Kurzkritik: Touri-Renner in London

Touri-Renner in London

Restaurant-Empfehlungen für Touris – abseits der Londoner Gourmet-Tempel

Woche für Woche besuchen Tausende deutscher Touristen London. Die meisten bereiten sich darauf mit einem der gängigen Reiseführer vor oder benutzen dafür Hinweise in deutschen Zeitungen und Magazinen, beispielsweise während der Olympischen Spiele. Dabei tauchen in vielen Publikationen immer wieder dieselben Restaurants auf. Zumeist sind es die großen Touri-Renner, die auch in englischen Touri-Informationen zu finden sind. Einige von ihnen habe ich besucht, mit einem weitgehend ernüchternden Ergebnis.
Zu etlichen Restaurants finden sich in verschiedenen Publikationen identische Informationen, von denen wesentliche Inhalte einer Überprüfung nicht standgehalten haben. Offensichtlich schreiben die Damen und Herren Kollegen allesamt untereinander oder von anderen Publikationen einfach ab. Das ist natürlich zeit- und geldsparender als sich selber vor Ort zu informieren. Für den Leser dagegen kann dies misslich sein, wenn er beispielsweise eine andere als die erwartete Atmosphäre vorfindet. Es gibt in Europa keine andere Stadt mit einer so vielfältigen internationalen Küche wie London. Selbst weltweit kommt an diese höchstens noch New York heran, allerdings übertrifft in New York die oberste Spitze London konkurrenzlos.

Touri-Renner in LondonEin in London lebender Korrespondent kann unter der Vielfalt von kleinen Lokalen und Restaurants problemlos etwas Eigenständiges schreiben. Dies ist nur der FAZ gelungen, jedoch auch nicht ohne Fehler.

Das St. JOHN – BREAD and WINE, BAKERY RESTAURANT WINE SHOP (FAZ) ist das kürzlich eröffnete Zweitrestaurant des langjährigen und ungemein bekannten Ein-Sterne-Restaurants „St. JOHN“. Seine Besitzer folgen dem Trend, mit dem preisgünstigen Ableger einer bekannten Restaurant-Marke Besucher anzuziehen, welche den Gang in das Sterne-Lokal finanziell scheuen. Letztlich geht es aber nur um Gewinnverbesserung durch Synergieeffekte wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch. Ob diese Rechnung aufgeht, können nur die Besitzer selber sagen.

Touri-Renner in LondonBei unserem Besuch war an einem Samstagabend gegen 20.00 Uhr das Lokal gefüllt, obgleich die Qualität der Speisen mehr als durchwachsen war. Wir waren zu viert dort und hatten bestellt:

Pig‘s Head Stew, Blood Cake, Duck Egg, Devilled Kidney, Mutton, Pink Firs & Laver Bread, Ox Heart & Ceriac, Eccles Cake & Lancashire Cheese, Bread Pudding & Butterscotch Sauce.

Wir erhielten durchweg kleine Portionen, womit der eigentlich günstige Preis keiner mehr war, ausgenommendie beiden Desserts, welche von allennoch am besten zu genießen waren.

Ich fragte mich, wie es ein Koch schaffen kann, den Geschmack aus einem Herzgericht völlig zu entfernen,den Fettanteil am Schweine-Stew sowie an der Blutwurst so zu erhöhen oder das Lamm musförmig zu zerkochen.

Die Teufelsnieren waren so scharf wie die schärfsten Gerichte in einem indischen Restaurant. Allerdings fand ich sie auf den Karten vieler anderer Pubs und Lokale wieder. Vielleicht steht die Pfefferdosierung in umgekehrtem Verhältnis zur Säuberung der Nieren, womit sich ihr Geschmacksproblem einfach lösen lässt.

Touri-Renner in LondonFalls ein deutscher Journalist die Toiletten dieses Lokals aufgesucht haben sollte, hätte er es schon allein wegen deren „Zustand“ wohl kaum empfehlen können.

Vielleicht wird es auch in Deutschland Schicki-Micki-Restaurants mit einem miserablen und teilweise ungenießbaren Essen geben. Ich habe darin keine Erfahrung. Dieses Lokal deutschen Touristen zu empfehlen, empfand ich als eine seelische Grausamkeit.

Das HAWKSMOORE GUILDHALL (Feinschmecker) ist in wenigen Jahren zu einer Londoner Institution geworden. Sein Erfolg hat die beiden Besitzer zu zwei weiteren Filialen in London verholfen. Eine davon haben wir besucht, und danach im besten Buchgeschäft Londons, dem einzigartigen „Foyles“, auch ein hervorragendes Buch über die kulinarische Philosophie des HAWKSMOOR gefunden. Die Rezension dazu habe ich in diesem Blog am 28. August eingestellt.

Touri-Renner in LondonDas Lokal ist riesig, völlig unenglisch, vielleicht haben die Gesellschafter vorher in München oder in Köln die lokalen Brauhäuser erlebt und eine entsprechende Adaption vorgenommen. Jedoch mit einem einschneidenden Unterschied: Hier spielt das Bier eine weitgehend untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt stehen die Steaks beziehungsweise die Verarbeitung diverser Teile von Rindviechern, welche ausschließlich aus englischer Produktion stammen. Überall hörte ich von der formidablen Qualität der Steaks und Burger dieses Lokals, allein bei meinem Besuch mit drei Gästen erschloss sich dieses Lob nicht. Beispielsweise war mein T-Bone-Steak bereits vom Knochen entfernt und in einzelne Streifen tranchiert. Zwar befand es sich danach in einer heißen gusseisernen Schale, aber trotzdem war das Fleisch alsbald kalt. Zudem hatte wohl der Griller nicht seinen besten Tag, denn Teile des Fleisches – auch die des Rib-Eye-Steaks – waren verbrannt. Die Zwiebelringe wurden in typisch amerikanischer Manier mit mächtiger Panade frittiert, in der Anchovisbutter lag der Fischanteil penetrant hoch, aber dafür war der grüne Salat ordentlich angemacht. Nein, ich wüsste nicht, wie Steaks hier wirklich genossen werden können. Ich gestehe jedoch gern ein, dass größere Gruppen sich hier prächtig amüsieren werden.

Touri-Renner in LondonAls vor einigen Jahren das Restaurant CANTEEN (ausführlich beschrieben in „Ein perfektes Wochenende in London“) eröffnet wurde, galt es als ein Beleg für die englische Rückbesinnung auf ihre kulinarischen Traditionen (nicht für die britische, denn Schottland hat eine wesentlich andere und Wales sowie Nordirland kaum eine eigene Esskultur). Allerdings sollte es eine Rückbesinnung auf einem ansprechenderen Niveau sein. Diese Form der Rückbesinnung kam bei dem Londoner Publikum so gut an, dass seine Betreiber inzwischen vier Ableger in London eröffneten. Das Restaurant ähnelt tatsächlich einer Groß-Kantine und seine Speisen sind aus dem Reich der „Systemgastronomie“, allerdings der schlichteren Art. Kein Fremder hat irgendeinem anderen Volk vorzuschreiben, welche und wie es seine Speisen zu sich zu nehmen hat. Wenn der Engländer geschmacklosen Gulasch eingepackt in pappigem Mürbeteig mag, sogar zusammen mit ungewürztem Kartoffelbrei, aber dazu die bereitstehenden Ketchup-, Mayonnaise und diverse Steaksoßen in Kombination einsetzt, so sei ihm dies unbenommen, denn ich kann in dieser wundervollen Stadt London weitaus vielfältiger als in jeder anderen Weltstadt essen. Aber einem Deutschen würde ich niemals CANTEEN empfehlen, es sei denn, ich möchte, dass er auch die Essgewohnheiten eines Teiles der Menschen seiner gastgebenden Stadt kennenlernt. Allerdings würde ich ihn vorher seelisch darauf vorbereiten. Ausnahmen gelten eventuell für Studenten an den großen Universitäten, deren Kantinen aus meiner Erfahrung sogar noch ein wenig schlechter abschneiden als diese hier.

Touri-Renner in LondonDie Karte ist vollständig auf englische Gerichte ausgerichtet. Der Slogan „Great British Food” soll nur heißen: Unsere traditionellen englischen Speisen nennen wir einfach „britische“, dann wissen die Schotten, was sie zu essen haben. In einem an jedem Tisch ausliegenden Begleitheft wird – in durchaus ansprechender Form – die Philosophie dieser Kantine und die Herkunft der i Zutaten erläutert:

Das Huhn kommt aus Essex, das Rind aus Sussex, das Lamm aus Kent, das Schwein aus Cumbrien, der Fisch aus der Nordsee, und die Herkunft des Gemüses wird nicht erläutert. Aber selbstverständlich eigens gebrautes englisches Bier.

Hoch leben die britischen Zutaten!

Touri-Renner in LondonDiese Kette hat ein Geheimnis, welches ich nicht zu lösen weiß. Die Lokale sind sehr groß und die Preise viel höher als in den zahlreichen umliegenden kleinen Italienern, Indern, Chinesen oder Japanern. Vielleicht liegt im englischen Patriotismus sein Geheimnis. Als die Engländer vor einiger Zeit hören mussten, dass das meist verkaufte Gericht auf den Inseln Chicken Tikka Masala (allgemein CTM genannt) ist, die „Light“-Version eines indischen Gerichtes, saß der Frust tief. Da kommen Restaurants mit fast nur traditionellen Gerichten beim Publikum bestens an. Alte Geschmackserinnerungen leben wieder auf Heimatverbundenheit und Nationalismus verbinden sich inniglich.…

Das ANCHOR &HOPE wird als ein „quirliger Gastropub“ (FAZ) angepriesen. Der Journalist, welcher dieses empfohlen hat, muss an Geschmackverwirrung leiden, und zudem keinen Schimmer von Londoner Pubs haben.

Touri-Renner in LondonWeder die Einrichtung mit einfachen Holzstühlen und –tischen (ohne die für Pubs so typischen verschwiegenen Couch-Ecken) noch die kurze Bar mit einem für normale Pubs recht kleinen Angebot an Biersorten stehen für eine Pub-Atmosphäre. Es soll auch gar nicht extensiv Bier ausgeschenkt, sondern es sollen Weinflaschen gekauft werden, die mehr Geld als Bier bringen. Es ist eher die schlichte Kopie einer Brasserie, in dem das Beste das Red Stripe Bier aus Jamaika und das japanische Kirin-Bier ist.

Die Speisekarte verspricht keine aufregenderen Speisen als in anderen gehobenen Pubs. Sie bietet weniger englische Gerichte, dafür ein wenig mehr europäische, die dem Lokal einen schicken Anstrich verleihen sollen.

Meine Lobster Soup, Chopped Tomatoes, Mint and Crème Fraîche erwies sich als eine wässrige, leicht fischig schmeckende Substanz, aufgefüllt mit Tomatenstücken, in deren Mitte eine übergroße Nocke Crème Fraîche platziert war. Vielleicht hatte der Koch einmal einen Hummer an den Topf mit dieser Flüssigkeit vorbeigeführt.

Der A Grilled Orkney Kipper and Tatti war vom Bauch aus aufgeklappt, leicht geräuchert und dann auf der Bauchseite leicht in Butter angewärmt. Da er recht klein war und deshalb über keine großen Filets verfügte, war er wegen der Gräten nur mit viel Brot und Bier herunter zu bekommen.

Danach wurde das fischige Besteck demonstrativ vom Teller genommen und wieder auf den Tisch gelegt.

Touri-Renner in LondonAm Rolled Lamb’s Breast, Peas and Aioli waren die Erbsen in einer Art Tomatenmarmelade ordentlich abgeschmeckt. Die Lammrolle war zuerst geschmort und dann noch einmal angebraten, womit sie englisch durch war. Ihre weiße Füllung aus Semmelbröseln, Anchovis- und Mandelpaste soll mit Zitrone aromatisiert worden sein, von der jedoch nichts zu spüren war, auch nichts von anderen Gewürzen. Es war ein typisches Pub-Gericht.

Der ganze Laden erwies sich als ein einziger Etikettenschwindel, allerdings wenigstens kein überteuerter.

Fazit: Die meisten der Touri-Empfehlungen sind nichts für Esser, die auf Qualität achten. Deutschen Journalisten ist auf diesem Gebiet sehr wenig zuzutrauen . Traditionelle englische Gerichte werden nicht besser durch ein anderes Ambiente oder ein neues Marketing. Solange sich die englischen Köche keine Mühe geben und Salz- sowie Pfeffermühlen eine notwendige Standardausrüstung des Tisches bleiben, sollte der Gast sich besser bei dem breiten Angebot von einfachen Pub-Gerichten bedienen, die keine illusionäre Welt vorspiegeln oder sich an den europäischen und asiatischen Kleinküchen orientieren, bei denen er keine Preis- und Geschmacksverirrungen zu erwarten hat.

Anschrift

St. JOHN – BREAD and WINE, BAKERY RESTAURANT WINE SHOP
94 – 96 Commercial Street

HAWKSMOORE GUILDHALL
10/ 12 Basinghall Street

CANTEEN
2 Crispin Place, Spitalfields

The Anchor & Hope
36 The Cut