Restaurantkritik: Das Jin Ding Xuan Jiu Lou in Peking

Wenige Wochen vor meinem Besuch in Peking hatte ein China Korrespondent der FAZ, einen über zwei Seiten gehenden Bericht zu den vier bemerkenswertesten Restaurants Pekings gebracht. Darin bezeichnete er das Jin Ding Xuan als das „vielleicht polulärste Restaurant der Stadt“. Auch sonst traf fast alles Weitere in diesem schwungvoll verfassten Bericht über das Jin Ding Xuan zu.

Wie habe es an einem Freitag Abend besucht und tatsächlich trafen wir ein mit roten Lampions behängtes vierstöckiges Gebäude an, durchaus imposant mit seiner bunten Holzfassade, vor dessen Eingang sogar Stühle für die Wartenden aufgestellt sind, der Boden bedeckt mit Schalen von Sonnenblumenkernen, die großzügig aus einer Schüssel direkt vor einer jungen Frau entnommen werden können, bei der sich der willige Gast zu melden hat, ein Nümmerchen enthält und sich dann die Wartezeit mit ebendiesen Kernen vertreiben kann. Auch das Interieur – „altertümelndes und industrielle Design mit Holztischen und ausladenden Stühlen“ – trafen wir genauso an. Echte Turis könnten begeistert sein, ein echtes chinesisches Restaurant betreten zu dürfen, zumal sich in unmittelbarer Nähe gleich drei echt alte chinesische Tempel befinden.

Unerwähnt bleibt in diesem Artikel jedoch die U-Bahn. Diese führt nämlich direkt unter dem Fresstempel entlang, was den Vorteil mit sich bringt, dass die Gäste im Speiseraum des Erdgeschosses (in China wie überall außerhalb Deutschlands der erste Stock) in regelmäßigen Abständen eine kleine Fußmassage bekommen. Ich bin sicher, dass dies kein reiner Zufall ist sondern angesichts der chinesischen Vorliebe für Fußmassagen reine Absicht.

Allerdings traf eine Beschreibung nicht zu, zwar nur eine einzige, die vielleicht bei dem Journalistenkollegen nicht so ins Gewicht fallen wird, die ich aber aus rein subjektivem Interesse – wie ich es hier gern zugebe – doch benennen möchte.

Die Speisen

IMG_7320Im Unterschied zu anderen von uns besuchten Restaurant kamen die Speisen hier nicht gleichzeitig auf den Tisch, sondern in kurzen Abständen ging immer wieder ein anderer Kellner oder andere Kellnerin mit einem riesigen Tablett an unserem Tisch vorbei, stoppte kurz und luden davon eine Schüssel auf unserem Tisch ab. Als der Tisch dafür zu klein geworden war, räumten sie diejenigen Schüsseln weg, von denen bereits das meiste gegessen worden war, auch wenn diese noch zu zwei Drittel gefüllt waren, vergaßen jedoch nicht den Hinweis, dass wir diese später als Doggiebag zurückerhalten würden. So entwickelte sich vor uns ein breites Panorama chinesischer Kochkunst, beginnend mit einem Berg geschmorter Auberginen. Bereits bei diesem ersten „Gang“ zeigte sich die ganze Raffinesse der Küche des Jin Ding Xuan, denn um die übliche Härte der Schalen dieser Frucht zu vermeiden, waren sie zu einem weichen Brei geschmort worden, was zudem für die älteren Gäste den Vorteil bot, dieses Gericht problemlos aufnehmen zu können. Eine derartige Rücksichtnahme war auch bei den meisten der anderen Teller zu erschmecken. Chinesen müssen hart arbeiten. Sie benötigen Kalorien. Dafür bietet sich Fett an, das bekanntermaßen zugleich auch ein wichtiger Geschmacksträger ist, weshalb es in fast allen Speisen reichlich eingebaut worden war, wie beispielsweise in einem heißen Topf mit Schweinefleisch, der im Wesentlichen aus Schwarten bestand, oder in der unbestimmten Provenienz einer Ente, die sich vor allem mit ihrer fetten Haut präsentierte. Demgegenüber waren die süßsauren Shrimps mit Litschis und die gebratenen grünen Bohnen richtiggehend schön knackig, der Saft war ordentlich rausgebraten worden, so dass die Zähne auch einmal etwas zum Beißen bekamen. Ein einsamer Höhepunkt waren die berühmten „Alt – Pekinger Nudeln mit Sojabohnensoße“, deren Geschmack bereits treffend im ersten Wort ihres Namens enthalten ist. Damit war noch ein weiterer Vorteil verbunden, denn nach diesen Nudeln mussten wir nicht mehr die „1. 000 Jahre alten Eier“ probieren, wir wussten ja bereits wie diese schmecken.

Am Ende langten dann drei Schüsseln mit Reis an unseren Tisch an, was sicherlich kein Fehler des Service war, denn nach einem Blick auf unsere nach wie vor gut gefüllten Schalen, wollte der Service, dass wir uns den Magen richtig füllen können, und außerdem war damit ein Vorteil verbunden, den allerdings nur wir so richtig zu schätzen wussten. Der komplett ungewürzte Reis war vorzüglich zur aromatischen Neutralisierung unseres Gaumens geeignet.

Fazit

Jin Ding Xuan Jiu LouDer gut informierte FAZ – Journalist lobte in seinem Artikel die Speisen dieses Lokals auf einprägsame Weise, insbesondere „die köstlich schmeckenden rechteckigen Reisröllchen“. Es mag sein, dass zwischen den kulinarischen Vorstellungen von Herr Siemons und mir eine gewisse Lücke klafft. Wahrscheinlich bin ich die Ursache dafür, denn es ist mir nicht gelungen – so wie es wahrscheinlich jener mühelos geschafft hat – meine Geschmacksempfindungen auf dem Niveau einer studentischen Mensa zu bewahren.

Vielleicht haben Sie erst zu diesem Moment meine üblichen Fotos vermisst. Das Management des Jin Ding Xuan ist schlau! In der dicken Speisekarte wird jedes Gericht auch mit einem großen Foto präsentiert. Alle von uns bestellten Gerichte waren so kreativ zubereitet, dass wir keine Ähnlichkeit mit dem Foto feststellen konnten. Mit einem strikten Fotografierverbot verhindert das Management, dass die Kreativität seiner Köche von anderen Köchen – oder sogar am heimischen Wok – nachgeahmt werden kann. Etwas anderes zu unterstellen wäre eine pure chinesische Unhöflichkeit!
Nun könnte bei Ihnen die Frage entstehen, warum ausgerechnet ein solches Restaurant sich einer derartigen Beliebtheit erfreut. Fragen Sie sich doch bitte einmal, warum Menschen massenhaft in einen Biergarten gehen, es dort stundenlang auf unbequemen Stühlen aushalten, Bier aus einem Literglas trinken, welches spätestens beim dritten Schluck bereits schal ist und Leberkäs höchst zweifelhafter Qualität zu sich nehmen, der weder Leber noch Käse enthält! Menschen sind sehr einfach strukturiert: Wo viele Menschen sind, muss es interessant sein, sonst wären da ja nicht so viele, also besteht die Kunst eines Gastronomen darin, direkt am Anfang dafür zu sorgen, dass sein Lokal gut gefüllt ist. Viele Menschen können sich nicht irren, schon gar nicht beim Essen.

Kein älterer Kellner hält den Stress in einem solchen Lokal dauerhaft aus, also müssen viele Junge ran, was bei den Gästen wiederum ihren positiven Eindruck verstärkt, denn wenn so viele junge Frauen und Männer durch das Lokal wuseln, muss es hier einfach gut sein, suchen doch gerade junge Menschen stets den besonderen Kick.

Falls es Sie einmal nach Peking verschlagen sollte, besuchen Sie ruhig das Jin Ding Xuan, denn sie erhalten einen profunden Eindruck chinesischer Essgewohnheiten und chinesischem Unternehmergeistes, aber denken Sie dabei an meinen Rat: Gehen Sie vorher ordentlich Essen!

Jin Ding Xuan Jiu Lou
Tuanjiehu Rd (E 3rd ring Rd.)
Chaoyang
Peking