war an eine regelrechte Analyse der Speisen nicht mehr zu denken. Ich wurde wie ein Ehrengast behandelt, was mein Trinkgeld in schwindelerregende Höhe trieb, und ich genoss ein für die rustikalen Verhältnisse des „La Mar“ grandioses Fischessen. Hier hätte mein früherer Kölner Karnevalsverein sein traditionelles Fischessen am Aschermittwoch abhalten sollen, und er hätte erstmalig erlebt, wie Fisch schmecken kann.

Restaurantkritik: La Mar in LimaAllerdings hatte ich nicht ein derartiges Ende erwartet. Zu mir an den Tisch kam das schiere Grauen, schon von weitem schrecklich anzuschauen, und zudem machte ich den schwerwiegenden Fehler, es direkt in die Augen zu sehen, wodurch ich den Eindruck erhielt, dass es mich fressen wollte! Die absolute finale Krönung von La Mar gelangte zu mir: Pez Diablo! Glücklicherweise verwandelte sich dieses Untier nach einigen Minuten! Ich wollte gar nicht wissen, wie es gewürzt worden war, oder ob es in einer riesigen Fritteuse seine krosse Oberfläche erhalten hatten, und ebensowenig könnte ich nach etlichen Cocktails sowie dem Tasting einiger einheimischer Biersorten später noch sagen, ob es saftig oder trocken und schon gar nicht welches Aroma es in meinen Mund abgegeben hatte, es war mit dem Teufelsfisch einfach unvergleichlich gewesen.

Fazit

Bitte jedoch keine Missverständnisse aufkommen lassen! Das „La Mar“ war nicht „Le Bernardin“, auch nicht eine abgespeckte Version davon. Es ist kein Gourmet – Restaurant. Es hat einen erheblichen Wohlfühlfaktor, so wie eben auch ein bayerischer Biergarten einen solchen haben kann. Dort kann jede Generation und jeder Touri ordentlich essen, aber in der Gruppe noch viel mehr Spaß haben.

Restaurantkritik: La Mar in LimaIch kann mir vorstellen, dass die Konzeption von La Mar und in dieser Speisenqualität auch in Hamburg und Berlin erfolgreich wäre. In New York ist Gastón Acurio damit gescheitert, aber vielleicht lag es auch am Franchisenehmer. In Santiago de Chile, in Bogota, in Sao Paulo und in San Francisco ist er damit erfolgreich, aber keines kommt an das Original in Lima heran!

La Mar
Av. La Mar 770, Miraflores
Lima
Peru

www.lamarcebicheria.com

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