Ein finnisches Bistro?

Die meisten von uns werden eine gewisse Vorstellung von einem Bistro haben. Überall in der Welt wird es als Vorbild einer rustikalen gastronomischen Kultur nachgeahmt: einfaches und klar strukturiertes Essen aus der Region von ordentlicher Qualität und schnell zubereitet, eine unkomplizierte Einrichtung, sowohl für den Aufenthalt von einer Stunde und ebenso für einen ganzen Abend. Allerdings trifft diese Beschreibung auch auf zahlreiche Lokaltypen in anderen Ländern zu. Vielleicht ist das Bistro heute gar kein festgelegter Typ sondern mehr ein Lebensgefühl.

Alles ist Ambiente!

Ravintola NokkaIn den letzten Jahren sind in Helsinki zahlreiche neue Restaurants und Lokale mit einem bistroähnlichen Charakter entstanden, häufig durch Umwandlung früherer Lagerhäuser oder Depots. Darin ähnelt Helsinki vielen anderen westeuropäischen Städten. Die Aura des Urtümlichen, der Tradition oder eines Residuum aus glorreichen Zeiten soll in der Atmosphäre einer neuen Gastlichkeit erhalten bleiben.

Um diese Atmosphäre und die darin angebotenen Speise vorzustellen habe ich das Nokka ausgewählt. Es befindet sich in einem umgebauten Lagerhaus am früheren Hafen Helsinkis, leicht zu Fuß vom Stadtzentrum aus zu erreichen. Sein Name – Schnabel – geht auf die schnabelähnliche Halbinsel zurück, auf der Helsinki einst gegründet worden ist. Roter nordischer Backstein leuchtet dem Besucher von der Außenfassade entgegen und begleitet ihn bis zu seinem Tisch. Hier ist nichts fein ziseliert, weder die Einrichtung noch das Geschirr. Alles ist auf Urtümlichkeit, ja sogar auf Anheimelnd ausgelegt. Solide – teilweise auch gehobene – Qualität in gemütlicher Umgebung scheint die damit verbundene Absicht zu sein.

Das Menü

Ravintola NokkaBereits die Gestaltung des Umschlags der Karte signalisiert den Stil dieses Lokals. Sie soll die Aura einer kulinarischen Ländlichkeit ausströmen. Erstaunlich ist dann jedoch zuerst die Zahl von fünf angebotenen Menüs, wobei beim genaueren Lesen auffällt, dass innerhalb der Menüs variiert wird, weshalb nicht viel mehr als zehn Gerichte übrigbleiben. Ich hatte das Helsinki – Menü in 4 Gängen gewählt.

Das Amuse (aber in einem Bistro immerhin!) schaut wie Steine aus, aber es sind Trockenfrüchte, teilweise mit Schokolade überzogen. Ebenso geradlinig ist die Kartoffelsuppe, cremig und leicht gewürzt, aber deutlich nach Kartoffeln schmeckend.

Die Blinis kamen als Merkmal der Küche des Nokkas etwas stärker und in einer weicheren Konsistenz als üblich. Dafür waren der Rogen und die Smetana-Creme etwas geringer proportioniert, was sicherlich der Rustikalität des Nokka geschuldet war und den Getränkekonsum anheben sollte. Die beste Art derartige Blinis zu genießen ist ein Stück Blini mit Sahne zu bestreichen, darauf reichlich Rogen und einige Zwiebelwürfel. In dieser Form muss ein Wodka zusammengehen, wären die Blinis mit Kaviar und ohne Zwiebeln müsste es ein Champagner sein!

Ravintola NokkaBeim Rentierfleisch konnte der Koch dann jedoch völlig mit seiner Küchenpraxis überzeugen. Zwei Zubereitungsarten, gebraten und geschmort,  kombiniert mit einer Soße, die mit Moosbeeren (Neuhochdeutsch Cranberries) angereichert war, erzeugte eine abwechslungsreiche aromatische Schwingung. Es war ein rustikales Gericht, in dem der spezielle Wildgeschmack des Rentierfleisches hervortrat, ohne abstoßend zu wirken, was sicherlich sowohl durch die Röstaromen als auch durch die Moosbeeren bewirkt wurde.

Auch das Dessert war einfach aufgebaut, aber trotzdem wirkungsvoll kombiniert. Ein Sorbet aus Preiselbeeren mit Joghurtcreme und Joghurtchips verband aromatische Säure mit leichter Cremigkeit.

Das Nokka ist sicherlich kein Geheimtipp für Helsinki aber ein treffendes Beispiel für eine neue Bistro-Kultur.

Ravintola Nokka
Kanavaranta 7F
00160 Helsinki
Finnland

www.ravintolanokka.fi

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.