Restaurant-Kritik: Michy’s – Miami

Michy’s – Miami: Ein Küchenstil, der amerikanischer ist als die meisten amerikanischen Restaurants

Michelle Bernstein und ihr Mann David Martinez stammen aus Argentinien, sind aber amerikanischer als die meisten Amerikaner in Miami Beach, die zumeist ebenfalls nichtamerikanische Wurzeln haben. Michelle und ihr Restaurant sind in Miami Beach ein eigener Kosmos, der die Sternchen von Ringsherum anzieht. Vor sieben Jahren wechselte die junge und begabte Michelle Bernstein von einem Hotel in Las Vegas in ein eigenes Restaurant nach Miami Beach. Hier ist sie eine lokale Berühmtheit geworden, wobei jedoch die Betonung auf lokal keine Einschränkung bedeutet, denn Miami Beach ist sich selber Mittelpunkt.

Michy’s – Miami: Ambiente – eklektisch, verspielt, amerikanisch schick

Michy’s - Miami

An einer belebten Straße von Miami Beach mit zahlreichen kleineren Geschäften und Kiosken liegt ein einstöckiges Haus. Es nimmt nur eine schmale Straßenfront ein. Durch seine unverdeckten Fenster hindurch kann in den Gastraum eines sich bis nach weit Hinten erstreckenden Restaurants geblickt werden. Er ist völlig bunt eingerichtet, oder auch kitschig, oder auch eklektisch oder auch nur fancy, je nach der persönlichen Ästhetik des Betrachters. An den Seiten sind die Sitzbänke mit rotem Stoff bezogen, die Stühle haben buntbeblumte Plastiksitze und –lehnen. Von der schwarzen Decke schaukeln lange Lampen herab, dick mit kleinen und dünnen beigen Plastikscheiben eingekleidet. Die eine Wand ist mit großen Spiegeln verkleidet, die andere ganz mit weißen Gardinen verhangen.

Das Restaurant bietet 60 Gästen Platz. Die Tische sind mit weißen Leinen bedeckt, auf denen eine Papierdecke liegt. Sie sind sehr eng gestellt, so dass eine private Unterhaltung auf allgemeines Interesse stoßen würde, wenn sich nicht alle Gäste fast zu jeder Zeit zugleich unterhalten würden.

An vielen Tagen gehen aus der mit 12 Köchen besetzten Küche innerhalb von drei shifts über dreihundert Teller heraus.

Michy’s – Miami: Die Speisen – breite Internationalität

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Michelle Bernstein beschreibt ihre Küche als „luxurios comfort food“. Ein Blick auf ihre Karte würde zuerst eine andere Charakterisierung nahelegen. Gazpacho, Ceviche, Burrata, Confit, Jamón Serrano, Korean Sweetbreads, Cassoulet, Foie Gras, Steak Frites, Carbonara, Risotto, Polenta usw. – belegen vor allem ihre Orientierung an Frankreich und Italien. Die international ausgerichtete Küche hat es ihr angetan, amerikanische Gerichte, wie das Short Rib, ergänzen nur diese Ausrichtung.

Sol ich zuerst das beste Gericht beschreiben, um zum Weiterlesen anzuregen, oder soll ich zuerst das Schlechteste beschreiben, damit das Ende versöhnlich ist? Dies ist nur eine rhetorische Frage, denn bei Bernstein gibt es keine Total-Ausfälle und ebensowenig total Gelungenes. Alle ihre internationalen Teller sind jedoch amerikanische Teller, weil deren Komposition und Aroma vom amerikanischen Stil geprägt sind, allerdings mit Variationen des Miami-Beach-Lebens.

Die USA sind ein Kontinent in sich. Zwar haben sich in ihm erst seit 250 Jahren eigene kulinarische Prägungen entwickeln können, aber trotzdem haben sich auch in diesem kurzen Zeitraum bereits regionale Geschmacksausrichtungen herausgebildet, (anders als in dem viel älteren Kontinent Russland, aber dort gab es auch niemals regionale Schwerpunkte oder Demokratie) deshalb ist es verständlich, dass es populäre kulinarische Vorlieben gibt, für die sich Europäer kaum erwärmen können. Im Michy’s sind derartige Prägungen zu erschmecken.

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Ein sehr süß aromatisiertes Short Rib bringt nach den ersten Bissen Probleme für seine weitere Aufnahme mit sich, die wenigen säuerlichen Granatapfelkerne sind dabei zwar gut gemeint, bewirken aber rein gar nichts. Ein fein abgestimmtes Püree verliert seine Wirkung, wenn es sich bereits auf dem Teller völlig mit der Soße vermischt. Doch was soll der arme Europäer machen, wenn rings um ihn herum fröhlich geplappert und eifrig zugelangt wird?!

Aber dann kommt ein einer tiefen Schale eine Polenta, mit kleinen gebratenen Stücken vom rohen Schinken und mit einem Spiegelei, tief cremig mit leichten Trüffelgeschmack (wir vergessen gleich wieder, dass die klitzekleinen Trüffelstücken aus einem in Italien zubereiteten Glas stammen, die Amis könnten das Original ohnehin nicht unterscheiden), einfach gorgeous!

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Die leicht mit Soja glasierten Bries-Röschen sind knusprig gebraten und zurückhaltend mit Kim-Chi versetzt. Keine überwältige aber eine recht ordentliche Zwischenspeise.
Die Fois Gras kommt als ein amerikanischer Teller. Kein französischer Koch war bisher auf die Idee gekommen, auf einer Tarte Tatin ein Stück leicht angebratene Fois Gras zu platzieren, und dazu auch noch Fasern von Ochsenschwanz in ihrem Sud hinzuzufügen. Die Fois Gras ist bestens und die ersten säuerlichen Apfelstücken passen prächtig dazu, doch am Ende wird alles Matsch. Aber genau dieser Teller ist der Favorit bei den Gästen von Miami Beach.

Das Cassoulet hat seinen Namen von der Casserole, in der Bohnen und Fleisch sowie andere Zutaten geschmort werden. Weltweit wird es vielfältig variiert, oft ohne noch seinen Ursprung zu erkennen. Warum also soll dies in Amerika anders sein. Für die SchickiMicki Szenerie in Miami Beach zählt allein der berühmte französische Name, und immerhin sind hier auch noch Bohnen und Würste drin. Erstere gehen in der Vielfalt der anderen Zutaten völlig unter, was dem Gesundheitsbewusstsein der Gäste angemessen ist. Zweite sind kleine süßliche Stücke aus einem Gemisch von Huhn und Äpfel, wobei beides nicht mehr erkenn- und erschmeckbar ist. Aber die auf das Cassoulet aufgelegten Hühnerteile sind ordentlich gebraten, also nicht mitgeschmort, allerdings auch nicht gewürzt, wodurch der Gast als Würzung vom Cassoulet das hinzufügen kann, was ihm gefällt.

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Michy’s – Miami: Fazit – witziges Erlebnis und mal keine Hamburger

Das wichtigste zuerst: Endlich einmal ein Restaurant, welches sich amerikanisch nennt, ohne einen Hamburger! Welch eine Erleichterung!

Sodann: Dieses Lokal ist einfach fancy, es ist originell. Kein anderes Lokal entspricht dem Lebensstil von Miami Beach wie das von Michelle Bernstein.

Ursprünglich wollte sie nur ein Nachbarschaftslokal aufmachen, das ist es auch bis heute, weil in der flippigen Kultur von Miami Beach alles „Nachbarschaft“ ist. Sie hätte mit diesem Lokal sicherlich auch in London, in Paris oder eventuelle sogar in Berlin reüssiert, aber dort tatsächlich nur als Nachbarschaftslokal oder als witziger Außenseiter. In diesen Städten gibt es weder die Typen noch die Atmosphäre von Miami Beach. Hier ist das Restaurant von Michelle der Mittelpunkt, nicht der kulinarische, dann wäre sie Außenseiter, sondern der gesellschaftlich-gastronomische.

Dafür reicht eine fancy Einrichtung allein nicht aus. Der Service muss jung und witzig sein, aber den stets in sich selbst verliebten Gast in den Mittelpunkt stellen. Das Essen muss vielfältig sein, also Internationalität ausstrahlen, aber ohne wirklich international zu sein, weil echte Internationalität diesem selbstbewussten Kosmos entgegenstehen würde. Und es muss wenigstens ordentlich sein, aber nicht wirklich komplex und fein, weil das für diesen schnelllebigen Kosmos zu anstrengend wäre.

Michy’s kann es nur in Miami Beach geben, und man kann es nur erleben, wenn man sich auf ihn einlässt.

Michy’s – Miami Kontakt
6927 Biscayne Boulevard
Miami, Florida 33138
www.michysmiami.com
www.chefmichellebernstein.com


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