Gastronomische Höhenflüge bei Finnair

Eine Journalistenreise

Seit Jahren hatte ich nicht mehr an einer Journalistenreise teilgenommen. Eigentlich sind sie der Traum vieler Zeitungsleser. „Wo aber auch diese Journalisten überall hinkommen, und dann auch noch kostenlos, und was sie dabei nicht so alles erleben! Warum passiert mir so etwas nicht wenigstens einmal?“ Alles richtig, wenn da bloß nicht das Wörtchen „eigentlich“ wäre, denn eigentlich heißt:

Unbequeme Billigflieger zu unbequemen Zeiten, primitive Hotels direkt an lauten Straßen, dümmliche Pseudojournalisten und naive Agenturbegleiter, unsinnige und langweilige Programme, selbstverliebte Touri-Führer – mir gehen die Adjektive aus.

Am nervigsten waren die lieben mitreisenden Kollegen, zumeist nur halbgebildete Freizeitjournalisten, von denen etliche sich vor allem durch derartige Reisen ernähren, sozusagen Weltreiseschmarotzer sind; oder andere über ein Gourmetthema berichten wollten, von denen sie noch nicht einmal wussten, wie es geschrieben wird; und dann auch noch die ganz speziellen, die nur darauf aus waren, bei den Fabrikbesichtigungen so viel wie möglich einzusammeln, um bei der Abreise mich zu fragen, ob ich in meinem Koffer noch ein wenig Platz hätte. Was hätten die bloß gemacht, wenn wir eine Kühlschrankfabrik besichtig hätten!

Die meisten Journalisten in Deutschland vertreten eine prononciert linke Weltsicht. Davon wiederum die Meisten (die meisten von den meisten sind immerhin noch eine ganze Menge) sind halbgebildet und faul, beste Voraussetzungen, den Journalismus als Berufung zu empfinden.

Nein, derartige Reisen waren nichts für mich, bis, ja bis dann das Angebot der Finnair für Helsinki kam. Finnland war für reizvoll, allerdings nicht wegen der Natur – alles viel zu kalt –, und auch nicht wegen der berühmten Wohlgestalt der finnischen Frauen – sowieso kein Vergleich mit den Frauen der Karibik -, ebensowenig wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse – schließlich gehört Nokia schon zur finnischen Geschichte -, nein, das alles nicht. Einzig und allein waren zwei historische Gründe ausschlaggebend, die allerdings außer mir niemanden interessieren werden.

In meiner Jugend hatte ich ein finnisches Buch gelesen, wahrscheinlich das einzige auf Deutsch, in dem der Kampf der Finnen im Zweiten Weltkrieg drastisch geschildert wird. Es hatte mich derartig fasziniert, dass ich es unter den vielen, vielen Kriegsbüchern dieser Zeit in meinem Kopf behalten hatte: Väinö Linna, Der unbekannte Soldat. Der zweite Grund hieß Carl Gustaf Emil Mannerheim. Dieser Mann war der einzige echte Kriegsheld, den die nordischen Länder im 20. Jahrhundert hervorgebracht haben. Später war er finnischer Präsident, ohne jemals richtig Finnisch sprechen zu können. Aber Schwedisch und Russisch beherrschte er perfekt. Außerdem hatte er es fertiggebracht, bei seiner einzigen Begegnung mit Hitler, diesen zu düpieren, und trotzdem überlebt. Erst kämpfte er allein gegen Lenin, dann allein gegen Stalin, dann mit Hitler gegen Stalin und zuletzt mit Stalin gegen Hitler. So viel Gegensätze und Eigentümlichkeiten in einer Person hatten mich in meiner Jugend tief beeindruckt. An beide Episoden erinnerte ich mich, als das Angebot von Finnair für einen Besuch Helsinkis in meinem Computer eintrudelte.

Gastronomische Höhenflüge bei FinnairDieses Angebot war auch mit der Möglichkeit verbunden, ein völlig neues Gourmetkonzept für die Businessklasse von Finnair kennenzulernen. Über das zumeist ungenießbare Essen hoch über den Lüften wollte ich schon immer einmal schreiben, möglichst ein Glosse. Jetzt erhielt ich die Möglichkeit dazu, und der erste Eindruck war auch gleich ein Betrag zu meiner Glosse.

Allerdings stellte ich zwei Tage zuvor fest, dass ich eigentlich diese Reise gar nicht hätte antreten dürfen, aber da gab es kein Zurück mehr ohne Ansehensverlust. Es lag schlicht an meiner Terminschusseligkeit, und so schob ich diesen Fehler gedanklich einfach beiseite. Indessen wurde er mir am Tag der Abreise erneut deutlich ins Bewusstsein gerufen.

Normalerweise plane ich zwei Stunden für die Autofahrt von meinem Wohnort südlich Kölns zum Flughafen nach Düsseldorf ein. Eigentlich ist die Zufahrt geradezu ideal. Es gibt drei Autobahnen, die ich benutzen kann, aber gleich welche ich auch nehme, an irgendeiner Stelle gibt es immer einen Stau. Es ist einfach eine Qual, die mir dabei stets die einzige und weitgehend leere Autobahn Kubas in Erinnerung ruft. Doch an diesem Morgen erlebte ich eine Überraschung. Mein Navigationssystem warnte mich nicht mit einem roten Dreieck vor einem Stau, ja ich war geradezu verblüfft, denn selbst das sonst immer, gleich an welcher Stelle Deutschlands ich mich gerade befand, vorhandene gelbe Dreieck leuchte mir diesmal nicht entgegen. Was war denn heute nur los? Die Autobahn war völlig frei, und als ich den Weg nach Düsseldorf schon in sagenhaften 45 Minuten geschafft hatte, und wunderte und sinnierte, kam es mir in den Kopf: Heute war der wichtigste Donnerstag im ganzen Jahr: Weiberfastnacht im Rheinland! Weder Linna, noch Mannerheim und schon gar nicht das Essen in einem Flieger können für einen gelernten Rheinländer die Weiberfastnacht aufwiegen. Niemals!  Welch ein Sakrileg begehe ich für dieses kalte Helsinki!

Gekauftes Essen

Einstmals, als das Fliegen noch richtig Geld kostete, und im Bekanntenkreis achtungsgebierend über eine Flugreise gesprochen wurde; auch der Beruf der Stewardess ein Traumberuf aller jungen Mädchen war, um sich ohne Studium einen attraktiven und möglichst reichen Mann zu angeln; zu diesen weit in der Vergangenheit liegenden Zeiten also, servierten die Stewardessen selbst auf den Kurzstrecken noch ein warmes Essen. Als mit der Zeit der Billigflieger auch das Fliegen demokratisiert wurde, fiel über den Wolken ein edles Accessoires nach dem anderen weg, zuletzt sogar auch noch die eingeschweißten dauerhaltbaren Brötchen, an deren Einheitsgeschmack dutzende von Biochemikern monatelang getüftelt hatten. Für die Stewardessen kam das böse Wort von der „Saftschubserin“ auf, der Niedergang der Attraktivität des Berufes folgte der ihres Benehmens. Allerdings galt nun: Auch über den Wolken sind wir alle gleich, aber wie auch auf Erden, sind nun auch über den Wolken, die mit etwas mehr Geld gleicher als all die anderen. Heute befinden sich in der Ablage einer jeden Sessellehne bunte Faltblätter, auf denen zum fröhlichen Konsum über den Wolken eingeladen wird, damit der Fluggast nicht merkt, dass die günstigen Preise gar nicht so günstig sind, und er den Flug eigentlich über das Essen, oder über den Koffertransport und zukünftig wohl auch über die Toilettenbenutzung bezahlt.

Allerdings erlebte ich in der Finnair schon dabei meine erste Überraschung. Das Faltblatt war nicht der übliche primitive Druck, sondern entsprach allen modernen marketingtechnischen Anforderungen: Die Abbildungen der Speisen waren groß und schön bunt, die Preise hingegen klein und dunkel. Die angebotenen Speisen leuchteten mich geradezu an. Ganz im Sinne von Finnair riefen sie farbstark: Kauf mich! Kauf mich doch! Na los, kauf mich! Es gelang mir nicht, mich dem zu verweigern, obgleich die Einladung von Finnair sich nicht auf einen zu bezahlenden Imbiss erstreckt hatte, aber was sind schon fünf oder zehn oder siebzehn Euros gegen das Vergnügen, welches diese acht bunten Seiten versprachen!

Für fünf Euros lachten mich an „Small chicken pasta salad, LF“ an. Das LF hieß Lactosefrei! Auch ein „Fresh fruit platters, LF, G“ – G gleich Glutenfrei, und ein „Small  greek salad, LL, G“, LL gleich Low carb, also mehr oder weniger Kohlehydratfrei. Da fragte ich mich, ob die Abbildungen der bunten Salat- und Früchte- und Hühnerteilchen auch tatsächlich natürliche Zutaten wiedergeben, denn bei so viel „Freiheit“ konnte eigentlich nur noch „Kunst“ als Salat verkauft werden, sozusagen kulinarischer Kunstsalat als Lebensmittel, also frei von allem.

Aber als ich weiterblätterte, fesselten mich zwei andere Angebote. Für den Höchstpreis von 17 Euros an diesem Vormittag gab es „Love is in the air“ und für 13 Euros ein „Survival kit“. Ich war erstaunt, dass die Finnen witziger als die deutschen Fluggesellschaften sind, aber dann bedachte ich, dass es nicht so besonders schwer ist, witziger als ein deutsches Management zu sein, denn da kommt es auf Effizienz an, Witz ist dabei störend.

Gastronomische Höhenflüge bei FinnairDa ich allein flog, funktionierte das mit der Liebe über den Wolken nicht so richtig. Hingegen konnte ich nicht wissen, was mir noch so alles in den nächsten zwei Stunden passieren würde, weshalb mir das Überlebenspaket gerade recht kam. Mir ist zwar noch niemals etwas in einem Flugzeug passiert, außer auf dem Flug von Almaty nach Frankfurt, als mir ein betrunkener Dänischer Banker (Vorher wusste ich gar nicht, dass es solche Spezies überhaupt gibt, und dass Banker stinkbesoffen sein können, im Flugzeug!) während eines klitzekleinen Rülpsers meinen ersten C&A Anzug bis zur Unkenntlichkeit versaute; oder als während eines inneramerikanischen Fluges neben mir ein texanischer Rinderhirte erst seine Schuhe und dann auch noch seine Socken auszog, worauf ich einige Sekunden später vor Übelkeit zur Toilette wankte, was niemand im Flieger verstehen konnte; oder in einem Flug von Samara nach Moskau, bei dem keine Sitzplätze vergeben worden waren, worauf ich zuerst am Boden von dicken russischen Weibern überrannt wurde, und dann neben einem Hühnerkäfig zu  sitzen kam, und später in der Moskauer Metro sich alle Menschen von mir abwandten, als hätte ich eine ansteckende Krankheit; also bis auf diese und andere diverse Abnormalitäten, sind meine Flüge alles in allem ganz friedlich verlaufen, wenngleich ich bei „friedlich“ doch an einen Flug von Peking nach Shanghai denken muss, bei dem ein hinter mir sitzender Chinese partout verhindern wollte, dass ich meine Lehne nach hinten kippen konnte, weil er weiter eifrig auf seinen Laptop einhämmern wollte, ich leise protestierte, er mich anspuckte, ich ihm höflich einen Becher Tomatensaft auf seinem Hemd servierte, worauf mich zwei Stewards am Sitz befestigten, während der Chinese weiter hämmern durfte. Indessen war dies mein erster finnischer Flug, und dem Gerücht nach sollen die Finnen auch starke Trinker sein, also survival kam mir schon ganz recht.

Prägnante Inhalte

Das Paket bestand aus einer Platte mit Tomaten, Gurken, einem Blättchen Salat, eingerollten Scheiben, die wie Bündner Fleisch aussahen, Käsescheiben und einer Art Pastete bzw. Pirogge. Hinzu kamen eine Dose finnisches Bier und ein kleiner Kompass. Die Platte war allerdings auf der Nebenseite noch einmal separat für zehn Euros angeboten, aber ein Bier und einen Kompass für nur drei Euros in einem Flieger fand ich recht preisgünstig. Das Bier sollte wohl der Beruhigung in seelisch angespannten Situationen dienen, und der Kompass mir helfen, zu kontrollieren, ob wir uns tatsächlich in Richtung Finnland bewegten und nicht vielleicht nach Norwegen, denn da soll das Bier doppelt so teuer wie in Finnland sein, und das ausgerechnet an Weiberfastnacht.

Alles ging gut, ich entfernte die Umhüllungsfolie, probierte die Pirogge, den Käse und das Fleisch. Es schmeckte alles ziemlich ähnlich, aber es war ja auch noch sehr kalt! Auf der Folie war ein Zettel mit den Angaben der Inhaltsstoffe aufgeklebt. Zuerst las ich „Finnair Sky Bistro: ENJOY!“. Aha, also das wohlvertraute Englisch. Als ich weiterlas, verstand ich noch nicht einmal Bahnhof, alles auf Finnisch. Doch glücklicherweise befand sich darunter noch eine zweite Sprache, also konnte mir geholfen werden. Die zweite Sprache war Schwedisch, für mich auch nicht sehr hilfreich. Ich fragte eine Stewardess, die fragte eine Kollegin, die verschwand dann hinter einem Vorhang, als sie wieder kam, redete sie mit der ersten Stewardess und die berichtete mir dann. Also die Pirogge wäre eine typische finnische Spezialität, die man warm und kalt essen könne, ich sollte sie eine Weile in meine Hand nehmen, bis meine Hand kalt und die Pirogge warm geworden sei – es kann allerdings auch sein, dass ich die junge Dame irgendwie falsch verstanden hatte. Als ich nach dem Inhalt der Pirogge fragte, zählte sie mir ganz viel auf, wovon ich nur Eiersalat verstand, aber eigentlich wollte ich keinen Salat. Das mit dem Fleisch klärte sich schneller auf, weil die inzwischen interessierterweise hinzugetretene Kollegin etwas sagte, was wie Rentier klang und Rentier auf Englisch reindeer heißt.

Auf einer Seite waren die wärmenden Speise aufgelistet: Pizza, Focaccia, Thai curry und Lasagne. Alles Spezialitäten, wie man sie typischerweise an Bord eines finnischen Fliegers erwartet. Ich entschied mich für eine „Beef Lasagne“. Als die kam hieß sie „Lasagne Bolognese“. Sie war heiß, weshalb ich Probleme hatte, die Folie sofort zu entfernen. Wahrscheinlich hatten die Stewardessen inzwischen Angst vor mir bekommen. Aber so hatte ich Zeit, mich ausführlich in die Abbildung der Lasagne zu vertiefen: schön vierlagig, mit vielen Tomatenstückchen, zahlreichen Fleischbrocken und obenauf eine dicke gebräunte Käsekruste. Genauso mag ich Lasagne! Als ich die Folie abgezogen hatte, erkannte ich, über was für eine clevere Menschenkenntnis die Finnair-Manager verfügen. Genau mit diesem Gericht wollten sie mir nämlich den Unterschied zwischen Fiktion und Realität vermitteln, und das für nur 9 Euros und 50 Cent! Vor mir lag ein zweilagiges Etwas, das entfernt durchaus an eine Lasagne erinnerte, mit einer tomatenartigen Suppe, einschließlich kleiner Einsprengseln von fleischähnlicher Konsistenz und einer kräftig fetten schneeweißen Béchamelsoße obenauf, aber immerhin doch Béchamel! Übrigens hergestellt in Belgien. Da sage noch einer, die Finnen wären nicht international! Jetzt wusste ich auch, wozu mein survival kit gut ist, denn nach dem ersten Löffel von diesem breiartigen Irgendetwas wusste ich mein Bier so richtig zu schätzen, und das Drehen am Kompass beruhigte meine Nerven.

Meine Reise nach Helsinki hatte schon mal erlebnisreich begonnen.

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