Kurzkritik: Mittsommer Küchenparty am 24. Juni 2012 im Restaurant La Vision im Hotel im Wasserturm, Köln

Kuechenparty in Koeln

Restaurant La Vision: Küchenpartys sind ein Widerspruch in sich. Die Party findet nicht wegen der Küche statt, sondern allein wegen der Party. Küchenpartys sind nicht wegen der berühmten Köche beliebt, sondern allein wegen des Voyeurs im Menschen.

Restaurant La Vision: Die Küchenparty

Das hatte ich nicht bedacht, als ich mit meiner Frau an einem Sonntagnachmittag im Juni das Kölner Design-“Hotel im Wasserturm“ betrat. Mich hatten die anwesenden Sterneköche gereizt, zumal ich kurz zuvor Sven Elverfeld im “Aqua“, dem Restaurant des Ritz-Carlton in Wolfsburg erleben konnte und über “La Vision“-Küchenchef Hans Horberth hatte ich nach der Erringung seines zweiten Sterns geschrieben (meine Rezension zum Restaurant “Aqua” finden Sie hier: http://bit.ly/OyFHpB).

Allerdings lagen Besuche bei Klaus Erfort in seinem Gästehaus in Saarbrücken sowie bei dem Berliner Sternekoch Tim Raue (*) schon einige Jahre zurück und Christoph Rainers (**) Kochkünste, die er üblicherweise in der Villa Rothschild Kempinski in Königstein im Taunus unter Beweis stellt, hatte ich überhaupt noch nicht erleben können. Alles gute Gründe, vor meiner Haustür eine Küchenparty zu besuchen, für die sich der Betrag von 189 Euro fast wie ein Kampfpreis gegen die kommende Inflation ausnahm.

Restaurant La Vision

 

Wir trafen etwa 30 Minuten vor der Masse der Gäste und wenigstens eine Stunde vor den D-Promis ein. Die C-Promis machten wir erst im späteren Verlauf des nachmittäglichen Geschehens aus. Allerdings weist Köln eine Besonderheit gegenüber seinen Konkurrenten Berlin, Hamburg, München und Frankfurt (wo liegt eigentlich Stuttgart?) auf. Die Stadt behandelt Promis, auffällige Exoten und sogar unscheinbare Politiker gleichermaßen mit einer solch unmittelbaren Herzlichkeit, dass diese gar nicht anders können, als sich auch selber ungemein interessant zu finden. Nur in der Atmosphäre dieser Stadt konnten sich die Mitschaffenden des Fernsehsenders RTL richtiggehend wohl fühlen.

Wir nutzten die Zeit bis zum Andrang der Gäste, um die Köche bei ihren Vorbereitungen zu beobachten, und uns dabei kurz mit ihnen auszutauschen. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher souveränen Gelassenheit große Stars am Herd ihre Mitarbeiter einweisen und gleichzeitig Fragen neugieriger Topfgucker beantworten. Einmal schon in der Küche hatten wir auch den Vorteil, ohne engen Hautkontakt mit anderen Gästen, die gereichten Teller(chen) probieren zu können. Vier davon bleiben in der Erinnerung aufgehoben.

Restaurant La Vision: Fulminant aromatische Geschmackserlebnisse

Kuechenparty in KoelnTim Raue hatte einen Kabeljau bei 55 Grad gegart, ihn dann mit einem Confit von Steinpilzen, halbierten Piemonteser Haselnüssen und in thailändischer Fischsoße eingelegten roten Chiliringen belegt. Obenauf thronte ein warmer Schaum von Nussbutter und das alles wurde von einem Rinderfond, angereichert mit 20 Jahre altem Reiswein, umrundet. Der kleine Teller hinterließ einen fulminanten aromatischen Eindruck.

Klaus Erfort servierte ein kleines längliches Stück vom US-Short Rib mit roten Zwiebeln und Sellerie. Ich habe nichts gegen Gemüse, bat aber nach dem ersten Teller:

„Bitte lassen Sie den ganzen Firlefanz um das Fleisch herum weg, und geben mir nur zwei Stück Fleisch zusammen mit der Jus.“

Klaus Erfort schaute mich erstaunt an, dann schmunzelte er, und ich war selig. Es war unglaublich, welche geschmackliche Wucht dieses Fleisch entfalten kann, und dies nicht nur für mich oder nur für einige wenige Gäste zubereitet, sondern einige hundert Mal! Man kann das kleine Stück mit zwei Bissen verspeisen, aber es behält noch minutenlang seine aromatische Wirkung im Mund.

Kuechenparty in KoelnNeben ihm präsentierte Sven Elverfeld eine Bretonische Makrele mit Birne, Tappenbecker Möhre, Artischocken, grüne Olive & Speck. Es war wahrscheinlich der aufwendigste Teller in der Küche, ein echtes Haute Cuisine-Gericht, dessen texturelle Abwechslung und Aromenbreite bei einem Essen im Stehen freilich kaum richtig gewürdigt werden konnte.

Im Programm war als Gastgeber der neue Kölner Zweisternekoch Hans Horberth ausgewiesen. Auch sein Teller Milchferkel, Rhabarber, Kichererbse war von ähnlicher Qualität wie die seiner drei Kollegen, doch Hans Horberth blieb souverän, indem er den ganzen Abend nicht sich, sondern seine Kollegen herausstellte, und so seinen Part als Gastgeber auf fasst schon englische Art ausfüllte. Wer sich inmitten der flanierenden und nach Sensationen heischenden Gäste Zeit nahm, dem gelang es, während dieser Küchenparty einen Eindruck von der herzlichen Kollegialität einiger Koch-Heroen zu gewinnen, die am Herd ihrer Restaurants normalerweise zueinander im Wettbewerb stehen. Chapeau Hans Horberth!

Restaurant La Vision: Hunderte Portionen in Sternequalität

Kuechenparty in KoelnFür eine solche Party müssen wenigstens 300 Portionen vorbereitet werden. Zwar bietet die moderne Küchentechnik dafür entsprechende Voraussetzungen, aber jeder Gast erwartet Sterne-Qualität. Das ist die eigentliche Herausforderung – auch an diesem Nachmittag. Sicherlich verfügen Hans Horberth und seine Kollegen über umfangreiche Erfahrungen. Die Sorge aber, der Zufall könne Ungemach bewirken, schwingt immer mit. In Köln war der störende Zufall für die Gäste jedoch nicht zu spüren.

Während meine Frau und ich uns noch mit unserem Milchferkel beschäftigten, schwoll der Strom der sich in die Küche drängenden Gäste so sehr an, dass wir zu den Weinständen wechselten. Wir hofften, dass sich diese nun etwas entvölkert hätten. Doch noch bevor wir zu C. Christmann und Poggio Antico gelangten, wurden wir aufgehalten. In einer Ecke stand völlig unscheinbar ein Mann hinter einem kleinen Tisch. Mit einem langen und schmalen Messer schnitt er geschickt hauchdünne Scheiben von einer Schweinskeule ab. Kaum einer der Gäste erfasste, von welch großartigem Handwerksprodukt er an diesem Mittsommertag, der sich allmählich dem Abend zuneigte, probieren konnte: Vier Jahre alter Jiménez-Schinken in solch überragender Qualität, dass ich diesen bescheidenen Mann mehrfach aufsuchte. Als eine ältere Dame mit prachtvollem Schmuck an Hals, Armen und Fingern am Tisch vorbeiging, schnappte ich auf:

„Ach weißt Du, Heinz, Serrano-Schinken hatten wir in der letzten Zeit doch so oft, aber da hinten soll es Kaviar geben. Der passt sowieso besser zu dem Deutzschampanja in unseren Gläsern.“

Flanierwege mit Kaviar und Käse

Kuechenparty in KoelnAn einer der Flanierwege war tatsächlich ein großer Stand zur Verkostung von Kaviar aufgebaut. Kleine Kaviardosen waren mit Rindertatar ausgefüllt und eine selbstbewusste Mitarbeiterin von Caviar House & Prunier schaufelte jedem Gast mit einem kleinen Löffel aus einer großen Dose eine Nocke Kaviar auf das Döschen. Wen interessierte es, aus welcher Zucht und von welcher Sorte der Kaviar stammte. Es war KAVIAR!

Restaurant La Vision: Was gab`s noch?

Kurz vor dem Eingang zur Küche hatte der bekannteste deutsche Affineur Volker Waltmann auf einem langen Tisch ein gewaltiges Käserepertoire aufgebaut. Unbedrängt von anderen Gästen lachte mich der rotschimmernde Livarot an, ich saugte das nussige Aroma des Reblochon in mich ein und genoss das aufwallende Odeur des Fourme d’Ambert. Eine lange Schlange hatte sich direkt vor Volker Waltmann aufgebaut, an deren Spitze ein lässig gekleideter Mann sein Begehren kundtat:

„Sie haben da diesen Käse mit Likör und Walnüssen. Den hätte ich gern. Und dann auch noch etwas von dem mit Calvados. Sie wissen schon, der so stark riecht.“

Volker Waltmann war ganz in seinem Element. Unbeirrt erklärte er seinen Käse, füllte die Teller und bückte sich auch noch zwischendurch, um heruntergefallene leere Kaviardosen aufzuheben:

„Dies ist ein Sahnekäse aus Langres, der mit einem Calvados vom Fass gewaschen wurde. Und der andere dort ist ein Käse mit grünem Walnusslikör. Sie sollten auch den Tomme de Savoie probieren. Der ist in Rotweintrester gereift.“

Obgleich diese drei Käse die großen Renner des Abends waren und die französischen Klassiker weitgehend unter sich blieben, vertilgten die 320 Gäste beachtliche 37 Kilo davon.

Handtuch legende Partygäste

Kuechenparty in KoelnWir suchten einen Sitzplatz, um uns ungestört auf Wein und Käse einzulassen. Allerdings hatte sich bei dem begrenzten Sitzplatzangebot dieser Party schon frühzeitig das „Handtuch-Liegen-Syndrom“ durchgesetzt, glücklicherweise ohne englische Konkurrenz, weshalb wir uns an einen Stehtisch drängelten. Dort hatte sich bereits ein Mann in Schlips und Kragen positioniert. Den Schlips hatte er ganz keck exakt fünf Zentimeter nach unten gezogen, was seinen kräftigen Hals unvorteilhaft herauslugen ließ. Der Herr berichtete seinen ihn umgarnenden beiden Damen lautstark über seine Yacht in Cannes. Genüsslich verbreitete er, wie oft er auf seinem Schiff Austern- sowie Champagnerpartys veranstaltet, welche Sorten und Marken dabei zum Einsatz kommen, und streute in seine Erzählungen die Namen einiger Kölner Filmsternchen ein, die ihn um eine Einladung gebeten hätten.

An einem weiteren Tisch hatten sich einstmalige männliche Kölner Sportgrößen versammelt, deren Bauchumfang darauf schließen ließ, dass ihre sportliche Hochzeit in grauen Vorzeiten gelegen haben muss. Der Kölner Oberbürgermeister grüßte nach allen Seiten freundlich lächelnd, sogar die Gäste, die ihn nicht grüßten, und blieb dann friedlich an einer Wand stehen. Als der bekannteste Kölner Boulevardfotograf eintraf, stellte sich die Prominenz eifrig und artig für die Fotos des Abends auf. Die dazu gebetenen Sterneköche überblickten sofort, wozu sie jetzt dienen sollten. Sie verteidigten aber ihre Ehre, indem sie sich fluchtartig in die Küche zurückzogen, die pikierten Gesichtsausdrücke ihrer prominenten Bewunderer nicht weiter achtend.

Eine Maorifrau, der man unfreiwillig lüsterne Blicke beschert

Kuechenparty in KoelnAlles in allem eine Gesellschaft, welche das Gemüt nicht besonders beunruhigte. Bis mein Blick auf eine Frau mittleren Alters fiel. Als Jugendlicher hätte ich sicherlich an eine Maorifrau gedacht, wie ich sie aus dem Roman von Jules Verne „Die Kinder des Kapitän Grant“ kannte. Aber jetzt, im gesetzten Alter, wusste ich, dass alles gesellschaftsfähig ist, wird es nur von der richtigen Person präsentiert. Sie zog alle Blicke an, aber die Blicke konnten sie nicht ausziehen, dafür trug sie bereits zu wenig, Wohl mit Absicht, denn nur so konnten sich die Flaneure und Voyeure ausgiebig an ihrer Volltätowierung weiden. Sie reichte von ihren Ohren über ihre Schultern, ihre Arme und ihren Rücken bis hin zum Dekolleté. Nach einigen Momenten ertappte ich mich, dass ich mich genauso verhielt. Indessen verspürte ich keinerlei Schamgefühle. Ich empfand den Anblick dieser Frau als durchaus einer Küchenparty ebenbürtig. Auch die in meiner Umgebung geflüsterten lüsternen Bemerkungen hatten in dieser zumeist dunkelgrau gekleideten Gesellschaft etwas Erheiterndes an sich.

Restaurant La Vision: „Eine Küchenparty ist ein Widerspruch in sich“

Ein Gourmet-Menü ist ein Vergnügen, ist Erholung vom Alltäglichen, ist purer Genuss. Eine Küchenparty kann all dies ebenso sein.

Damit dieses Fazit nicht so schwer nachträgt, füge ich noch zwei Bemerkungen an: Mit einem markant kantigem Gesicht begrüßte Hoteldirektor Harald Paus artig französisch diejenigen Gäste, die er für prominent oder dessen für würdig hielt. Seine Servicemitarbeiter kümmerten sich nicht nur um diese Gäste, sondern auch zuvorkommend um jeden anderen Gast. Sie waren in ihrer Freundlichkeit sehr attraktiv, na ja, sicherlich nicht nur in dieser, was jedoch das einzig Intime an diesem Nachmittag blieb.

 

Restaurant La Vision: Anschrift

La Vision
Hotel im Wasserturm
Kaygasse 2
D-50676 Köln

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