Restaurant-Kritik: Trattoria „Antiche Carampane“ in Venedig

Ordentliche Qualität in liebevoller Atmosphäre

Der Venedig-erfahrene Besucher wird diese Trattoria vielleicht auch mit Hilfe eines Stadtplanes finden können. Alle anderen Gäste sollten es erst gar nicht versuchen, sondern einfach zum Campo San Polo laufen und sich dort durchfragen, sonst könnten sie sich alsbald verlaufen. Obgleich diese Trattoria in kaum einem der üblichen Reiseführer aufgeführt wird, ist sie um diesen Campo herum bestens bekannt. Bereits 1909 wurde sie von Hans Barth in seinem Buch über italienischen Osterias erwähnt. Das Haus als solches ist über 400 Jahre alt. Die aktuelle Eigentümerfamilie betreibt sie seit 1984.

Eigentlich ist diese Trattoria ein Unicum. Venedig, einstmals Herrscher des Meeres, ist eine Prostituierte der Tourismusindustrie. Ihre Lokale dienen dem schnellen Abfüttern, nicht dem Genießen. In dieser kleinen und schmalen Gasse hat sich der gebürtige Venetianer Francesco Agopyan einem anderen Konzept verschrieben. Seine Vorfahren stammen aus Armenien und verheirateten sich in Venedig. Sein Großvater war noch ein Fischer in der Lagune.

Francesco und seine Mutter betreiben ihr Fisch-Restaurant mit so viel Erfolg, dass es mittags wie abends ausgebucht ist. Viele Ausländer scheuen nicht die Mühe, danach zu suchen. Allerdings einmal angekommen, dürfen sie seine Mama nicht unterschätzen, die hinter der kleinen Theke steht und auf die Frage nach dem Chef stets antwortet: „Ich bin hier der Boss!“

Trattoria „Antiche Carampane“: Ambiente – rustikal und gemütlich laut

Ein kleines Zimmer mit einer kleinen Theke, einem Ecktisch und einer schmalen Küche sowie ein doppelt so großer Raum mit kleinen Tischen für zwei Personen – alles schaut nach Wohnzimmeratmosphäre aus, genauso wie die Collagen an einer Wand, die Fotos an einer anderen, die gerahmten kleinen Spiegel an der dritten und die Drucke abstrakter Gemälde an der vierten. Über alles thront eine wuchtige Holzbalkendecke. Spätestens dreißig Minuten nach Öffnung ist der Laden proppevoll und es wird laut. Die Freude am Essen und am Austausch ist zu hören. Auf der Haut des Gastes setzt sich Gemütlichkeit fest.

Die Speisen – Konzentration auf wenige Gerichte, vorwiegend Fisch

Die Karte ist klassisch italienisch aufgebaut: Antipasti, Primi Piatti, Secondi Piatti, und wer möchte erhält eine extra Dessert-Karte. Mit gerade einmal 19 Gerichten ist die Karte für italienische Verhältnisse recht übersichtlich. Bis auf wenige Ausnahmen besteht sie aus Fischgerichten, auch die vier Pasta Gerichte der Primi Piatti beinhalten Fisch bzw. Muscheln oder Krabben. Bei der Secondi Piatti gab es während unserer Besuche außer Fisch nur Kalbsleber „Venetian style“.

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Die kurze Wartezeit zwischen Bestellung und Service wurde mit einer selbstgerollten Papiertüte gefüllt mit kleinen frittierten Krabben überbrückt. Überhaupt ist frittierter Fisch eine der Spezialitäten der Trattoria. So war das teuerste Gericht mit 26 € frittierte Weichkrabben, von denen alles gegessen werden konnte, aber nicht unbedingt auch musste, denn ihr Geschmack war eintönig, doch für einen Liebhaber der Weichkrabben durchaus perfekt zubereitet.

Weitaus interessanter für uns war die gemischte sea food Vorspeise aus Stockfischcreme, kleinen Octopusarmen, kleinen Krabben, einem ungemein zartem Kaisergranat, einer frittierten Kugel von Stockfisch, eingelegten Sardellen, getrocknetem Rogen, weißer Polenta und einer hart getoasteten Brotscheibe. Die Salatblätter lasse ich einmal weg, da aromatisch nur ihr Dressing wirkte. Diese Vielfalt entsprach nicht einem extravagantem kulinarischen Leitfaden.

Jeder konnte sich nach und nach diejenigen Bestandteile herauspicken, die ihm gefielen, andere weglassen, aber sich so eine eigene Abfolge der verschiedenen Geschmacksrichtungen und Konsistenzen aufbauen, was indessen nur möglich war, weil alle Bestandteile eine exzellente Qualität aufwiesen.

Auch die ganz traditionell aus Deutschland bekannten Muscheln in einem Tomatensud stellten keine Herausforderung dar, aber sie waren besser, als ich sie jemals in Deutschland erhalten hatte. Zuerst waren darin Miesmuscheln mit kleinen Muscheln (vongole) vermischt und sodann der Tomatensud von einer solch herausragenden Qualität, auf dass der Teller nicht langweilig wurde. Kleine Tomatenstückchen dickten den Sud etwas an, und feines Olivenöl dämpfte das sonst überbordende tomatige Aroma.
Wir probierten alle vier Pasta-Gerichte: Tagliolini mit Krabben-Sauce oder mit Baby Octopus, Spaghetti mit sea food sauce oder Rigatoni mit Schwertfisch, Oliven und Parmesan. Jedes Gericht war für sich grandios, in gewisser Abhängigkeit von der individuellen Vorliebe für eine Pasta- und eine Fischsorte.

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Ich bevorzugte die Spaghetti und die Taglioni mit der Krabben Sauce. Beide waren unterschiedlich ausgerichtet. Die Spaghetti hatten einen hohen Anteil unterschiedlicher Fische von cremig bis zu fest und einen formidabel ausgeglichenen Fischsud. Die Taglioni waren sehr fein und deshalb eng beieinander, nur leicht mit der Krabben Sauce durchtränkt, die zudem durch kleine Tomatenstücke im Zaume gehalten wurde. Meine Frau probierte zuerst die Rigatoni aus. Bis auf die zu großen Oliven, die besser in kleingeschnittenen Stücken gepasst hätten, entstand auch bei diesem Teller sofort ein fast klassisch zu nennender Wohlgeschmack. Die Pasta war als Grundlage dieser Teller exakt gegart, also stets ihre Größe und ihren Umfang berücksichtigend. Jeder Sud bzw. Fisch schmeckte unterschiedlich, war also auf die Pastasorte individuelle abgestimmt, sowie sehr zurückhaltend gewürzt, so dass ihre Eigenarten erhalten blieben.

An der Leber mit gegrillter gelber Polenta war nichts falsch aber auch nichts überragend, eben ein ordentlicher und schmackhafter Teller. Der gebratene Saint Pierre mit rotem Chicorée fiel zu trocken aus, er schwamm in Öl und die Proportionen stimmten nicht. Wir übergingen diesen Ausrutscher großzügig.

In unseren vier Venedig-Tagen haben wir die Trattoria zweimal besucht. Beim ersten Mal hatten wir zu viele Vorspeisen gegessen und mussten das Dessert ausfallen lassen. Beim zweiten Mal waren wir vorsichtiger. Meine Frau orderte für sich ein Dessert. Mich konnte sie dazu nicht überreden. Ich bestellte als Dessert noch einmal eine Portion der Spaghetti mit der Sea Food Sauce.

Trattoria „Antiche Carampane“: Fazit – ordentliche Qualität bei maximaler Frische mit Wohlfühlfaktor

Es ist ein Lokal, wie man es sich klassisch in Italien vorstellt, in dem noch die Mama kocht. Hier kocht sie zwar nicht mehr, auch nicht ihr Sohn, sondern in der kleinen Küche sind von drei Köchen jeweils einer für die Vorspeisen (Fabrizio), einer für die Pasta-Gerichte (Islam), einer für die Hauptspeisen (Adriano) und eine Köchin (Elisabetta) für die Desserts zuständig. Die Abstimmung klappt bestens. Es gibt keine größeren Wartezeiten, so man wenigsten drei Gänge bestellt hat. In dem kleinen Gastraum ist der Service stets präsent und schafft eine familiäre Atmosphäre.

Die Gerichte sind von einer Qualität, wie sie sonst nur in einer gehobenen Osteria zu finden sind. Jeden Tag holt Francesco die Fische frisch vom Rialto-Markt (95 Prozent stammen wild aus der Lagune!), das schmecken die Gäste, kommen deshalb reichlich und erhalten deshalb auch niemals alte Ware. Die Küche kopiert keine internationalen Gerichte. Die venezianische Tradition in bester Qualität, vermischt mit einigen selbstentwickelten Rezepten, vermag jeden Gast zu verzaubern.

Die Gäste kommen aus Venedig, dem Rest Italiens und aus halb Europa, jeden Tag. Familien bringen ihre Kinder mit, ältere Männer auch ihre aufgetakelten Models, alle sitzen Schulter an Schulter, der Lärmpegel steigt, der Wein ist günstig, die Pasta reichlich, und alsbald ist jeder Gast seelisch in der Lage, seine Nase in den Teller zu stecken, auf dass er die äußere Welt vergisst, und sich in dieser kleinen Welt dem Genuss hingibt.
Das urtümliche Italien gibt es noch, sogar in Venedig!

Wer nur wenige Tage in Venedig weilt und einen Platz im Antiche Carampane erwischt, dem ist ein Glück widerfahren, für dass er sich einige Stunden Zeit nehmen sollte.

Bildergalerie: Trattoria „Antiche Carampane“

Kontakt: Trattoria „Antiche Carampane“

Trattoria “Antiche Carampane”
S. Polo, 1911
30125 Venezia
www.antichecarampane.com

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