Restaurantkritik: Afternoon Tea im Claridge´s, The Ritz und The Berkely in London

Afternoon Tea

TRADITION MIT ZEITSCHRANKE

Fast jeder deutsche Besucher Londons wird schon einmal von der englischen Institution des Afternoon Teas gehört, aber die wenigsten werden ihn auch schon einmal ausprobiert haben. Vielleicht lassen sie sich von dem hohen Preis abschrecken, was zumindest auf die Luxushotels zutrifft. In den weniger prominenten Hotels und in einigen Restaurants oder Cafés sind dagegen 30 Euro nun wahrlich kein Abschreckungsgrund. Da zahlreiche Deutsche immer noch den Preis eines Essens in Relation zu seinem Umfang setzen, sei zur Absicherung gesagt, dass man sich bei der Zeremonie eines Afternoon Teas auch satt essen kann. Allerdings ist für die qualitativ besten Afternoon Teas wenigstens das Doppelte zu begleichen und sie haben eine wesentliche Einschränkung. Der Gast kann dort höchstens zwei Stunden verweilen. Die Hotels vergeben Tische von 15.00 Uhr bis 17.00 Uhr und dann erneut bis 19.00 Uhr. Der „Afternoon“ wird also recht großzügig ausgelegt. Daran ist unschwer zu erkennen, wie groß die Nachfrage selbst bei den aufwändigen „Teas“ ist.

Afternoon TeaDafür erlebt der Gast englisches Kulturverständnis par excellence: dezente, adlige Atmosphäre (oder auch ausgelassene Frauentreffen!), feine Sandwiches (selbstverständlich ohne Brotkrusten, die wären in einer solchen Umgebung auch wohl viel zu profan), einen herrlichen Pimm’s Cocktail (wer es ordinärer mag, erhält auch ein Glas Champagner), kleine Petit Fours (allesamt zuckersüß), die Auswahl unter wenigstens einem Dutzend Teesorten (aber keine Beutel!) in prächtigen Porzellan-Tassen, die besten warmen Scones mit richtig dicker Sahne und verschiedenen Sorten Marmelade (selbstverständlich alles „home made“, was auch immer darunter zu verstehen ist), zuletzt einige Pralinchen oder Eiscreme – ach ja –beinahe hätte ich das Wichtigste vergessen – auch Kammermusik gibt es und zwar live!

In dieser Atmosphäre verändert man sich bereits nach einigen Minuten: Die innere Hektik geht zurück, die Scheu vor englischer Noblesse fällt ab, die Konversation gleitet entspannt dahin, Freude am Probieren jedes einzelnen der vielen Teilchen kommt auf, wie nie zuvor kann man die Wirkung völlig verschiedener Teesorten spüren, ja, sogar für die sonst nur als albern empfundene Hintergrundmusik hat man auf einmal ein Ohr. Und am Ende findet man sich entspannter wieder als nach einem ganzen Tag im Spa.

Wir haben die drei folgenden Hotels in dieser Reihenfolge besucht. Zufällig entspricht sie auch der Qualitätsabstufung.

Claridges – Reichlich Sandwiches und Scones

Afternoon TeaEinst war dieses Hotel der bevorzugte Aufenthaltsort gefallener europäischer Könige. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Sein Afternoon Tea kann in Jeans und ohne Sakko eingenommen werden, was nicht weiter stört, weil er der beste aller Londoner Hotels ist. Bei den Damen sind Kleider oder Röcke mit Blumenmotiven sehr beliebt.

Wir tranken den ersten Pimm’s unseres Lebens; er war fantastisch, worauf wir ihn bei allen möglichen Gelegenheiten erneut probierten, oft war er gut aber nimmermehr so wie unser Erster; geht es uns mit den Kindheitserinnerungen nicht aus so?

Die Teeauswahl ist grandios; sie reicht bis hin zu so seltenen Sorten wie den nur an zwei Tagen im Jahr zu pflückenden Royal White-Silver Needles. Üblicherweise werden zwei Sorten Tee gewählt, eine für die Sandwiches und eine für den „süßen“ Teil des Nachmittages.

Traditionell kommen Sandwiches, Törtchen und Scones auf einer Etagere. Im Claridge’s sind die Sandwiches reichlich und werden auch nachgereicht, deshalb kommen die Scones und die Törtchen später. Die gewählten Teesorten werden nacheinander serviert. Cream und die beiden Marmeladesorten sind ausgezeichnet sowie reichlich. Übrigens wird bei der Zubereitung der Marmeladen eine Teebasis verwendet. Der Service ist stets Afternoon Teazuvorkommend, die Atmosphäre entspannt dezent. Zwei Stunden ohne die allgegenwärtige Londoner Hektik, ohne den Schmutz in der Londoner Luft und ohne das Menschengedränge in den U-Bahnen. Es ist Luxus pur! Zwei Stunden für 70 Euro! Da wir den „zweiten Service“ erhalten, also erst gegen 19.30 Uhr unseren „Tea“ beendeten, erübrigte sich an diesem Abend auch das Dinner.

Während des Jahres variiert der Sandwichbelag. Ein Sandwich reicht für zwei oder drei Bisse, aber jede Sorte kann problemlos nachbestellt werden.

The Ritz – Teatime der besseren Gesellschaft

Menu The RitzDer Schweizer César Ritz hat das erste Luxushotel der Welt gegründet. Man glaubt es kaum, dass dies erst 115 Jahre zurückliegt. Das The Ritz London war das zweite Hotel mit seinem Namen. Es ist immer noch ein sehr nobler Aufenthaltsort. Als einziges Hotel in London hat das Ritz das Tragen von Sakko und Krawatte zur unabdingbaren Voraussetzung für die Teilnahme am Afternoon Tea erklärt, schließlich will der Herr dort als Gentleman behandelt werden. Dafür servieren die Kellner dann auch standesgemäß im Frack. Der Saal für den Tea ist leicht erhöht, sodass der Gast ein wenig wie auf einem Präsentierteller sitzt, oder – englisch gedacht – sodass die Herren und Damen der besseren Gesellschaft sich zeigen können; sie brauchen sich nicht zu verstecken! Dementsprechend pompös ist die Ausgestaltung des Raumes mit Afternoon Teareichlich Gold, Putten, Spiegeln und riesigem Blumenschmuck.

Die Sandwiches sind gut und reichlich, die Scones nur von mittlerer Qualität (zu mehlig schmeckend). Die Teeauswahl ist deutlich geringer als im Claridge’s, andererseits sind die Törtchen reichhaltiger und vielleicht deutet die nur eine Sorte Erdbeermarmelade daraufhin, dass die besten Zeiten dieses Traditionshauses vorüber sind. Allerdings ist die Musik edler als in allen anderen Nobelhotels. Sie wird von einem Pianisten geliefert, der einst Mitglied der Rockband „The Kings“ war; heute ist er das musikalische Faktotum des Ritz.

The Berkeley – Törtchen im Designerlook

Dieses Hotel ist viel jünger als die beiden anderen, und es ist auf eine andere Klientel ausgerichtet. Hier würde niemals der distinguierte Engländer fortgeschrittenen Alters seinen Tea einnehmen. Dafür sind jede Menge von gruppenweise kichernden Damen anzutreffen, die diese Gelegenheit ausnutzen, um sich über all die lebensschweren Menu Berkeley Ereignisse der letzten Wochen auszutauschen, über die sie sich noch nicht via Smartphone ausgetauscht haben. Das Hotel trägt dem Rechnung, indem es seinen Afternoon Tea komplett auf Design ausgerichtet hat. In seinem Mittelpunkt steht: „A delicate collection of cakes and fancies, inspired by the worlds finest designers”. Diese Törtchen sehen als Miniversion von Schuhen, Kleidern und Ähnlichem witzig aus und sie sind schön bunt. Der jeweilige Designer wird auf der Karte angegeben. Die Damen können sich also mit Valentino oder Miu Miu oder Gucci vergnügen und dabei ihre innere Seligkeit mit einem lüsternen Gesicht ausdrücken. Was will die Dame am Rande der Welt mehr!

Die Qualität der Törtchen interessiert dabei niemanden und so ist sie auch dementsprechend.

Anschrift

Clarigde’s
Brook Street
Mayfair
London

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Anschrift

Palm Court
The Ritz
150 Picadilly
London

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Anschrift

The Berkeley
Caramel Room
Wilton Place
Knightsbridge
London

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