Kurzkritik: Warum nicht Venedig? – 4. und letzter Teil

London

London: Eine kulinarisch versteckte Liebesgeschichte – der vierte Tag

(hier finden Sie Teil 1, hier Teil 2 und hier Teil 3 der Fortsetzungsgeschichte)

Beim Aufwachen hören wir Regen an unsere Fenster prasseln. Damit erübrigt sich ein frühes Aufstehen. Erneut haben wir den Morgen. Es sind Stunden, in denen wir ohne die Unruhe dieser Metropole und ohne die selbstgewählte Jagd auf etwas Neues nur für uns allein da sind. Wir tauschen unsere Eindrücke aus, berühren uns und finden zueinander. Es liegt ein Zauber über dieser Zeit, indes ist dieser Zauber keine Magie, sondern das Gefühl des Ineinanderübergehens, welches wir für immer bewahren möchten, und von dem wir doch wissen, dass wir es nicht von seinem Ort und seiner Zeit ablösen können, weil es sonst seine Einmaligkeit verlieren würde, hingegen allein diese Einmaligkeit seinen Zauber ausmacht.

Gestern Nacht hatten wir beschlossen, Hotelfrühstück und eine weitere Besichtigung zu meiden. Mein Darling wollte sich ihren Eindruck des Naturkundemuseums nicht durch eine weitere Museums- oder ähnliche Londoner Sensation verwässern lassen. Das Frühstück wollten wir auf den frühen Mittag verlegen und etwas typisch Englisches kennenlernen. Ursprünglich wollte ich London wegen seiner Vielfalt an asiatischen Küchen besuchen. Meine Liebe hatte nur schwer einen Zugang zu dessen spezieller Atmosphäre gefunden. Heute ist alles anders. Unsere Reise hatte eine überraschende Wendung genommen. Meine Jennifer hatte mich überzeugt, eine gehobene englische Küche auszuprobieren, die mir bis dahin fremd war.

Der deutsche Kellner im Marcus Wareing hatte uns von einer neuen Brasserie berichtet, die sich in dem erst kürzlich renovierten alten viktorianischen Hotel „Renaissance“ befindet. Marcus Wareing hat ihr zwar nicht seinen Namen gegeben, bestimmt jedoch deren Stilrichtung. The Gilbert Scott ist zuerst ein großer länglicher und hoher Raum, wie er früher einmal für die Restaurants der klassischen Top-Hotels üblich war. Auf der einen Seite leuchten die Wände in Orange, unterbrochen von großen Spiegeln sowie dunklen Gemälden, auf der anderen Seite ermöglicht eine breite Fensterfront den Blick auf den monumentalen Hotelvorplatz. Von der hohen Decke hängen wuchtige eiserne Kandelaber herab. In Kontrast dazu ist der Raum in einem bequemen Brasseriestil eingerichtet. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl. Die Gerichte sind ganz und gar typisch englisch gehalten. Wir probieren zwei Suppen, ein Zwischengericht, zwei Hauptgerichte, zwei Beilagen und zwei Desserts. Nicht alle sind von gleicher Qualität, die „Calves Liver and Bacon“ ist teilweise schwarz gegrillt, einige wie der „Yorkshire Puddings“ von englischer Banalität, und andere, wie das „EcclesCake, Cheddar Cheese Ice Cream“ (Runde Blätterteigpastete gefüllt mit in Whiskey getränkten Rosinen), sind recht wuchtig allerdings derartig exzellent kombiniert, weshalb es mir nicht gelingt, von diesem Dessert am Ende eines ausgedehnten Lunches auch nur den kleinsten Teil auf dem Teller zurückzulassen. Die grüne „Watercress Soup, Hot Smoked Salmon, Confit Egg Yolk“ ist perfekt ausbalanciert und so fein im Geschmack, wie man es bei einer eher rustikalen Suppe kaum vermuten konnte. Das eindrucksvollste Erlebnis gelingt dem jungen Koch mit „Beef Short Rib, Braised, Spiced Carrots“. Ein Stück Rindfleisch, welches wie ebenso alle anderen Gerichte überdimensioniert ist, verströmt bereits beim ersten Anschneiden einen betörenden Duft. Es ist schonend gegart, butterweich und entfaltet im Mund ein tiefes typisches Rindfleischaroma, welches durch das kräftige Aroma der jungen knackig zubereiteten Karotten eine erholsame Abwechslung erhält. Mit ein wenig mehr Finesse könnte dieses Gericht nicht nur bodenständig, sondern auch elegant sein. Mein Schätzchen schaut von ihrer Kalbsleber immer wieder so sehnsüchtig auf mein Short Rib, dass ich nicht umhin komme, ihr die Hälfte zu überlassen. Zuletzt besuchen wir den Koch in seiner Küche, um ihm unsere Anerkennung – die missratene Leber ist vergeben – für diese Leistung auszudrücken. Er ist ein stämmiger Bursche, um die dreißig, der in seinem gesamten Habitus bodenständig wirkt, genauso wie seine Gerichte. Als ich ihm die Hand drücke, sehe ich an seinem Unterarm etliche tiefrote Spuren, weshalb ich direkt meine, schon daran seinen Beruf erkennen zu können. Da schüttelt er sich englisch hintersinnig vor Lachen aus. Das seien keine Brandspuren wie bei so vielen Köchen, sondern gestern Abend habe er nur zu heftig mit seiner Katze gespielt.

An unserem letzten Nachmittag stand ich vor einem Problem. Es gibt in London eine Sehenswürdigkeit, die ich bisher bei keinem meiner London-Besuche versäumt hatte, von der ich aber nicht wusste, wie meine Geliebte schon auf die Ankündigung reagieren würde, sie dorthin zu führen. Wie ich auch überlegte, ihr meine Absicht schmackhaft machen zu können, es blieb ein Wagnis.

„Schatz, jetzt möchte ich mit Dir noch einmal Einkaufen gehen, allerdings nicht in eine Einkaufsstraße. Eigentlich ist es auch mehr ein Tempel als zum Einkaufen da“,

versuchte ich mich anzunähern.

„Wenn Du in Arabesken sprichst, willst Du mich zu etwas überreden, an dem eigentlich nur Du selber Interesse hast. Aber an unserem letzten Tag gewähre ich Dir einen persönlichen Wunsch“,

sprang sie auf mein gewunden vorgetragenenes Begehren an.

Also ging ich direkt auf mein Ziel los und erklärte ihr, dass London die einzige Stadt Europas ist, in der noch mehrere unterschiedliche Warenhäuser operieren. Für jede Preisklasse gibt es wenigstens eines. Aber ein Name überstrahlt alle anderen: Harrods! Am Eingang des Harrods hält uns ein imposanter Butler die Türen offen, was meine Holde zu einem ironischen Blick veranlasst. Und dann steigen wir in eine Zeitreise ein. Wir sehen kaum einen der zahlreichen Besucher einkaufen, Briten sowieso nicht, was Jennifer als Bestätigung versteht, dass das Harrods eigentlich kein Kaufhaus ist. Höchstens tief verschleierte Frauen aus muslimischen Ländern lassen sich von Verkäuferinnen bedienen, aber ab und an trägt auch ein Touri stolz eine grüne Harrods-Einkaufstasche wie ein Relikt vor sich her. In den Gourmetsälen wird am deutlichsten sichtbar, was das Harrods von allen anderen Kaufhäusern auf dem Kontinent unterscheidet. Selbst die Fressabteilung im Berliner KaDeWe ist nichts dagegen. Nicht nur weil hier alles erschöpfend umfangreich ist, sondern weil es mit einer unvergleichlichen Noblesse präsentiert wird, weil der Kunde hier nicht nach einer Bedienung suchen muss, sondern artig gefragt wird, weil der Kunde nicht durch Säle streift, sondern sie gravitätisch durchschreiten kann, ihn dabei kein modernistisch angehauchtes Design stört, sondern ein zeitloser architektonischer Kosmos einfasst. Das Harrods ruht völlig in sich als Unikat in einer Zeit, in der Nachahmung die am weitesten verbreitete Tugend ist. Ich dränge meine Perle, irgendetwas aus dieser Institution zu erwerben, doch sie wehrt sich, will sehen, will erleben, will das Gefühl einatmen, welches diese Institution durchweht und wird schließlich doch fündig. In der Hutabteilung erspäht sie einen Hut aus schwarzem Samt, mit einem sehr breiten dünnen Rand, etwas zwischen Bischofshut und Sombrero, mit dem sie bei ihrer kleinen Statur ebenso auffällt wie ich mit meinen Schuhen, indessen nicht infolge der unübersehbaren Exklusivität dieses Hutes, sondern weil sie mit ihm einfach hinreißend aussieht. Ich mit meinen Schuhen und nun sie mit ihrem Hut, zwei harmlose Deutsche sind auf den Straßen Londons zu echten Hinguckern geworden.

Für den letzten Abend hatte ich ein indisches Restaurant vorgesehen. Auch dieses sollte eines aus der Sterneklasse ein. Ich meine auf dem Stadtplan zu ersehen, dass es nur unweit vom Harrods entfernt liegt, worauf wir uns zu Fuß aufmachen. Als wir endlich vor seinem Eingang stehen, meint Jenny:

„Wenn Du mir vor einigen Wochen gesagt hättest, dass es in London zwar eine bequeme U-Bahn gibt, aber man sich trotzdem die Stadt erlaufen muss, hätte ich ein Marathontraining als Vorbereitung eingebaut.“

„Wir könnten im Restaurant fragen, ob sie auch eine Fußmassage anbieten, aber wahrscheinlich hätten wir dann besser einen weiteren Chinesen auswählen müssen.“

„Ich liebe Dich, weil Du der einzige Mensch bist, der sich auf mich einstellen und mich überraschen kann.“

Beim Betreten des Rasoi ist mein erster Eindruck: Oh Gott, typisch indisch – der Geruch von verbrauchten Räucherstäbchen hängt in der Luft, alte Stofftapeten und staubige Teppiche an den Wänden, von der Decke baumeln Bronzefiguren herab, die ebenso in zahlreichen Regalen stehen. Ich blicke deprimiert zu meinem Schatz, die aber reagiert überhaupt nicht, sondern schaut sich alles interessiert genau an. Vielleicht hat ihr Verhalten den Restaurantleiter dazu inspiriert, uns jede Frage von den Lippen abzulesen. Sein ungemeines Zuvorkommen führt im Verlauf des Abends jedoch bei Jenny zu einer Art ethischem Schild. Auf alle seine Fragen nach der Qualität der Speisen reagiert sie mit einer faustdicken Lüge. Sie gibt sich in einem fort begeistert!

Wir essen beide das „Menu Prestige“ mit sechs Gängen für 110 Euro plus 12.5 % Service Charge, ohne Weinbegleitung! Der erste Gang ist ein „Crab Lolly, Crab Chutney-Mustard Caviar, Lime-Coconut Soup”, der wie ein Magnumeis geformt ist. Beim ersten Biss habe ich Glück, denn der Rest der Umhüllung fällt vom Lollystiel ab und direkt in die Soße und diese kippt auf das Mittelteil meiner Hose. Jenny kann kaum an sich halten. Ich übergehe den Zwischenfall stoisch. Draußen beginnt es schon zu dunkeln, sodass die Verfärbung meiner Hose später nicht auffallen wird. Übrigens können wir beide von dem darin angeblich enthaltenen Mustard-Caviar nichts spüren, was danach auch auf so manch andere Zutat zutraf. Ich revanchiere mich beim ersten Gang, denn als mein Herzchen eine überdimensionierte Portion von „Banana Wrapped Mustard Tiliapa Aubergine Achari Cous Cous“ zu sich nimmt, tränen ihr vom diesmal überreichlich enthaltenen Senf die Augen. Nach dem dritten Gang sind unser beider Münder randvoll ausgefüllt mit Kardamon, Koriander, Ingwer, Kreuzkümmel, Chili und anderen nicht mehr richtig zu definierenden Gewürzen. Da hilft kein Wasser, kein Glas Lassi, das bleibt im Mund während der folgenden drei Stunden. Alle anderen Gerichte sind gut gemeint, haben gleichwohl keine mit dem Kontinent vergleichbare Sternequalität. Zu schwer, zu viele Gewürze gleichzeitig, zu große unbehandelte Gemüse(-zwiebeln) beziehungsweise Obststücke (Granatapfelkerne) und immer massenhaft die jedwede Geschmacksnuancen zerstörenden Korianderblätter. Einzig das Zwischengericht „Champagne-Rose Petal Sorbet, Rose Marmalade“ ist leicht und aromatisch fein abgestimmt. Mein Darling bleibt bei ihrer optimistischen Einstellung:

„Das war mein erster richtig interessanter Inder. Aber nun wissen wir, dass indisch nicht wirklich unser Ding ist.“

„Wollen wir zum Abschluss noch ein Bier in einem ungewöhnlichen Pub nehmen?“

„Mein Bedarf nach Ungewöhnlichkeiten in London ist für etliche Zeit erst einmal gedeckt. Was hältst Du denn von der schicken Bar in unserem Hotel und einem Cocktail?“,

erwidert mein Sweetheart.

Die Bar ist so schick, wie alle Bars in ähnlichen internationalen Hotels, aber besser eine zufriedene Jenny in einer durchschnittlichen Bar als eine unzufriedene in einem ausgefallenen Pub.

Früh am nächsten Morgen legt meine Kleine im Flieger erschöpft ihren Kopf auf meine Schulter und ich den meinen an ihren. London ist auch ohne den Besuch von Top-Restaurants eine anstrengende Stadt. Wir haben dies noch optimiert. Ich frage meine Liebe, was für ein Eindruck bei ihr zurückbleibt:

„Manche asiatischen Gerichte kann ich jetzt besser beurteilen, und ich habe Anregungen für neue Gerichte erhalten, über allem jedoch hätte ich ohne Dich niemals London so intensiv kennenlernen können. Für die Leidenschaft lohnt sich jede Anstrengung, aber mit Dir zusammen war es ein Genuss.“

Na ja, denke ich mir, dies ist mehr eine Liebeserklärung als eine realistische Beschreibung, aber dann korrigiere ich mich. Welche Realität kann außerhalb der Realität der Liebe realistisch sein?

Lesen Sie auch die andere Teile meiner kulinarisch versteckten Liebesgeschichte: hier finden Sie den ersten Teil, den zweiten Teil und den dritten Teil!

Anschriften

The Gilbert Scott
im St. Pancras Renaissance Hotel
Euston Road
London
NW1 2AR

Weiterführende Links

Rasoi
10 Lincoln Street
Chelsea
London
SW3 2TS

Weiterführende Links

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.