Kurzkritik: Das Restaurant Silberdistel im Hotel Sonnenalp

Das Restaurant Silberdistel im Hotel Sonnenalp

Restaurant Silberdistel im Hotel Sonnenalp: EIN ERFOLGREICHER BLICK DREIßIG JAHRE ZURÜCK

Der Höhepunkt unseres Besuches im Gourmetrestaurant „Silberdistel“ des deutschlandweit gerühmten Ressorts Sonnenalp in den Allgäuer Bergen war das Dessert. Zuerst wurde ein Tischchen an unseren Tisch herangefahren. Darauf befanden sich ein Rechaud (Zum letzten Mal hatte ich dies in einem Hotel auf Kuba zu Gesicht bekommen!), eine Kupferpfanne, sechs ordentlich geschälte Apfelscheiben vom Boskop und eine Flasche Calvados.

Das Restaurant Silberdistel im Hotel SonnenalpBevor der wackere Restaurantleiter begann, mit dem Feuer zu spielen, erlaubte ich mir den Hinweis, dass ich bei meinem letzten Flambierspektakel dem Kellner eine Wette angeboten hatte. Falls es ihm gelingen sollte, die Flammen so hoch schlagen zu lassen, dass er damit die mit Stoff abgehängte Decke des Restaurants erreichen könnte, würde ich ihm eine Flasche Champagner ausgeben. (Leider hatte er nicht den Mumm gehabt, meine Wette anzunehmen.) Daraufhin schaute der Maître nach oben, und bemerkte:

„Oh, wir sind direkt über einer Sprinkleranlage!“,

rückte den Wagen geschwind einen halben Meter zur Seite und startete mit dem Feuerwerk. Leider wurde dazu das Restaurant nicht abgedunkelt, sonst wäre die Atmosphäre noch ein klein wenig schöner gewesen, eventuell wie auf dem Traumschiff, aber traumhaft war die Zeremonie auch so, mit dem wunderschönen Alpenpanorama, welches gleichwohl in der Dunkelheit nicht so recht hervorzutreten vermochte.

Restaurant Silberdistel im Hotel Sonnenalp

Das Restaurant Silberdistel im Hotel SonnenalpJa, dieses Alpenpanorama. Es wurde nicht nur in den Prospekten und Restaurantführern gelobt, sondern auch die Hotelmitarbeiter versäumten es nicht, uns sogleich bei der Buchung für die Silberdistel auf dieses Naturschauspiel im höchsten Stock des Ressorts aufmerksam zu machen. Nun war es Oktober und 19.00 Uhr und die Nacht hat immer auch ihre Schattenseiten, ja, wären wir im Juli dagewesen, dann hätte uns das Panorama bis 22.00 Uhr geleuchtet, jetzt, im Herbst, war es auch 22.00 Uhr und uns leuchteten zwar nicht die Flammen der Berge, wohl aber die des Calvados.

Das Restaurant Silberdistel im Hotel SonnenalpÜbrigens müssen wir wegen dieses Panoramas im Sommer zur Sonnenalp und seiner Panorama-Etage Silberdistel zurückkommen, denn diese ist nur abends geöffnet. Allerdings ist das eigentlich auch gar kein Problem, weil trotz der Öffnung der Silberdistel für hotelfremde Gäste, diese fast ausschließlich von Hotelgästen aufgesucht wird, und da die meisten von ihnen sich schon weit jenseits des Pensionsalters befanden, haben sie bei einem ihrer vielen früheren Aufenthalte in der Sonnenalp das Panorama eh schon genießen können.

Hummer al dente

Das Restaurant Silberdistel im Hotel SonnenalpDoch zurück zu unseren weiteren kulinarischen Erlebnissen, welche mit frischen Steinpilzen begannen. Diese hatten uns bereits am Eingang so richtig lüstern angeschaut, zumal der Service betonte, dass sie am selbigen Tag vom Koch höchstpersönlich gefunden worden seien. Jetzt kamen sie zu uns an den Tisch, kräftig angebraten und über eine Spaghettini-Pasta ausgelegt. Damit sie uns beim Beißen und Kauen nicht überstrapazierten, goss der Service erst eine Soße und dann noch eine Zweite an. Die Erste war ein Gänseleberschaum, zum waldigen Aroma der Pilze mit angenehmer Süße versehen, zudem leicht brandig, den vergangenen Sommer im Wald betonend. Die Zweite war eine Kalbsjus, wunderbar stark reduziert, auf dass ihr leicht ins Bittere gehende Aroma das süßlich-brandige der Ersten perfekt in der Balance hielt.

Das Restaurant Silberdistel im Hotel SonnenalpDer absolute Höhepunkt vor dem totalen Höhepunkt des Desserts, war ein ganzer frischer Maine-Hummer. Er kam in frischem Allgäuer Wasser (mehr braucht es nicht in dieser reinen Luft hier oben) gekocht auf einem Tranchiertisch bei uns an, wurde fachgerecht laut krachend zerlegt und die einzelnen Teile vor drei mächtigen Schalen auf unserem Tisch dargeboten. In diesen Schalen befand sich Knoblauch- Mayonnaise, Avocado-Mus und die allseits so beliebte, pinkfarbene Cocktailsoße. Zuerst wussten wir nicht so recht, wie wir die Hummerteilchen mit den Soßen arrangieren sollten, aber ein Ehepaar am Nachbartisch, welche ob ihres seriösen Alters und ihrer Gewandtheit beim Essen dieses Silberdistel-Traditionsgericht schon reichlich Erfahrung ausstrahlte, wies uns den geeigneten Weg: Einfach mit zwei Fingern ein Hummerteil ergreifen, in eine der Soßen tunken, den Mund öffnen und rein damit, sodann viel kauen und dabei genüsslich das Glas Weißwein leeren, zuletzt sich gegenseitig anschauen und zustimmend nicken. Ja, was so Das Restaurant Silberdistel im Hotel Sonnenalprichtige Gourmets sind in diesem Gourmet-Restaurant, die können jedem jungen Spund wie mir etwas vormachen.

An allen Teilen des Hummers wies ein starker Eiweiß-Belag auf die Frische des Tieres sowie auf die Reinheit des Wassers hin, in welchem er so prächtig fest gekocht worden war.

Vielleicht noch ein offenes Wort zu den Weinen. Oft hört der Gast vom Sommelier den Hinweis:

„Der Wein braucht noch etwas Luft. Geben Sie ihm eine Chance!“

Offensichtlich kannte unser Sommelier die Schwächen seiner Branche. Wir hatten eine Weinbegleitung gewählt. Acht Weine konnten wir genießen, weil der Sommelier diese bereits Tage vorher für uns geöffnet hatte, wodurch sie keinerlei Eigenheiten mehr aufwiesen. Im Fernsehen hätte man jeden Einzelnen von ihnen sicherlich mit „einfach lecker“ charakterisiert.

Epilog – Ein Stern für die Bewahrung deutscher Kochkunst

Vor zwei Jahren öffnete sich die Silberdistel auch für Gäste, die nicht zugleich Gäste des Hotels sind. Kurz danach verlieh der Michelin dem Lokal seinen begehrten Stern. Daran ist nur eine klitzekleine Kleinigkeit auszusetzen, aber bitte sehr – dies ist nicht als Kritik zu verstehen: Eigentlich hätte es ein Stern Memorabile sein müssen, für die grandiose Bewahrung kulinarischer Standards aus einer Zeit vor über dreißig Jahren. Nachdem die französische Kochkunst von der UNESCO in den Rang eines Weltkulturerbes erhoben worden ist, was aber ausschließlich damit zu tun hat, dass die Franzosen sich in den internationalen Gremien immer vordrängeln und vehement einen kulturellen Ausgleich für die ökonomische Dominanz der Deutschen fordern, worauf der deutsche Antrag auf Würdigung der Currywurst wieder einmal international abgebügelt wurde, also, nachdem die Franzosen dies international erreicht haben, sollten wir das nationale Selbstbewusstsein aufbringen und diese Küche der Silberdistel als deutsches Koch-Kultur-Erbe staatlich schützen. Dann wäre es nämlich auch noch den Generationen nach mir möglich, Hummer mit Cocktailsoße und flambierten deutschen Boskop zu erleben.
Guten Appetit!

Dieser Beitrag ist in leicht veränderter Form bereit am 9. 12. 2012 in der Internet Zeitung „BISS- Kulinarische Zeitung“ veröffentlicht worden.

Anschrift

Silberdistel
Hotel Sonnenalp
87527 Ofterschwang

Weiterführende Links

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.