Keine Restaurantkritik!

Pop-up – Restaurants in Helsinki!

Finnland hat den geringsten Korruptionsindex in der Welt. Die Kehrseite davon sind unzählig viele Regeln, die im Alltag und geschäftlich zu beachten sind. Beispielsweise setzt die Bürokratie vor der Eröffnung eines Restaurants sehr hohe Hürden aus vielen Seiten Papier. Eine überbordende Bürokratie kann jedoch auch den gegenteiligen Effekt hervorrufen, nämlich Kreativität, diese zu überwinden. Genau dies haben vor vier Jahren drei junge Finnen in Helsinki bewiesen. Eigentlich wollten sie gemeinsam ein Restaurant eröffnen. Als sie vor einer schier undurchdringlichen Wand aus bürokratischen Regeln standen, hatten sie eine Idee. Zwar hatten sie kaum gastronomische und unternehmerische Erfahrungen, aber sie kannten sich bestens mit der Wirkung von Social Media aus. Über das Internet riefen sie dazu auf, an einem Tag in Helsinki spontan pop up – Restaurants zu eröffnen. Für wenige Stunden an einem Tag sollte jeder, der es wollte, auf den Straßen und in den Parks mit einem Partyzelt oder auch nur mit einem Tisch, und ebenso oder auch in seiner eigenen Wohnung ein zeitweiliges Restaurant eröffnen. Ein oder mehrere Gerichte oder Kuchen anbieten, völlig nach individuellem Belieben und gleichfalls eigenständig einen Preis festsetzen.

Das klang ziemlich verrückt, und eigentlich unrealisierbar. Es gab keinerlei offizielle Unterstützung, aber zahlreiche Warnungen besorgter Behörden, denn die finnischen Vorschriften setzten dafür so enge Grenzen, dass selbst nur für einen Tag Niemand ein privates Restaurants eröffnen konnte. Das hatte jedoch einen unerwarteten Effekt. Es rief das Interesse der Medien hervor. Je mehr der von den Organisatoren festgesetzte Tag näher rückte, desto umfangreicher berichteten die Medien darüber, und desto mehr Menschen erklärten ihre Bereitschaft, mit zu machen. Der erste Restaurant-Tag in Europa im abgelegenen Helsinki wurde ein überragender Erfolg.

Keine Restaurantkritik!In Interneteile breitete sich diese Idee zuerst in Finnland und von dort über ganz Europa aus. Inzwischen wird eine solcher Tag sogar viermal im Jahr veranstaltet, und es werden an die vierzig Ländern mit über 1. 500 Teilnehmern erwartet.

Inzwischen begriff der Bürgermeister von Helsinki die soziale und touristische Wirkung dieser Privatinitiative. Ihr Initiator Timo Santala ist nur sogar bei der Stadtverwaltung, auch wenn alles andere völlig privat bleibt. Aber Timo meinte zu mir, dass die Politiker in Helsinki begriffen haben, dass ohne „changes oft he rules“ eine Gesellschaft abstirbt. Er will ein wenig helfen, dass wir nicht gleich alles verbieten, ohne es auszuprobieren. Eine offene Gesellschaft ist unsere Chance, auch durch einen Restaurant-Tag!

Wir besuchten am 14. Februar den Restauranttag, an einem mit minus 6 Grad ziemlich kalten Sonntag. Auf dem im Sommer grünen Mittelstreifen des größten Boulevards Helsinkis drängen sich die Stände mit Gerichten aus der Türkei, Tibets, Chinas, Japans, Taiwans, Indiens, Vietnams, Thailands, Mexikos, Russlands, Italiens, den USA, auch nur einfach Fritten mit belgischen Soßen, oder einer Gulaschkanone mit  Erbsensuppe, auch Grillstationen mit Pferdewürsten und unabdingbar ebenso mit finnischen Fischgerichten. Es war schlicht unübersehbar. Gleichfalls besuchte ich auch Wohnungen, wo italienische Künstler Pizza buken oder Finnen vegane Kuchen anboten. Eine aus Verärgerung über die Bürokratie geborene Idee hat sich durchgesetzt!

 

Timo Santala

Project manager

City of Helsinki, Food and culture strategy

www.restaurantday.org/de

www.helsinkifoodism.com

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