Kurzkritik: Die neue Rangliste des „Feinschmecker“

VOM VORREITER ZUM NACHZÜGLER

Einstmals war  der „Feinschmecker“ das führende kulinarische Magazin Deutschlands. Legendär sind die Beiträge von Wolfram Siebeck über kulinarische Entwicklungen. Legendär ebenfalls die Einsichten Jürgen Dollases in küchentechnische Zusammenhänge. Und der Wettbewerb um den besten Koch Deutschlands war einstmals prägend. Siebeck schreibt heute zwar immer noch im „Feinschmecker“, aber es wäre für seine Reputation besser, er täte es nicht mehr.

Die neue Rangliste des „Feinschmeckers“Dollase publiziert inzwischen in anderen Magazinen. Während der eine das Kochen niemals als Kunst verstehen konnte, versteht der andere sich als einziger Kenner dieses Metiers. Etliche andere, weniger prominente, aber trotzdem sehr gute Schreiber, haben nach einer Reorganisation oder nach nervenden Querelen mit der Chefredaktion das Magazin verlassen. Neue gleichwertige hat die Redaktion nicht gewinnen können. Und ihr Aushängeschild „Bester Koch“? Es gibt inzwischen so viele Wettbewerbe auf der Suche nach dem „besten Koch“, dass es langsam schwierig wird, dafür überhaupt noch gute Köche zu finden, schließlich wird es jeder irgendwann einmal.

Aber in der neuen Ausgabe des „Feinschmeckers“ kündigt die Chefredakteurin, Madeleine Jakits, nun den neuen großen Wurf an. Die 50 besten Restaurants Europas werden gekürt. Ausdrücklich wird diese neue Initiative als Gegenentwurf verstanden zu der uns seit zehn Jahren belästigenden Liste der 100 weltbesten Restaurants vom englischen „Restaurant Magazine“.

Potz Blitz! So viel geistreiche Neuerung hätten wir von der verehrten Frau Jaktis schon gar nicht mehr zu erhoffen gewagt!

Neue Liste mit so viel Gehalt wie die alten Listen!

Aber bitte keine Sorge! Lesen Sie einfach weiter. Ich werde die Platzierungen der einzelnen Restaurants nicht kommentieren. Kochen auf höchstem Niveau – die Haut Cuisine – ist eine Kunstform. Kunst schließt per se allgemeinverbindliche Kriterien aus. Wäre es möglich, auf objektiver Basis den besten Maler zu ermitteln, wäre die Malerei keine Kunst mehr. Andere Kriterien, wie beispielsweise die Summe der Verkäufe eines Malers, sagen auch anderes aus. Vor einigen Monaten wurden einhundert der bekanntesten Köche Deutschlands befragt, welchen Vertreter ihrer Zunft sie als den einflussreichsten halten. Mit großem Abstand kam Joachim Wissler auf den ersten und danach Sven Elberfeld auf den zweiten Platz. Über die nächstplatzierten ist ob der geringen Stimmenzahl nichts mehr zu sagen. Auch eine derartige Umfrage ist subjektiv, aber im Unterschied zu den mit viel Aplomb in die Welt gesetzten „Rang-Listen“ will diese Umfrage keine Rangfolge kreieren. Insofern ist sie ein durchaus respektables Spiegelbild der Meinung unter den führenden Kochkünstlern Deutschlands, wozu auch ihr Vier-Jahres-Rhythmus beiträgt.

Frau Jaktis mokiert sich über den Nonsens der englischen Rangliste. Aber ihre Rangliste enthält nicht weniger Nonsens, denn sie basiert auf denselben nichtüberprüfbaren weil völlig individuellen Kriterien. Auch der „Feinschmecker“ nennt nicht die Namen der Juroren, und ähnlich wie sein englisches Pendant lässt er völlig offen, wie viele der Juroren in welchem Zeitraum in wie vielen Restaurants gegessen haben.

Altbackene Antworten

Die neue Rangliste des „Feinschmeckers“Ein ehemaliges Redaktions-Mitglied des englischen „Restaurant Magazine“ hat kürzlich den Anlass für deren dubioses Unterfangen ausgeplaudert: Durch einen besonderen Coup die Auflage erhöhen! Ebenso gab der Chefredakteur auf die Frage, warum Restaurants mit einem sehr umstrittenen Küchenstil bzw. sogar zweifelhafter Küchenqualität regelmäßig vordere Plätze in seiner Liste belegen, die entwaffnende Antwort: Es muss immer wieder mal eine Sau durchs Dorf getrieben werden!

Dem schließt sich nun auch die Redaktion des „Feinschmeckers“ an. Allerdings setzt sie dabei nicht auf ausgefallene Kreativität sondern auf Altbekanntes. Harald Wohlfahrt ist ihr deutscher Aushänge-Koch in ihrer Rang-Liste. Joachim Wissler wird weit hinten eingereiht. Geht die Redaktion davon aus, dass die Masse ihrer Leser sich schon weit im Pensionsalter befinden, und deshalb am Vertrauten festhalten? Es drängt sich der Eindruck auf, dass der „Feinschmecker“ sich in einer ähnlichen Verfassung befindet wie „essen und trinken“: Altbacken!

Übrigens: England taucht in dieser ominösen Rangliste nicht auf. Vielleicht haben dafür die Reisespesen der Redaktion nicht mehr ausgereicht, oder wollte sie das „Restaurant Magazine“ als Konkurrenz abstrafen? Die Überlegung mit der „Konkurrenz“ könnte zutreffen, denn auch die Qualität des „Feinschmecker“ entwickelt sich immer mehr in Richtung des englischen Magazins, in Richtung Beliebigkeit. Für die Leser meines Blogs ist das kein Problem, denn hier konnten Sie einige Berichte über herausragende – und ebenso über schwache – Londoner Restaurants nachlesen.

Einstmals war der „Feinschmecker“ ein Vorreiter der kulinarischen Szene. Heute ist er nur noch ein Nachzügler, trotz beträchtlicher Preiserhöhungen.

Wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten gerät, versucht die Unternehmensspitze häufig, verantwortliche Mitarbeiter an den Schaltstellen auszuwechseln. Erreicht sie damit keine Verbesserung der Leistung, muss sie selber ausgewechselt werden.

Übrigens: Keine Sorge! Ranglisten wird es immer wieder geben. Nur müssen wir uns damit ernsthaft beschäftigen?

Der Feinschmecker, Heft 11, November 2012