Kurzkritik: Das Weihnachtsessen

Das Weihnachtsessen: Wir wollten Weihnachten in der Sonne sein. Es sollte in diesem Jahr unser erster richtiger Urlaub sein. Alles war perfekt: das Zimmer und Sonnenschein mit 29 Grad!

Das WeihnachtsessenFür unser Weihnachtsessen das Steakrestaurant des Hotels ausgesucht. Unter seinen sieben Restaurants war es am eindrucksvollsten weihnachtlich dekoriert. Ich hatte vorher mit dem Service vereinbart, dass auf unserem Tisch eine echte Kerze – und zwar eine rote – gestellt wird und dass meine Frau einen Strauß mit fünf roten Rosen erhält, eine Rose für jedes Jahr seitdem wir uns kennengelernt haben.

Der Weihnachtsabend kam, wir zogen uns festlich an, nicht wegen einer Empfehlung des Hotels, denn die gab es nicht, sondern nur für uns beide, wir wollten uns in eine festliche Stimmung versetzen. Wir wollten uns eine Freude machen. Dann schritten wir durch die Gänge und die Lobby des Hotels. Jeder Blick, der uns streifte, blieb an meiner Frau und an mir hängen, und wenn andere Gäste an uns vorbeigegangen waren, spürten wir förmlich auf unserem Rücken, wie sie sich gegenseitig auf diese ungewöhnliche Erscheinung aufmerksam machten, und dann ihre Köpfe zu uns umdrehten.

Das Weihnachtsessen: Wir nahmen am Tisch Platz. Es war keine Kerze vorhanden, aber ein großes farbiges Knallbonbon. Ich fragte einen stämmigen, erfahren aussehenden Kellner. Er wusste um meinen Wunsch, hatte die Kerze aber noch in der Küche gelassen, aus Sorge, sie hätte bis zu unserem Eintreffen verschwinden können, denn eine zweite Kerze war nicht eingeplant. Die Kerze kam, sie wurde entzündet, aber die Blumen fehlten. Erneut fragte ich nach, erhielt dieselbe Antwort und alsbald eilte ein anderer Kellner mit den Blumen herbei. Mit einer höflichen Geste überreichte er mir den Strauß. Irritiert sah ich ihn an, worauf er sich zu mir herunterbeugte und mir leise sagte, dass er auf Grund seiner Religion keiner fremden Frau Blumen überreichen dürfte, dies müsste ich selber machen. Ich wandte mich zu meiner Frau, sah das strahlende Lächeln in ihren Augen und legte den Strauß in ihre Hände. Den Kellner bat ich um eine Vase.

Das WeihnachtsessenWir waren gerade dabei, aus der Speisekarte unser Menü zusammenzustellen, als ein anderer Kellner an unseren Tisch trat, die Kerze aufnahm, dafür ein gläsernes Öllämpchen auf den Tisch stellte, und ohne unseren verstörten Blick zu registrieren, einfach bemerkte, dass das Öllämpchen doch viel schöner als so eine altertümliche Kerze sei, was wohl ein Missverständnis gewesen sein würde, für dass er sich entschuldige. Ich nahm seinen Blick auf, schüttelte mit dem Kopf und bat ihn die Kerze auf den Tisch zurückzustellen und die Öllampe wieder wegzunehmen, da heute am Weihnachtsabend Kerzen in unserer Tradition sind und uns deshalb weitaus besser gefallen, als die Öllämpchen, welche gleichförmig auf allen anderen Tischen standen. Mit deutlichem Ausdruck von Verwunderung auf seinem Gesicht machte er die Veränderung rückgängig, verbeugte sich etwas und ward an diesem Abend nicht mehr gesehen.

Das WeihnachtsessenAls Vorspeise wurde ein Wagen herangerollt, auf dem sich ein Lachsrillettes, ein meat loaf, eine Gänsestopfleberpraline, eine Hasenpaté und ein Selleriesüppchen befanden. Alles sah recht appetitlich aus, wie mit viel Liebe angerichtet. Auf unseren Tellern erhielten wir von jedem ein großes Stück sowie ein Glas mit dem Selleriesüppchen. Wir sahen uns mit einem glücklichen Ausdruck an. Unser Weihnachtsessen begann. Nach den ersten vier Bissen und einem Schluck veränderte sich unser Ausdruck. Sämtliche fünf Vorspeisen schmeckten vollkommen identisch, nämlich nur nach Fett, zu unserem Erstaunen sogar das Süppchen. Als ich den Kellner ein Zeichen geben wollte, legte meine Frau ihre Hand auf meinen Arm, wie sie es immer tut, wenn sie befürchtet, dass meine innere Erregung in eine äußere umzuschlagen droht.

Das WeihnachtsessenAlso fand ich schnell wieder zu mir, und dachte nur noch darüber nach, wie die Küche es geschafft haben mochte, in die fünf unterschiedlichen Vorspeisen einen so gleichmäßigen Geschmack hinein zu bringen. Zudem ließen wir uns nicht entmutigen, denn wir erwarteten noch ein tolles Hauptgericht.

Wir hatten jeweils ein 300 g Wagyu-Rib-Ey-Steak gewählt. An diesem Abend sollte der Preis keine Rolle spielen. Der Kellner fragte uns, wie wir es gebraten haben wollten: medium! Als es kam, lag vor uns ein Stück Fleisch, welches fast den ganzen Teller bedeckte, und dabei so dünn war, dass sich die Frage nach der Garung erübrigt hätte. Mit dem ersten Biss war mein Mund voll Das WeihnachtsessenHolzkohlengeschmack. Resigniert legte ich Messer und Gabel beiseite, blickte meine Frau an, zog hilflos die Schultern hoch, und meinte zu ihr, dass ich eigentlich ein schönes Weihnachtsessen für uns organisieren wollte. Meine Frau machte wieder die Bewegung ihrer Hand auf meinen Arm und meinte:

„Aber Schnucki, schau Dich doch einmal um! Niemand ist so gut angezogen wie wir beide. Auch hier bewundern uns alle anderen Gäste. Wir sind beide glücklich miteinander, was kann an diesem Abend uns schon ein Essen anhaben!“

Es ist ein unglaubliches Glück, eine Frau zu haben, die in schwierigen Momenten immer genau die richtigen Worte findet – um ihren Mann zu beruhigen.

Indessen hatte eine Kellnerin mein Verhalten gegenüber dem Fleisch bemerkt, eilte nun herbei, und fragte, ob irgendetwas mit dem Fleisch nicht in Ordnung sei. Als ich zu meiner Das WeihnachtsessenFrau kurz bemerkte, was ich darauf wohl antworten könne, fragte sie – uns verblüffend – erneut auf Deutsch nach. Sie kam aus Österreich. Deshalb ließ ich mich auf einen längeren Disput ein. Ich bat sie sich vorzustellen, vor ihr würden zwei Stück Fleisch liegen, eines von einem Holzkohlengrill und eines von einem Grillblech mit normalen Röstaromen, doch noch bevor ich meine Frage stellen konnte, schoss aus ihr schon die Antwort heraus:

„Selbstverständlich würde ich immer das Fleisch mit dem Holzkohlengeschmack bevorzugen! Allerdings haben wir in unserer Küche leider keinen Holzkohlen-Grill.“

Das WeihnachtsessenUm meine Hilflosigkeit zu umgehen, probierte ich mit einem kleinen Löffel die Sauce Bernaise. Die Kellnerin war noch immer an unserem Tisch. Ich sah zu ihr hoch und hörte die Frage, dass mir doch sicherlich die Sauce gefallen würde. Jetzt wurde ich ein wenig ungehalten, und teilte ihr lapidar mit, dass die Sauce viel zu viel Säure enthalte, entweder von Essig oder von Zitrone. Erneut kam eine mich verblüffende Reaktion:

„Das kann gar nicht sein, denn in dieser Küche verwenden wir niemals Zitrone oder Essig!“

Ich hob die Hände schaute zu meiner Frau hinüber, wieder spürte ich ihre Hand auf meinem Arm, ich schluckte, nickte der Kellnerin zu und unterdrückte meine Erläuterung zu einer Sauce Bernaise. Höflich stocherte ich noch etwas in meinem Fleisch herum, und überlegte mir, ob der Koch dieses unnachahmliche Holzkohlenaroma vielleicht künstlich auf das Fleisch aufgetragen haben mag.

Als Dessert war auf der Karte war ein englischer Christmas Pudding angekündigt, und zwar am Tisch mit Cognac flambiert. Kulinarisch ist dies zwar Unsinn und längst überholt, aber an diesem Abend wollten wir und am Spektakel erfreuen, als einen weiteren weihnachtlichen Lichterschein. Der Wagen wurde herangerollt, das Rechaud entzündet, die Pfanne darauf gestellt, etwas Butter hinein fallen gelassen, die sofort schmolz, so dass sogleich runde Teilchen vom Pudding hineingetan werden konnten. Dann kam der Höhepunkt: der Griff zur Cognac-Flasche und wenige Spritzer zischten in die Pfanne.

Doch dann brach die Zeremonie ab. Der kleine dunkelhäutige Kellner aus Pakistan, oder Indien, oder Bangladesh oder Sri Lanka rüttelte zart an der Pfanne, spürte unsere Blicke, suchte mit einer Geste, die ausdrücken sollte, ob wir damit zufrieden wären, den Augenkontakt zu uns, und als er in unsere belustigten Gesichte schaute, legte sich Unsicherheit und Angst auf sein Gesicht. Ich hätte aufstehen, und selber den Pfannenstil ergreifen und den Pfannenrand zur Gasflamme hin wenden können, allein von meiner Frau, erfahrengeübt mit meinen kleinsten Regungen, kam wiederum die Bewegung mit der Hand, mir Zurückhaltung bedeutend, indessen hatte der stämmige Kellner vom Beginn unseres Abenteuers die Situation bemerkt, eilte herbei, nahm seinem Kollegen die Pfanne aus der Hand, spritzte noch etwas vom Alkohol hinein, wendete sie geschickt, neigte ihren Rand, und tatsächlich erhellte für wenigstens zwei oder drei Sekunden ein Flammenschein unseren Tisch.

Das WeihnachtsessenNachdem wir vom Pudding gekostet hatten und seine Süße sich als kaum erträglich für uns erwies, griffen wir nun endlich zum Knallbonbon. Meine Frau von der einen und ich von der anderen Seite zogen kräftig daran. Meine Frau, mit derlei Eigenart nicht vertraut, zog wohl zu sanft, denn es passiert nichts. Ich schmunzelte, weil ich wusste, dass selbst das kleinste Feuerwerk war auf Kuba seit 50 Jahren strengstens verboten, nahm den Bonbon in meine beiden Hände, hielt ihn zur Seite, um meine Frau nicht zu erschrecken, und zog kräftig, nichts rührte sich, weder ein Knall noch eine Fehlzündung, wie sie manchmal bei diesen chinesischen Dingern vorkommt. Ich zog noch einmal, diesmal so kräftig, wie ich nur konnte, nichts. Der stämmige Kellner, eilte erneut herbei, und bat, es selber zu versuchen. Zweifelsohne war er erfahrener und zudem auch kräftiger gebaut als ich. Er zog zweimal, dann lachten wir drei uns an. Das Bonbon widerstand. Ich nahm es wieder zurück, riss sein Papier auseinander und schüttelte den Inhalt der Papphülse auf den Tisch. Heraus fiel – ein roter Osterhase aus Plastik. Unser lautes Lachen irritierte die anderen Gäste, so dass wir mahnende Blicke erhielten.

Nun war für uns kein Halten mehr. Wir bezahlten und gingen zum Ausgang. Dort erwarteten uns bereits der bekannte Kellner und seine Kollegin. Die Dame überreichte uns zwei rote Schächtelchen, auf denen jeweils ein kleiner Weihnachtsmann aus unterschiedlich gefärbtem Stoff aufgeklebt war. Der Kellner hatte eine größere Tüte in der Hand, die er uns geöffnet hinhielt. In ihr befanden sich silbern und violett eingepackte Tafeln von der Größe einer 200 g Schokolade. Wir konnten uns zwei aussuchen, keine Frage, dass wir von jeder Sorte eine auswählten. Mit „merry christmas“ und einem ordentlichen Trinkgeld verabschiedeten wir uns von unserem Weihnachtsessen.
So war es doch noch zu einem versöhnlichen Ende gekommen.

Im Zimmer öffneten wir zuerst die Schächtelchen. Sie waren vollständig mit Plastikmaterial ausgefüllt, aber obenauf lag ein kleines Weihnachtsplätzchen. Belustigt rissen wir dann die silberne und lila Verpackung von den Tafeln und erblickten eine Tafel mit Kinderschokolade, in beiden, in beiden dieselbe, in der Fabrik schön weihnachtlich eingewickelt. Wir sahen uns an, lachten und meinten zueinander, ob wir wohl unterschiedliche Schokoladen erhalten, hätten wir die gleiche Verpackung ausgewählt.
Insgesamt hatten wir uns in diesem Hotel wohl gefühlt, weshalb ich seinen Namen hier unterdrücke. Das Weihnachtsessen – toll!

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