Kurzkritik: Warum nicht Venedig? – Teil 2

London

London: Eine kulinarisch versteckte Liebesgeschichte – Der zweite Tag

(hier finden Sie Teil 1hier Teil 3 und hier den letzten Teil der Fortsetzungsgeschichte)

Am Morgen besuchen wir das Hotelfrühstück. Als Jenny die englischen Sausages probiert zieht sie die Mundwinkel nach unten. Demgegenüber zeige ich echte Freude:

„Worüber freust Du Dich denn?“,

fragt sie mich.

„Och“, antworte ich ihr, „endlich bin ich mal ein außergewöhnlicher Deutscher.“

„Wie kommst Du denn darauf?“

„Ganz einfach, weil ich sicherlich hier in diesem Raum, wahrscheinlich auch in diesem Hotel und möglicherweise sogar in ganz London der einzige Deutsche bin, dem diese mehligen Würstchen in ihrer Pergamenthaut schmecken.“

Und daraufhin hole ich mir vom Buffet noch zwei weitere.

Jenny sieht mich irritiert an und versucht es dann wieder mit Venedig:

„In Italien ist das Frühstück zwar auch nicht viel besser, aber das Restaurant hier ist ziemlich trist. In Venedig hätten wir wenigstens ein bezauberndes Ambiente gehabt.“

„Vielleicht werden wir in diesem Jahr auch noch Venedig erleben, und ich hoffe, dass Du dann von London schwärmen wirst, denn heute wird es richtig interessant“,

bemühe ich mich, sie zu locken. Aber heute Morgen bleibt mein Abgott bei ihrem spitzen Tonfall:

„Ich hoffe, es wird nicht ein Museum sein. Beim Tower sind wir gestern schon ausgestiegen, aber so viele Menschen in alten, engen Mauern ertrage ich nicht noch einmal.“

„Aber Schnucki, London besteht doch nicht nur aus Geschichte. Ich dachte, ich zeige Dir heute zuerst einige interessante Einkaufsstraßen.“

„Das hätte ich meinem Liebhaber der Geschichte und der Kochkunst gar nicht zugetraut. Lege doch bitte das Letzte von Deinen wundervollen englischen Würstchen beiseite und lass uns gleich gehen.“

„Also wenn Du das mit dem Liebhaber zuerst persönlich gemeint hast, dann nehme ich Dich jetzt mit zu der typischsten aller englischen Einkaufsstraßen.“

Mein Ziel ist die Jermyn Street. Nur der bloße Gedanke an diese Straße erregt mich. Keine internationalen Marken, keine Billigläden, kein Fast Food, dafür jedoch alles „englisch“ pur: Schuhe, Anzüge, Hemden, Manschettenknöpfe, Krawatten, Unterwäsche, seidene Morgenmäntel, Toilettenartikel, alles wird in den Geschäften dieser Straße so präsentiert, als ob in wenigen Minuten der Ehemann der Queen vorbeischauen würde! Anders als sonst wo sind die Verkäufer weder gleichgültig noch devot, sondern ausgesprochen würdevoll, obwohl meine Angebetete sich nicht in Kauflaune befindet. Bis wir dann vor dem Fenster von „Shoemaker Tricker’s“ stehenbleiben. Ich sehe in ihm nur normale klassische englische Schuhe ausliegen. Allerdings sieht Jenny mehr als ich, denn ihre Blicke werden von einem einzigen Paar Männerschuhe derartig angezogen, worauf sie spontan zu mir meint:

„Das sind die ersten Männerschuhe, die mir richtig gefallen! Die musst Du unbedingt anprobieren.“

Die Schuhe haben eine umwerfende Farbgestaltung: Die Kappe leuchtet in kräftigem Ziegelrot, dahinter folgt einschließlich der Lasche blendend weißes Leder, während der Schnürteil bis zum Schuhende in dunklem Blau gehalten ist, das aber an der Oberseite des Schuhs von einem Raulederstück in leuchtendem Tomatenrot unterbrochen wird. Im Oberteil sind die Löcher für die Schnürsenkel nicht einfach eingestanzt, sondern mit weißen Metallringen eingefasst. Ihr Stil ist eine Mischung aus Brogue und Derby. Zwar haben sie als Straßenschuhe keine dicken Ledersohlen, dafür jedoch Gumminoppen von Goodyear, und selbstverständlich sind sie rahmengenäht. Alles Weitere fließt in einem Akt zusammen: Tür öffnen, Verkäufer fragen, anprobieren, bezahlen, Schuhe ergreifen, Geschäft verlassen, uns gegenseitig anschauen und wie Kinder ausgelassen über meine extravaganten Schuhe albern.

„Mit diesen Schuhen werde ich überall auffallen. Die sind der helle Wahnsinn. Solche Schuhe hat niemand bei uns in Deutschland.“

„Dazu kannst Du eine weiße oder rote Hose tragen, in jedem Fall aber einen weißen Gürtel. Du wirst umwerfend aussehen.“

Ich wusste, mein Schmuckstück verfügt über einen extraordinären Geschmack, den die Natur mir für die Bekleidung verweigert hatte. Ich bewunderte sie dafür, was ihr durchaus gefiel. In London wollte ich mit ihr irgendetwas Ausgefallenes finden und nun haben wir es schon am zweiten Tag, weshalb ich mich zu einer kleinen Prahlerei verleiten lasse:

„Elegante Mode entsteht in Frankreich, freche in Italien, aber nur in der Atmosphäre Londons kann verrückte Mode entstehen.“

Mein Kleinod sendet mir einen ihrer zweideutigen Blicke zu, der mir sagen soll:

„Du hast die Chance, mich mit ähnlich interessantem Essen auch glücklich zu machen.“

Wenige Meter weiter öffne ich spontan die Tür zu „Paxton & Whitfield“ und uns wallt ein Odeur entgegen, wie es sich nur von allerbesten Käsesorten entwickeln kann. Auf der Verkaufstheke liegt ein imposantes angeschnittenes Stück eines runden Käses, der sicherlich seinen Teil zu diesem erlesenen Duft beiträgt. Auf dem Schild hinter ihm, prangt sein Name: Stinking Bishop!! Der freundliche Verkäufer hält uns eine Probe hin. Jenny, mit derartigen Usancen noch nicht so richtig vertraut, lehnt entgeistert ab, ich probiere und vergesse alle meine Geschmackserinnerungen an Munster und Époisses. Allzu lange hält es mein Darling dann im englischsten aller englischen Käseläden nicht aus, gleichwohl nutzt sie die letzten Sekunden, um mir zum Geruch einen Vergleich zuzuflüstern, der einem Engländer niemals über die Lippen kommen würde.

Am Ende der Straße befindet sich als krönender Abschluss ein Zigarrengeschäft, selbstverständlich kein Alltägliches, sondern eines für den Gentleman, mit allen nur denkbaren Utensilien zum stilvollen Zigarrengenießen sowie einer Auswahl Dutzender von Spazierstöcken. Touris erblicken wir hier und in den anderen Geschäften kaum, dafür aber sich distinguiert umsehende Kavaliere und bis auf die letzte Schleife penibel langweilig gekleidete Damen. Wir sind in einer Welt, die bei uns selbst aus den Erinnerungen bereits vertrieben ist, die uns hier zum Schmunzeln verleitet, und in der wir uns zugleich für einige länger andauernde Momente wohlfühlen.

Auf der Parallelstraße dazu, der Piccadilly Street, wirbt das Kaufhaus „Fortnum & Mason“ mit dem königlichen Logo für seinem „Afternoon Tea“. Es ist ein Unikum, ein Überbleibsel aus einer Zeit, als die Welt im Selbstverständnis der Engländer noch eine Englische war. Die sich in ihm drängenden Touris wollen eigentlich nur ein Museum besuchen, und dieses Museum ist zugleich ein einziger Museumsshop. Die Biskuits im Keramikbehälter, der Stilton im hohen Keramikgefäß, die über einhundert Sorten von Marmelade sowie Honig und noch weitaus mehr Tee in allen Dosenformen, die Picknickkörbe und, und – und alles wirkt hier wie eine altertümliche Zeremonie und würde ohne Touris alsbald verstauben, aber zugleich strömt es eine Kultiviertheit aus, unendlich weit jenseits der zahllosen Andenkenshops.

Wir überqueren den Piccadilly Circus und gehen die Regent Street in Richtung Oxford Street entlang. Nach dem Aufenthalt in wohl einem Dutzend Klamottenläden, was ich mit unendlicher Geduld über mich ergehen lasse, hat meine Abgöttin ein Paar Sommerschuhe und zwei Shorts erworben, eine davon in einem (deutschen) Esprit-Laden. Indes wirkt sie nicht gerade glücklich und meint, einen wesentlichen Unterschied zwischen den großen Einkaufsmeilen in Deutschland oder gar denen in Paris und diesen beiden in London feststellen zu können:

„Hier sehe ich entweder nur sehr teure und feine Geschäfte oder sehr große Billigläden. Dazwischen gibt es kaum etwas richtig originell Eigenständiges.“

Ich bin nicht sicher, ob dieser erste Eindruck zutreffend ist und wende ein:

„Einige sehr traditionelle Geschäfte haben wir doch in der Jermyn Street gesehen.“

„Das schon, aber das waren auch hochpreisige Läden“,

bleibt sie bei ihrer Einschätzung.

„Dafür aber mit erstklassigen Produkten, wie meinen Schuhen.“

„Gib nicht so an! Ich zweifle, ob Du sie Dir allein gekauft hättest. Hier sind die Unterschiede einfach größer als bei uns. So etwas wie die Oxford Street brauchen wir beide eigentlich nicht.“

Ich lege meine Hand auf ihre Schulter, sehe ihr direkt in die Augen, und imitiere ihren Tonfall:

„Damit hast Du sicherlich recht und ich bin stolz darauf, eine Frau zu lieben, die zu einem so treffsicheren Eindruck fähig ist, wenigstens manchmal.“

Meine Favoritin muss lachen, pariert aber sofort:

„Ha, jetzt wollen wir erst einmal sehen, wozu Du fähig bist!“

Inzwischen waren wir nämlich am Anfang der Oxford Street angelangt, an der unser Mittagsrestaurant lag, welches ich Jenny vorher angekündigt hatte.

Im „Hakkasan“ geht es tief in ein Kellergeschoss hinunter, wo uns für ein Einsterne-Restaurant unglaubliche einhundertfünfzig Sitzplätze, die längste Bar Europas und extrem laute Musik empfangen. Für besondere Gäste ist ein kleinerer Raum namens „Ling Ling“ (immer noch größer als ein deutsches Gourmet-Restaurant) durch dunkle Holzgitter abgetrennt, der zudem besser eingerichtet ist als der Großraum für die Underdog-Gäste, zu denen an diesem Tag auch Jenny und ich gehören. Es ist ganz deutlich ein Schickimicki-Lokal, wo das Essen zwar ordentlich ist, aber nicht die Hauptsache darstellt. Ich teste wieder mein süß-saures Schweinefleisch. Es ist weniger ausgewogen als im „Kai“ (dies haben wir am ersten Tag besucht, welchen Sie hier lesen können: http://bit.ly/PJBSsw), aber besser als in Chinatown. Dafür fallen hier die Portionen wahrhaft mächtig aus. Jenny fragt unseren Kellner ganz direkt:

„Wer um alles in der Welt kann denn mittags eine solche Riesenportion verspeisen?“

„Eigentlich niemand. Fast jeder Gast lässt die Hälfte zurückgehen. Aber jeder brüstet sich draußen später, sie doch verdrückt zu haben“,

entgegnet der Kellner offenherzig.

Bereits dies lässt uns an der Qualität der weiteren Gerichte zweifeln. Nach zwei erneuten Versuchen mit „Crispy Duck & Beancurd Pastry Parcel“ und „Spice Route Lobster“ winkt Jenny ab:

„Hier werden wir nicht fündig. Die Karte ist viel zu umfangreich für ein Top-Restaurant. Die Gerichte entsprechen der üblichen auch bei uns verbreiteten chinesischen Standardküche, sicherlich in einer etwas besseren Qualität. Das ist es offensichtlich, was die Gäste hier erwarten. Aber das müssten die Michelin-Inspektoren eigentlich auch selber feststellen. Hier fehlt die Sensibilität gegenüber dem Produkt, und deshalb ist das hier keine Sterneküche.“

Ich versuche mit einem Kompliment zu reagieren:

„Du wirst immer besser Liebling, bald werde ich von Dir lernen können.“

„Versuchst Du jetzt meine Ironie nachzuahmen? Aber das schaffst Du nicht, denn Dir fehlt Venedig! Und was war hier eigentlich chinesisch? Auf keinen Fall der Service.“

Die letzte Bemerkung traf zu, denn wir erlebten hier einen Höhepunkt der ganz anderen Art, nämlich den einer „nichtenglischen“ Servicekultur. Die drei Damen am Eingang stammen aus Litauen, Polen und Griechenland, der Barmann aus Brasilien, die beiden uns bedienenden Kellner aus Indien und Argentinien, der Restaurantleiter ist eine Kosovare. Immerhin sein Stellvertreter ist dann doch ein Chinese. Als ich ihn indes frage, in welcher chinesischen Region er beheimatet sei, lacht er, und erklärt uns bereitwillig, dass er nicht aus China, sondern aus Malaysia kommt. Als ich nachfrage, räumt er ein, nicht von der malaysischen Halbinsel, sondern aus Borneo zu stammen. Mein Schätzchen spricht den Restaurantleiter auf die damit verbundenen Managementprobleme an:

„Wie schaffen Sie es, eine derartig inhomogene Mannschaft effektiv zu führen?“

Er zieht die Schultern hoch, beugt sich zu Jenny hin und antwortet ihr leise:

„Ich weiß es nicht, aber ich versuche es jeden Tag erneut.“

Nach der Shoppingtour und der Ruhephase beim Chinesen kann ich Jenny mit dem Versprechen eines kulturellen Höhepunktes in eine Ausstellung locken. Im Hotel hatten wir eine VIP-Karte für eine Ausstellung in der Tate Modern erhalten. Überall in der „Underground“ war diese Ausstellung als die erste Gesamtschau des bekanntesten britischen Gegenwartskünstlers plakatiert: Damien Hirst. Ich bin begierig auf den Diamantenschädel, auf den Hai in Formaldehyd, auf die getrennte Kuh und, und, und! All das, wovon ich jahrelang nur gehört habe, all das kann ich jetzt mit meiner Einzigartigen in London erleben! Es bricht nur so aus mir heraus! Und da wird meiner Flamme klar, dass sie nicht umhin kommt, sich ebenfalls diesen Hai anzuschauen.

„Wenn das alles zutrifft, wovon Du mit so viel Begeisterung sprichst, dann werde ich aus dieser Ausstellung richtig gebildet herauskommen!“

Wenn sie mich mit einem solch hingebungsvollen Engagement erlebt, kann sie ihre Ironie einfach nicht unterdrücken. Und nur selten gelingt es mir, mich auf ihrer Ebene zu bewegen, was mich einerseits ärgert und andererseits den Reiz, der von meiner Favoritin ausgeht, nur noch weiter verstärkt.

„Ja, davon bin ich felsenfest überzeugt!“

In der Tate Modern begrüßt uns Damien Hirst! Nein, nein, nicht persönlich, sondern mit Menschenschlangen, an denen wir elegant vorbeigelotst werden, und dann stehen wir in seinem ersten Raum, dicht an dicht mit anderen Besuchern, Leib an Leib, also ganz wie in seiner künstlerischen Intention. Jenny mit ihrem praktischen Verstand erschließt sich diese Intention nicht so richtig:

„Schnucki, sag mir mal, wer sich gern jeden Tag durch zwei Plastikkarrees mit einem auseinandergesägten Schaf hindurchzwängen möchte?“

Ich schaue sie nur ein wenig spöttisch an, doch da geht es schon weiter:

„Und, Schnucki, wer will sich ellenlange Regale mit abgerauchten Zigarettenstummeln oder mit stinknormalen Medizin-Pillen in sein Haus stellen?“

Ich versuche es mit einer weisen Antwort:

„Kunst lebt auch von der Provokation.“

Als mich mein Herzblatt mit einem zweifelnd belustigten Ausdruck ansieht, argumentiere ich flugs weiter:

„Vielleicht ist dies eine falsche Fragestellung, denn weder passen die meisten dieser Objekte mit ihrer Größe in ein normales Haus, noch verkauft Damien Hirst diese zu Preisen, die ein durchschnittlicher Sammler aufzubringen bereit ist. Sie sind also ausschließlich für eine bestimmte Schicht produziert worden: für vermögende Menschen mit riesigen Wohnhäusern oder solchen mit Lagerräumen als Vorratsbehausungen ihrer zukünftigen privaten Museen oder für aktuelle Museen arabischer Despoten mit enormen Ankaufsetats.“

Darauf folgt eine Frage, die mich hilflos macht:

„Wenn das alles so ist, wie Du es sagst, würden dann bei einer riesigen Wirtschaftskrise mit einer riesigen Inflation solche Objekte völlig wertlos werden?“

„Mausi, der Herr Hirst würde an Deinem praktischen Verstand verzweifeln.“

„Würde dann daraus auch Kunst entstehen?“,

albert sie erneut mit mir.

Wir schlendern weiter und schauen uns Regale mit vielfältig glitzernden, diamantenartigen Glasstückchen an und kommen an mit kalten, stählernen Operationsbestecken gefüllten Vitrinen vorbei. Wir blicken an Wände mit nichts als aneinandergereihten Medikamentenschachteln, freuen uns über farbig leuchtende Glasmosaike im Stil alter Kirchenfenster, auch der bekannte Hai in Formaldehyd ist dabei und noch weitaus absonderlichere Installationen mit lebenden Maden oder krabbelnden Insekten. Meine Dulcinea fordert mich nochmals heraus:

„Keine Frage, Hirst ist ungemein einfallsreich. Aber zahlreiche der Objekte hier sind einfach nur direkt dem Alltag entnommen. Wenn das als Kunst angeboten wird, und wenn das Museum meint, dass sich ihr Anschauen für mich lohnen soll, dann ist das für mich nichts weiter als eine Pervertierung der Kunst.“

Die schiere Masse der blanken Banalitäten entsetzt auch mich und ich höre mich fragen:

„Wer hätte dem Rembrandt wohl einhundert seiner gebrauchten Pinsel abgekauft, selbst wenn der Meister sie eigenhändig in einem Regal aneinandergereiht hätte? Warum nehmen diese Besucher um uns herum, die alle so ungemein interessiert und so klug wissend sich umblicken, an dieser Pervertierung teil? Von denen würde doch kein Einziger sein sauer verdientes Geld für einen Glasschrank mit bunten Pillen ausgeben. Denen reicht doch schon die Praxisgebühr!“

Meine Süße schaut mich hilflos an:

„Ich frage mich auch, wenn jeder Gegenstand des Alltags als Kunst deklariert wird, schafft sich die Kunst nicht damit selber ab? Allerdings gab es in der Kunst immer wieder Wellen, an die sich nach deren Abebben nur noch die Kunsthistoriker erinnern konnten. Doch …“

– so provoziert sie mich jetzt –

„… kennst Du nicht auch Ähnliches aus der Kochkunst?“

„Sicherlich, aber ich gehe aus dieser Ausstellung nicht mit einem Gefühl der Erhabenheit heraus und auch nicht mit Nachdenklichkeit.“

Irgendwie betrübt und enttäuscht verlassen wir beide die Tate Modern.

Für den Abend unseres zweiten Tages hatte ich eine Abwechslung von der asiatischen Küche eingeplant. In der neuen Liste der „The World’s 50 Best Restaurants“ war ein englisches Restaurant gerade auf einem sagenhaften achten Platz gelandet, und zuvor hatte es einen Michelin-Stern erhalten. Seinen Koch hatte ich Jenny als das Enfant Terrible unter den englischen Starköchen beschrieben, und als sie so tut, genau zu wissen, wen ich damit meine, lache ich auf:

„Nein, nein, denke dabei bitte nicht an Herrn Jamie Oliver, der ist in den zurückliegenden Jahren sicherlich einflussreich gewesen, aber auf anderen Gebieten als dem der Top-Gastronomie. Ich meine Heston Blumenthal, mit seinem ersten Restaurant in London: „Dinner by Heston Blumenthal“. Garantiert wirst Du davon beeindruckt sein.“

Zuvor wechseln wir im Hotel unsere Garderobe. Vor allem schlüpfe ich in meine neuen Schuhe. Auf dem Weg zur U-Bahn, in der U-Bahn und von der U-Bahn zum Restaurant, auf jedem Meter könnte mein Weg einem Spießrutenlauf gleichen, denn buchstäblich fast alle uns entgegenkommenden Passanten, wenden ihren Kopf nach unten, blicken auf meine Schuhe, heben ihren Kopf, sind erstaunt, sehen mich an, dann erneut auf meine Schuhe, blicken wieder zurück und schmunzeln. Ich gebe mich überhaupt nicht irritiert, sondern schmunzle zurück, weise mit dem Zeigefinger neckisch selbstbewusst auf meine Schuhe und recke dann den Daumen nach oben, was die Passanten zu einem abermaligen Lächeln veranlasst. Meine Schuhe lassen uns eine Eigenschaft der Briten erleben, die wir nicht vermutet hatten, und die ich dem Mut meiner Angebeteten zu ausgefallenem Design zu verdanken habe.

Dann also sitzen wir im feinen Londoner Hotel „Mandarin Oriental Hyde Park“ in einem brasserieartig eingerichteten Restaurant direkt an der Fensterfront und schauen geradewegs in den Hyde Park hinein, lassen die Pferde mit den „Bobbies“ an uns vorbeitraben, beobachten exzentrische Jogger und amüsieren uns über die schwarz verhüllten Muselmaninnen, welche wir noch kurz zuvor in der Lingerie-abteilung eines Geschäftes in der Regent Street gesehen hatten. Nach einer Stunde dämmert es in London, und wir erleben eine ähnliche Atmosphäre wie in den meisten anderen der zuvor von uns besuchten Restaurants. Es ist dunkel in ihnen. Ja, eine schummrige Beleuchtung ist hier geradezu ein allgemeingültiges Stilelement. Für die Beurteilung eines Tellers sind abgedunkelte Restaurants verheerend. Weder kann sich das Auge an Arrangements und Farben auf dem Teller erfreuen, noch können Temperatur, Textur und Aromen in Bezug zum Aussehen der Gerichte gebracht werden.

Ich hatte meiner Herzensdame den Herrn Blumenthal als einen ungemein ideenreichen Koch geschildert. Dies stellt er auch in seinem neuesten Lokal unter Beweis. Hinter jedem Gericht auf der Karte ist eine Jahreszahl vermerkt, beginnend mit 1390 und endend mit 1830. Auf der Rückseite der Karte wird diese dann in Bezug zu einem historischen Kochbuch oder dem erstmaligen Auftreten dieses Gerichts in England gebracht. Die Botschaft dafür ist eindeutig: Hier will ein Koch dem Publikum eine kulinarische Tradition des glorreichen Vaterlandes nahe bringen. Die kleinen Ungenauigkeiten dabei werden einen traditionsbewussten Engländer nicht stören. Beispielsweise heißt ein Gericht „Rice & Flesh (c. 1390)“, allerdings gab es in dieser Zeit noch keinen Reis auf der Insel, überdies ist Reis auch heute nicht als eine englische Hauptspeise bekannt. Vielleicht meint er damit den Hirsebrei, aber den gibt es heute nicht mehr. Nach den ersten Vorspeisen befragt mich Jenny zu meinem Eindruck:

„Ich habe auch einige historische Kochbücher zu Haus. Die meisten Rezepte darin kann man heute nicht mehr direkt nachkochen. Blumenthal versucht das auch gar nicht, sondern er will zur ursprünglichen Rustikalität der Gerichte feinere Analogien vornehmen. Das ist erst einmal originell, aber bisher habe ich nichts Kreatives gegessen. Auch sind die Geschmacksbilder seiner Gerichte einander viel zu ähnlich.“

Unsere zwei Hauptgerichte und die Desserts werden ebenso wenig dem großen Namen ihres Innovators gerecht. Zu meinem „Powered Duck Breast (c.1670)“ gibt mein Liebling einen Kommentar ab, der auch hätte von mir sein können:

„Die Entenbrust ist nicht richtig gegart, zu wabbelig. Allerdings sind die Endivien leicht confiert und schonend gebraten. Ihre Bitternoten sind noch vorhanden, ohne zu dominieren, aber die Blätter sind in Relation zu den Entenstücken viel zu groß.“

Die weiteren Gerichte – „Beef Royal, (c. 1750)“ oder auch das Dessert „Tipsy Cake (c. 1810)“ – sind besser zubereitet, aber jedes Gericht kommt mit Stärken und Schwächen zu uns auf den Tisch. Kein Teller ist tadellos. Nachfragen beim Service zu Details erweisen sich als zwecklos. Insgesamt erleben wir sicherlich eine ordentliche, wenngleich durchwachsene Küchenleistung, mehr aber auch nicht. Die Küche ist von drei Seiten einsehbar, wobei auch dies nur ein modernistisches Attribut ist, denn kaum einer der Gäste kann in der wuseligen Tätigkeit der 13 durchweg jungen Köche die durchstrukturierten Abläufe nachvollziehen. Am Ende gehen Jenny und ich zum Pass, um uns mit Heston Blumenthal auszutauschen. Dieser ist nicht anwesend, wir fragen nach dem Souschef, doch der ist auch nicht da, also nehmen wir mit seinem Vertreter vorlieb, also eigentlich den Vertreter des Vertreters. Er berichtet uns, dass in einem hinteren Raum noch einmal vier Patissiers arbeiten. 17 Köche sind für dieses Restaurant ziemlich viel. Wahrscheinlich werden einige als Bezahlung den Namen „Heston Blumenthal“ akzeptieren. Wir erhalten auch bestätigt, dass von den Köchen keine individuelle Leistung oder gar kreative Fähigkeit erwartet wird. Sie müssen an ihrer Station einen festgeschriebenen Ablauf beherrschen. Als wir einige Schwächen der Gerichte ansprechen, meint er zu uns:

„Ich kontrolliere hier am Pass jeden Teller, der rausgeht. Alles ist genauso wie Heston es wünscht, und da wir ständig ausgebucht sind, wird unsere Qualität auch von den Gästen akzeptiert.“

Wir verlassen das neue „Baby“ von Heston Blumenthal mit dem Eindruck einer interessanten Idee, die auch in Deutschland Furore machen würde und die zudem mit in London ungewöhnlich moderaten Preisen weitaus mehr Gäste anzieht als Plätze vorhanden sind, aber nicht durch kulinarische Höchstleistungen leuchten will. Indessen was zählt unser Eindruck gegenüber der Leuchtgestalt eines vielfach gepriesenen Großmeisters der Haute Cuisine!

Mein Darling ist sichtlich betrübt, und ich bemühe mich, sie zu trösten:

„Ich weiß, Du hattest Dir mehr erwartet. Ich sowieso, aber immerhin haben wir ordentlich gegessen und dafür weniger bezahlt als in den anderen Lokalen.“

Doch damit komme ich nicht so richtig an.

„Es geht mir nicht um ordentliche handwerkliche Leistungen. Bei denen setze ich nicht den Maßstab gestalterischer Perfektion an. Bei jedem Koch kann die Kreativität auch mal ins Spielerische abdriften. Wirklich substantiell Neues haben wir nicht erlebt.“

„Nach dem Rummel um Heston Blumenthal habe ich auch mehr erwartet, aber immerhin wissen wir jetzt, dass eine gute Idee dem schnellen Geld geopfert wurde.“

Aber wenn mein Schätzchen sich einmal in Ärger hineinredet, ist sie nicht so leicht zu stoppen:

„Wir sind jetzt zwei Tage in London, und haben von Deinen Sterne-Restaurants nichts erlebt, was uns weitergebracht hat. Die Ausstellung hat mir nur gezeigt, dass die Menschen auch den verrücktesten Dingen nachlaufen, wird dafür nur genug die Werbetrommel gerührt. Und London finde ich insgesamt nicht so wahnsinnig aufregend. Ich hätte besser auf Venedig bestehen sollen.“

„Sicherlich haben wir bisher ein wenig Pech gehabt, aber …“

Ich komme nicht dazu, weiterzureden:

„Pech nennst Du das?! Das waren zwei verlorene Tage!“

„Wir sind doch zusammen gewesen, wir haben Spaß gehabt und auch Neues kennengelernt. Du hast einen Eindruck von einer der wichtigsten Weltstädte bekommen. Und auch wenn Dir London nicht gefällt, hoffe ich immer noch, dass wir in den nächsten zwei Tagen etliches Interessantes erleben werden. Sei doch nicht so traurig Chérie.“

Aber mein Liebchen schaut nur betrübt zur Seite. Einige lange Momente herrscht Schweigen zwischen uns. Ich bin hilflos. Vielleicht habe ich meine Kleine zu sehr durch London gejagt, nur meinen eigenen Interessen folgend, und meine Erfahrung auch bei ihr voraussetzend? London sollte ein Erlebnis für uns beide werden, zugegeben hauptsächlich ein kulinarisches, welches meiner Leidenschaft entsprach, der mein Schatz zwar auch zuneigte, sie indes der Vehemenz, mit der ich diese betrieb, nicht so richtig folgen konnte. Es belastete mich, dass die Reise nach zwei Tagen für keinen von uns beiden zu einem Erlebnis geworden war. Es passiert mir schon manchmal, dass ich mit aller Macht etwas anstrebe, aber mich dabei darin verliere und den Menschen neben mir vergesse. Für die nächsten zwei Tage sollte ich meine kulinarische Besessenheit besser dämpfen, indessen wie kann ich dies meiner Jennifer jetzt vermitteln, ohne mich aufzugeben? Ich versuche es mit einer Geschichte, die zwar etwas banal klingt, deren Kern ich aber trotzdem für eine Lebensweisheit halte:

„Ich habe auf einer Reise mal ein Ehepaar kennengelernt, das im sehr hohen Alter zusammen noch ganz glücklich wirkte. Eines Abends traute ich mich, die Dame zu fragen, worin das Geheimnis ihres gemeinsamen Glückes liegen würde. Da antwortete sie mir, dass sie sich zwar immer noch manchmal mit ihrem Mann streiten würde. Sie wären aber in den vielen Jahres ihres Zusammenlebens noch niemals zu Bett gegangen, ohne sich wieder zu vertragen.“

Meine Angebetete versucht nicht dagegen zu halten, sondern erwidert:

„Du willst mich besänftigen. Das ist lieb von Dir. Und Du hast für London auch viel für mich vorbereitet, und ich will Dir auch nicht die Laune verderben, aber bitte, versuche in den nächsten zwei Tagen etwas besser auf meine Befindlichkeit einzugehen. Ja?“

Dann kuschelt sie sich eng an mich und setzt fort:

„Ach weißt Du, ich hatte mir es einfach anders vorgestellt, so mehr wie Venedig. Aber hier ist alles anders, so freudlos. Wir konnten nicht innehalten und nicht genießen.“

Ich sage nichts mehr, lege meine Arme um meine Liebe und denke daran, dass bei Anspannung und Verdruss nicht jedes Wort zählt und manches besser unausgesprochen bleibt.

Lesen Sie auch die andere Teile meiner kulinarisch versteckten Liebesgeschichte: hier finden Sie den ersten Teil, den dritten Teil und den letzten Teil!

Anschriften

Dinner by Heston Blumenthal
im Hotel Mandarin Oriental Hyde Park
66 Knightsbrigde
London
SW1 X7LA

Weiterführende Links

Hakkasan Hanway Place
8 Hanway Place
London
W1T 1HD

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