Kurzkritik: Das Rheinländische Gänserennen

Das Rheinländische Gänserennen

Ein Selbstversuch in zwei Teilen und sechs Gänse-Akten

I. Teil

Jedes Jahr ist im November und im Dezember in Deutschland Gänsezeit. Das Rheinland ist dabei die deutsche Gänsehochburg. Zwar haben die meisten Menschen eine lebendige Gans bisher nur auf Bildern oder in Fernsehen gesehen, und sogar nicht wenige wissen überhaupt nicht, wie eine lebendige Gans aussieht, aber alle lieben diesen Vogel im Zustand einer wunderschönen braunen Haut, von der ein betörender Duft ausgeht.

Allerdings ist das Gänseessen im Rheinland inzwischen zu einem derartigen Zwang geworden, dass manche Menschen sich dem abrupt verweigern, ähnlich der bekannten Flucht vor dem Karneval.

Ich bin nicht geflüchtet, und habe es in diesem Jahr innerhalb von sechs Wochen auf folgende – der Reihenfolge nach – Gänseessen gebracht:

  • Bankett im Hotel Radisson Blu, Köln, abends
  • Restaurant Rotonda Business Clubs, Köln, mittags
  • Restaurant Hellerhof, Niederaußem, mittags
  • Landhaus Kuckuck, Köln, mittags
  • Restaurant Husarenquartier, Erftstadt, mittags
  • Restaurant L‘Escalier, Köln, mittags

Vergnügen, Quälerei oder gar Masochismus?

Früher hatte ich in der Vorweihnachtszeit einmal oder höchstens zweimal Gans gegessen. In der zurückliegenden Gänse-Brat-Saison wollte ich eigentlich auch nicht mehr. Doch dann kam eine Einladung von lieben Freunden, der ich gern gefolgt bin, und es gab – welche Überraschung in Köln – Gänsebraten. Einige Tage später erhielt ich erneut eine Einladung, diesmal zu einem beruflichen Lunch in ein Restaurant. Ich sah keinen Anlass, vorher wegen des Essens nachzufragen oder gar einen Wunsch zu äußern. Am Tisch war mein Gastgeber ungemein stolz, mich – na wozu wohl eingeladen zu haben? – zum Gänsebraten. In der darauffolgenden Woche rief mich an einem Vormittag ein guter Freund an, er wolle dringend etwas sehr persönliches mit mir besprechen, wolle dies aber weder bei ihm noch bei mir zu Haus vornehmen, deshalb lud er mich in ein Restaurant ein, wo uns niemand kannte und wir separat sitzen konnten. Als ich ankam, hatte mein Freund schon vorbestellt – Sie wissen nun schon was – Gänsebraten!

Danach wollte ich es richtig wissen. Nach drei Gänsen konnte ich noch kein Urteil über die rheinische Gänsebratenkultur gewinnen. Über drei Gänse konnte ich auch nicht schreiben. Es mussten noch weitere Gänsebraten unter mir leiden.

1. Radisson Blu

Das Rheinländische GänserennenDas Radisson Blu liegt direkt an der Kölner Messe und ist ein typisches Geschäfts- und Veranstaltungshotel.

Rechtfertigt ein Bankett mit über 50 Personen einen weitgehend ungenießbaren Gänsebraten? Vielleicht ging so etwas vor 30 Jahren noch als Spaßveranstaltung durch, aber an diesem Abend bewegte sich der Zustand des Gänsebratens, den ich essen sollte, am Rande der Legalität.

Die Keule entsprach der Konsistenz eines industriellen Dörrfleisches. Mit den Klößen hätte man ein Loch in die Wand werfen können, und die Maronen waren zahnarztangenehm. Die Soße befand sich sicherlich mal für einige Stunden neben einer Gans, aber das bereitete dem Koch kein Problem, denn auf den Tischen hatte er Würzbehälter stellen lassen. Der Rotkohl war ordentlich weichgekocht, und hätte problemlos als Purre durchgehen können.

Keiner der Gäste wollte sich jedoch die Blöße geben und seinen Teller demonstrativ zurückgeben. Allein ich flüchtete.

2. Restaurant Rotonda

Das Rheinländische GänserennenDas Restaurant im Kölner Geschäftsclub Rotonda ist seit kurzen an den Abenden auch für Nichtmitglieder geöffnet. Im Restaurant treffen sich mittags zahlreiche der Clubmitglieder mit Geschäftspartnern.

Zweifelsohne verfügt dieses Restaurant über einen erfahrenen und ungemein engagierten Koch. Wenn jedoch die Gänseteile vom Vorabend stammen, ist aus ihnen nicht mehr so richtig viel herauszuholen. Die Keule hatte eine festere Textur angenommen, die Brustteile waren zwar durch aber noch weich. Das Rotkraut war leicht angeschmort und sehr zurückhaltend mit Portwein und Essig aromatisiert. Zwar waren die Röstaromen nur sehr schwach zu spüren, aber das war genau die richtige Dosierung, um die Essigtöne in Balance zu halten. Die bei Gänsebraten wohl unumgänglichen Maronen waren weich aber weitgehend geschmacklos. Im Unterschied zu den traditionellen Beilagen wurden hier frittierte Kartoffelmusbällchen serviert. Wenigstens waren sie ohne Nachklang von Öl und Innen leicht würzig. Die Sauce hielt sich aromatisch zurück.

3. Hellerhof

Das Rheinländische GänserennenDer Hellerhof ist einer der beliebtesten Ausflugsrestaurants in Kölner Umland. Neben dem traditionellen kleinen und niedrigen Restaurant hat der ungemein liebenswürdige Inhaber Carl Rainer Peters ganzjährig ein hohes und helles Zelt aufgebaut, welches zusammen mit der ordentlichen Bestuhlung und den in ausreichender Zahl vorhandenen Servicekräften eine angenehme Atmosphäre schafft.

Das Restaurant hat zwei Stoßzeiten. Einmal ist dies Spargelzeit, welche hier infolge günstiger technischer Bedingungen (Warmwasserleitungen vom nahegelegenen Braunkohle-Kraftwerk unter den Feldern) bereits zu Ostern beginnt. Die zweite große Zeit für das Restaurant ist die Vorweihnachtszeit. An manchen Tagen gehen aus der Küche bis zu 50 Gänse raus. Bei 19, 50 € für ein Mittagsmenü (Suppe, Gänsekeule mit Rotkohl, Rosenkohl, Maronen, Kartoffelkloß und Soße, Dessert und eine Tasse Kaffee), und in dieser Menge können keine Gourmet-Ansprüche an die Qualität des Gänsebratens gestellt werden. Ich hatte mir noch einen Teil Gänsebrust zu dem Menü dazu bestellt.

Das Rheinländische GänserennenErstaunlicherweise waren Keule und Brust von ähnlicher Konsistenz: Beide waren durchgegart, aber noch weich, die Haut war knusprig ohne hart zu sein. Die Soße war nicht sichtlich angedickt und nur mit etwas Zimt nachgewürzt. Die Maronen kamen in leichtem Zuckersirup, waren weich und wiesen eine pikante Süße auf. Die Qualität aller anderen Zutaten entsprach der großen Menge, welche die Küche zu bewältigen hatte.

An den zufriedenen Mienen der überwiegend älteren Gäste las ich ab, dass die Mutti zu Haus in ihrer Küche keine besseren Qualitäten meistert.