Kurzkritik: Michelin-Bewertungen in London

St. John

Eigenartige Erfahrungen

Spät in der Nacht, eigentlich schon fast gegen Morgen, berichteten mir, sich ganz klammheimlich umsehend, und dabei die Stimme senkend, auf dass ich mich fast in einer Verschwörung involviert wähnte, zwei Restaurantleiter in Sterne-Lokalen, dass ihr Chef Michelin-Inspektoren kennen würde, die für eine finanzielle Anerkennung positive Berichte schreiben würden.

MichelinDa ich derartige Behauptungen nicht beweisen kann, kann ich dazu auch nicht eine eigene Meinung abgeben, sondern schildere sie nur als eine kuriose Begebenheit während meines vierwöchigen Aufenthalts in London.

Allerdings will ich auch nicht zu verhehlen, dass ich verschiedene Erlebnisse hatte, die Zweifel an der Zuverlässigkeit der Michelin-Bewertungen für Londoner Restaurants aufkommen lassen. Da ich den Michelin für Deutschland als den für „far away“ besten Restaurant-Bewerter halte, völlig unabhängig von den in diesem Metier immer wieder einmal auftretenden unterschiedlichen Einschätzungen, berühren mich diese Erlebnisse, so dass ich sie hier wiedergebe. Dabei ist jedoch unbedingt anzumerken, dass der Michelin für London in seiner gesamten Gestaltung und in weiten Teilen seines Inhalts vorbildlich wirkt:

  • Das chinesische originale „Hakkasan“ (siehe meinen Bericht vom 16. August 2012) kann mit einigen Hundert Gerichten, die es an seinen besten Abenden heraushaut, niemals ein Sterne-Niveau halten.
  • Das indische „Rasoi“ (siehe meinen Bericht vom 30. August). weist weder in seiner Einrichtung noch in seinen Gerichten Sterne-Qualität auf. Einige deutsche Sterneköche haben dort gegessen und mir persönlich diesen Eindruck bestätigt.
  • Das englische „Dinner by Hesten Blumenthal“ (siehe meinen Bericht vom 16. August 2012) hat bereits wenige Monate nach seiner Eröffnung den Stern erhalten. Sein Konzept ist interessant, aber die Qualität der Gerichte ist arg schwankend und der Stern eher grenzwertig. Auch dies haben mir deutsche Sterneköche nach einem Besuch dort bestätigt. Zudem weckt die schnelle Erteilung des Sterns unangenehme Erinnerungen an ähnliche Michelin-Pannen.
  • Das chinesische „Kai Mayfair“ (siehe meinen Bericht vom 9. August 2012) galt etliche Jahre als der beste Chinese Londons. Diese Zeiten sind vorbei. Heute präsentieren sich die Teller nur noch sternegrenzwertig.
  • Fünf Fragezeichen bei zehn besuchten Sternerestaurants empfinde ich als bedenklich.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.