Restaurantkritik: Fiesta Chiclayo Gourmet in Lima

Ein sonntägliches Missverständnis

An einem sonnigen Sonntag Mittag im Peruanischen Sommermonat Februar war dieses Restaurant ein Fest. Über 80 Gäste fühlten sich sichtlich wohl. Sie genossen die riesigen Portionen, teilweise in altertümlichen Gerätschaften serviert, mit großen Fleischbrocken und Bergen von Beilagen. Nur zwei Gäste empfanden den Namen des Restaurants völlig unpassend: Meine Frau und ich!

Die Lust an den Listen

Restaurantkritik: Fiesta Chiclayo Gourmet in LimaAls vor zwölf Jahren das bis dahin wenig bekannte englische Gastronomiemagazin „Restaurant“ sich zum ersten Mal an der absurden Idee versuchte, eine Liste der 50 besten Restaurants der Welt zu erstellen, ahnten die Redakteure nicht im Geringsten, wie sehr sie damit die Wahrnehmung der gastronomischen Welt verändern würden.

Eigentlich sprach alles gegen diese Idee. Die Qualitäten eines Restaurants sind nicht mit Kriterien eines sportlichen Wettkampfes zu bewerten, und deshalb auch nicht untereinander zahlenmäßig zu vergleichen. Um dies trotzdem zu ermöglichen, etablierten die Redakteure ein Bewertungssystem, dass sich im ersten Moment auf dem Papier überzeugend liest, gemessen an seiner Umsetzung jedoch purer Nonsens ist. Entsprechend ablehnend fielen die Einschätzungen etablierter Journalisten dazu aus. Dies alles ist bei Wikipedia nachzulesen.

Wahrscheinlich jedoch hatten die Redakteure einen Faktor unbewusst völlig richtig eingeschätzt, den ihre Wettbewerber völlig verkannt hatten. Ob in der Malerei oder beim Wein oder eben auch bei Restaurants ist die Welt für den einzelnen Konsumenten völlig unübersichtlich geworden. Vor dreißig Jahren gab es in Deutschland zuerst die „Aubergine“, dann mit großem Abstand der „Goldene Pflug“, danach folgten drei oder vier weitere Restaurants, und auf diese nur noch die Wüste. Wie will sich heute ein Gourmet orientieren, wenn er das beste Restaurant Deutschlands besuchen möchte?

Es ist ein zutiefst menschliches Begehren, das Beste haben zu wollen oder das Beste zu erleben, selbst wenn wir rein logisch ganz genau wissen, dass dieses Begehren völlig unlogisch ist. Unser emotionales Begehren interessiert die rationale Logik nicht. Wir leben ständig mit der Auseinandersetzung dieser zwei Seelen in uns.

Restaurantkritik: Fiesta Chiclayo Gourmet in LimaUnd dann teilte auf einmal ein Magazin mit, Kriterien für die Auswahl der „50 weltweit besten Restaurants“ gefunden zu haben. Diese waren so komplex und zugleich so unübersichtlich, dass sie eine gewisse Glaubwürdigkeit ausstrahlten, und zugleich nicht einfach durchschaut werden konnten. Es sei dahingestellt, ob dies bewusst erfolgte oder sich aus dem Anliegen heraus zufällig ergab. Ganz gewiss nicht zufällig war dann jedoch die Zusammenarbeit mit einem Tochterunternehmen des weltweit größten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé. Damit erhielt dieses Unterfangen ausreichend Geld und Reputation.

Alles Weitere war reiner Selbstlauf: Bekannte Persönlichkeiten aus der gastronomischen und kulinarischen Szene wurden angezogen, die mediale Berichterstattung angekurbelt, und fast jeder bekannte Kochkünstler fühlte sich geehrt.

Restaurantkritik: Fiesta Chiclayo Gourmet in LimaAls in einigen Medien begonnen wurde, die Platzierungen von Restaurants wie selbstverständlich zu behandeln, dauerte es nicht mehr allzu lang,  bis aus einer subjektiven und selektiven Wahrnehmung eine allgemeinverbindliche Realität wurde. Es ist wie mit der Antwort auf die Frage

„Was ist Kunst?“

„Kunst ist das, was Museen ankaufen!“

Selbst zahlreiche völlig offensichtliche Ausreißer wie beispielsweise das harmlose Pariser Bistro „Le Chateaubriand“ unter den ersten zehn zu platzieren, schadeten dem Ruf dieser Liste nicht, sondern halfen durch publizistische Empörungen, die Kunde von seiner Existenz zu verbreiten.

Heute benötigt diese Liste gar keine Verteidigung ihrer selbst willen mehr. Sie ist sich selbst genügsam.

Die Positionierung von “Fiesta“

Im letzten Jahr erfolgte die erste regionale Erweiterung durch eine Liste der „50 besten Lateinamerikanischen Restaurants“. Das „Fiesta“ in Lima steht darin aktuell auf Platz 14, und im innerperuanischen Ranking sogar an 5. Stelle. Ich habe eine starke – und im Sinne dieser Listen auch einfache – Vermutung, wie es dahin gekommen sein mag. Die wenigen Tester, die das „Fiesta“ besucht haben, konnten es im üblichen Sinne gar nicht „testen“. Nach den vielen säuerlichen „Cebiche“  und „Tiraditos“ konnten sie sich im „Fiesta“ endlich einmal kulinarisch ausruhen. Da war nichts zu analysieren und nichts zu vergleichen und nichts zu bewerten. Endlich einmal konnten sie sich so ganz dem Schlemmen hingeben: Große Portionen und mächtige Optik – viel Fleisch, viel Fisch, viel Soße, viele Beilagen. Endlich sich einmal nicht den Magen mit undefinierbaren Kleinigkeiten versauen. Endlich einmal nicht den Gaumen mit völlig gegensätzlichen Aromen überstrapazieren. Und endlich einmal beim Essen nicht nachdenken zu müssen.

Das „Fiesta“ tritt äußerlich wie ein gehobenes Familienrestaurant auf und in seinen Speisen wie ein bayerisches Wirtshaus. Das wird den Testern imponiert haben! Mir überhaupt nicht, doch ich bin nicht Teil dieser Liste.

Die Karte und die Speisen

Wie üblich erhielten wir eine englische und eine spanische Karte. Beide waren recht groß und ausführlich sowie deutlich beschmutzt. Ich bat um eine weitere englische, um diese hier wiedergeben zu können. Sie war noch schmutziger, weshalb ich sie zurückgab. Der Kellner versicherte, mir eine Karte per Mail zu sendne. Bei der Versicherung blieb es, was mich allerdings auch nicht weiter verwunderte.

Nach einigen Blicken auf die Karte bestellten wir vorsichtig erst einmal nur drei Speisen.

Es dauerte 45 Minuten, dann erreichte uns ein Amuse. Allerdings wurde uns die Wartezeit durch eine kräftige Barmusik von internationalem Standard angenehm verkürzt. Außerdem waren wir – als die ersten Gäste – zuvorkommend direkt neben dem Bestecktisch der Kellner platziert worden, wodurch wir in dieser Zeit als besonderen Service auch an ihren ausführlichen Besprächen über Familie, Fußball und Frauen teilhaben konnten.

Das Amuse war ein kleines Brötchen, perfekt standardisiert als tiefgefrorener Teigling, gefüllt mit einem gebratenen Fischlein, dessen Alter infolge seiner Säuerung und der Beigabe von reichlich Chili auch nicht hinterfragt zu werden brauchte.

Restaurantkritik: Fiesta Chiclayo Gourmet in LimaPeru ist bekannt für die Vielfalt seiner Meeresfische. Aus Kuba, der Heimat meiner Frau, kannten wir vor allem Langusten. Die hier georderte Languste war etwas ganz Besonderes. Sie kam auf einem großen Tablett, schön garniert mit Kopf und Schwanzpanzer, und mit zahlreichen Beilagen wie Yuccabrei, ganz scharfe Paprikaschoten, Maisbrei, Maiskörner, große Zwiebeln, Süßkartoffeln sowie einem pochiertem Ei. Ich habe schon etliche teure Eier gegessen, beispielweise mit Trüffeln, aber noch niemals zuvor ein so teures poschiertes Ei. Dieses Ei verschönte die kleinen panierten und frittierten Stückchen, welche einstmals zu einer Languste gehörten, wovon allerdings ihr roher Zustand unter der Kruste immer noch kündete.

Anbei noch eine Episode:

Restaurantkritik: Fiesta Chiclayo Gourmet in LimaAls meine Frau die Languste reklamierte, hub der Kellner zu einer ausführlichen kulinarischen Erläuterung an. Nach fünf Minuten unterbrach meine Frau ihn abrupt, was ich hier wörtlich wiedergebe, weil ich sie sehr selten so resolut erlebe:

Mein junger Freund (er war doppelt so alt wie meine Frau), ich bin Kubanerin, und du willst mir doch wohl nicht ernsthaft so einen Scheiß über Langusten erzählen!“

Als zweiten Gang hatte ich ein Zicklein bestellt. Die bedauernswerte Ziege lag inmitten einer Kürbissoße, grün gesprenkelt von klitzeklein zerhackten Korianderblättern, aufgemuntert durch Stücke von unbehandeltem (wahrscheinlich sogar biologischem) Kürbis sowie dem nun schon obligatem Yuccapüree. Gesondert wurden wir aufgefordert, uns kräftig an weißen Bohnen in einem separaten Schälchen zu bedienen, an denen Fans naturnaher Kost ob ihres weitgehend rohen und ungewürzten Zustandes ihre helle Freude gehabt hätten.

Damit dies alles auch für uns genießbar wurde, erhielten wir zwei Soßen (gelb und rot), die selbst einem eingeborenen Inder die Tränen in die Augen getrieben hätten.Restaurantkritik: Fiesta Chiclayo Gourmet in LimaDoch alsbald kam mit der Ente ein weiterer Höhepunkt auf unserem Tisch. Die Ente befand sich in einem kesselartigen Behältnis, wie er früher von den Hausfrauen eingesetzt wurde, um den Männern das Essen zur Arbeit zu bringen. Seinem äußeren Zustand nach schien er wohl auch noch aus dieser Zeit zu stammen. Vielleicht rechtfertigte sich mit dieser Antiquität auch der hohe Preis der Entenstücke. Allerdings erwies sich die Bezeichnung „Ente“ als ungerechtfertigt, denn der Hauptbestandteil dieses Gerichts war grüner Reis, eingefärbt von denselben zerkleinerten Korianderblättern wie bei dem Zicklein. Der Reis war in seiner Konsistenz genießbar, wenngleich seine aromatische Prägung eine gewisse Gewöhnung an frischem Koriander en masse erforderte. Die Beilage waren zwei Stücke bestens durchgebratener Entenbrust, und also solche war ihre Konsistenz ja auch belanglos.

Restaurantkritik: Fiesta Chiclayo Gourmet in LimaDie Kellner mussten inzwischen wohl etwas von unserer Begeisterung  mitbekommen haben, denn sie ließen uns zufrieden, fragten nicht nach einem Dessert – Wunsch, sondern legten problemlos die Rechnung auf den Tisch.

Als wir durch die Tischreihen zum Ausgang schlenderten, blickten wir nur in zufriedene Gesichter eifrig mampfender Gäste.

An der Tür erwartete  uns dann noch eine Überraschung. Uns wurde eine große Schüssel mit zahlreichen Bonbonsorten dargeboten, aus der wir uns bedienen sollten. Der Sinn dieses besonderen Service bestand wahrscheinlich darin, unsere Geschmacksnerven wieder an neutrale Empfindungen heranzuführen.

Fiesta Chiclayo Gourmet
Av. Reducto 1278, Miraflores
Lima
Peru

www.restaurantfiestagourmet.com

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