Kurzkritik: „Ich rufe Sie zurück!“ – eine aktuelle Geschichte zur Olympia 2012 und dem Deutschen Haus in London

London 2012

Olympia 2012 – Zu Gast bei Landsleuten oder der vergebliche Versuch eines deutschen Autors, während der Olympia in London das Deutsche Haus zu besuchen.

 

Olympia 2012: An einem Wochentag möchte ich gegen 17.30 Uhr das in den deutschen Medien breit angekündigte Deutsche Haus besuchen. Es befindet sich im Museum of the Doglands, einige Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Zuerst fahre ich einige Stationen mit der U-Bahn, steige dann für einige Stationen in die obererdig fahrende Dogland-Bahn um, gehe noch einmal zehn Minuten zu Fuß und stehe dann vor dem Eingang des Deutschen Hauses. Zuerst erfolgt eine umfangreiche Sicherheitskontrolle, identisch mit denen der Flughäfen. Dann gebe ich an der Rezeption vor fünf jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern meinen Presseausweis ab. Einer der Mitarbeiter schaut in den Computer und sagt:

„Sie sind ja gar nicht akkreditiert!“

„Nein, ich weiß, ich schreibe gerade einige Geschichten über Londoner Restaurants und möchte die Zeit nutzen, um auch das Deutsche Haus zu besuchen.“

„So einfach geht das nicht. Da müssen wir erst unseren Chef wegen einer Akkreditierung fragen. Sie müssten morgen wieder kommen.“

Da ich die Organisationsformen von Großveranstaltungen und vor allem von großen Organisationen kenne, hatte ich Ähnliches auch bereits erwartet:

„Kein Problem. Allerdings möchte ich zusammen mit meiner Frau kommen.“

„Ja, hat Ihre Frau denn auch einen Presseausweis?“

„Nein, aber sie macht alle meine Fotos. Und sie ist meine Frau.“

„Das geht leider nicht. Nur Sportler dürfen höchstens eine Begleitperson mitbringen.“

„Sie erwarten also, dass ich meine Frau, mit der ich bei allen Reportagen zusammenarbeite, hier draußen stehen lasse?“

Inzwischen waren auch die anderen Personen hinter den Anmeldetischen auf unseren Wortwechsel aufmerksam geworden. Eine weitere Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter, allesamt – wie auch mein Gesprächspartner – ziemlich junge Deutsche – traten hinzu und reagierten auf mein Begehr:

„Unter Umständen könnte Ihre Frau den Eintritt auch bezahlen. Allerdings müssten wir dazu erst noch unseren Chef fragen.“

„Was kostet dieser Eintritt?“

„Das sind 400 Pfund. Aber wie gesagt, das ist nicht sicher, dafür müssen wir erst fragen.“

„400 Pfund ist ein ordentlicher Preis, was bekommt meine Frau denn dafür?“

„Sie kann an allen Gesprächen mit den Sportlern teilnehmen, auch an den Sponsorentreffen. Außerdem steht ihr auch das Essen kostenlos zur Verfügung.“

„Das hört sich interessant an. Gestern Abend habe ich zusammen mit meiner Frau das Zwei-Sterne-Restaurant „Marcus Wareing at the Berkeley“ getestet. Da haben wir auch etwa 400 Pfund bezahlt. Hat das Essen bei Ihnen eine vergleichbare Qualität?“

Jetzt schwiegen die Mitarbeiter erst einmal einige Sekunden lang, bis einer sich zu einer Antwort durchrang:

„Das kann ich natürlich nicht sagen. Ich kenne dieses Restaurant nicht. Aber nur Zwei-Sterne ist ja nicht so doll.“

Leise meinte eine andere Mitarbeiterin zu einem Kollegen, aber doch nicht so leise, als dass meine Frau es von der Seite nicht verstehen konnte:

„Kannst Du Dir ein Restaurant vorstellen, wo man 400 Pfund für ein Essen bezahlen muss. Das ist ein komischer Typ.“

Ich reagierte sehr direkt:

„Bitte geben Sie mir freundlicherweise den Namen und die Telefonnummer der dafür verantwortlichen Person. Ich möchte mich gern selber erkundigen.“

Problemlos erhielt ich den Namen Dr. Stefan Volknant vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) mitsamt seiner Londoner Telefonnummer. Olympia 2012!

Einige Tage später rief ich Herrn Volknant an, schilderte mein Begehr um eine Akkreditierung, gab ihm die Adresse meiner Homepage für meine Publikationen sowie meines Blogs GourmetKritik.de, damit er sich informieren konnte. Er sagte mir zu, mich zurückrufen zu wollen. Um meine Anfrage nicht zu komplizieren, erwähnte ich meine Frau erst gar nicht. Am Telefon fragte ich den freundlichen Herrn Volknant auch, ob ich die unweit des Deutschen Hauses liegende „MS-Deutschland“ besuchen könne. Dafür war er jedoch nicht zuständig, gab mir aber die Londoner Telefonnummer der zuständigen Dame Claudia Wagner.

Ein Anruf bei ihr ergab Folgendes: So ohne Weiteres könne niemand dieses Schiff – über das in den deutschen Medien sehr ausgebreitet berichtet worden war –besuchen. Schließlich sei dies ein privates Schiff und zudem auch ein Hotelschiff, außerdem sei sie dafür nicht zuständig. Ich könne jedoch dazu eine Frau Kneissl von der Reederei anrufen: 089/…..

Als ich nachfragte, ob dies eine Münchner Nummer sei, wir beide aber jetzt doch in London wären, bestätigte sie lapidar, dass dies eine Münchner Nummer sei.

Ich versuchte nicht, die Dame von einer mir nicht bekannten Reederei anzurufen.

Neben dem Deutschen Haus war festzeltartig eine Fanmeile eingerichtet. Hier konnte jeder Besucher die Berichterstattung deutscher Fernsehanstalten verfolgen und dazu Bratwurst und Bretzeln sowie deutsches Bier kaufen. Am Abend des dritten Tages war dieser Ort gut besucht, ohne Offizielle, ohne Sponsoren und ohne Olympiateilnehmer.

Als ich am nächsten Tag in meiner Englischschule dieses Erlebnis schilderte, erhielt ich zwei Reaktionen vom Lehrer und den ausländischen Studenten:

Ja, genauso stellten sie sich das Verhalten in Deutschland vor. Ich hätte doch wissen müssen, wie es in Deutschland zugeht.

Und dann berichteten sie von den entgegengesetzten Erfahrungen mit ihren „Olympia-Häusern“, wie zum Beispiel dem der Schweiz oder Tschechiens.

Das in den deutschen Medien hoch gepriesene „Deutsche Haus“ ist nicht ein Haus für die deutschen Steuerzahler, welche die Olympischen Spiele besuchen. Es ist ein Haus für die Manager des deutschen halbstaatlichen Sportbetriebes, für ihre Sponsoren und die ihnen geneigten Sportjournalisten. Die Sportler dürfen darin die Staffage abgeben.

Wäre eine andere Verhaltensweise denkbar?

Durchaus!

Beispielweise könnte sowohl in das Deutsche Haus als auch auf die MS-Deutschland täglich ein Kontingent von normalen Besuchern kostenlos zugelassen werden. Immerhin werden die meisten von ihnen diese Einrichtungen mit ihren Steuern ja auch bezahlen. Allerdings könnte es dabei zu Komplikationen kommen, welche ganz und gar nicht im Sinne des olympischen Geistes wären:

Es wäre ja auch unerhört, wenn beispielsweise der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, der frühere Olympiasieger im Fechten, und jetzige Rechtsanwalt sowie Sportfunktionär, Dr. Thomas Bach, von einem nicht zum inneren Kern gehörenden Journalisten angesprochen werden würde:

„Herr Dr. Bach, Sie sind normalerweise recht wortgewaltig. Hier in London sind Sie fast verstummt. Hat dies mit Ihren Ambitionen auf die Nachfolge des amtierenden IOC-Präsidenten, Herrn Jacques Rogge, zu tun? Wollen Sie sich jeder kritischen Stellungnahme enthalten, um nirgendwo anzuecken?“

Oder ein Besucher aus Köln würde mit kölscher Nonchalance den Chef de Mission der deutschen Olympia 2012 -Mannschaft, Herrn Dr. Michael Vesper, ansprechen:

„Herr Vesper, Sie kommen doch auch aus Köln. Da wollt ich Sie schon immer mal fragen, ob Sie denn nicht auch den Herrn Bietmann* kennen. Den müssten Sie ja eigentlich in ihrer Zeit als Kölner Grünen-Politiker kennengelernt haben. Mit dem konnten doch jeder Kölner Politiker prima Geschäfte machen?“

Und noch eine Frage hätte ich:

„Warum treten ausgerechnet Sie als Grünen-Politiker gerichtlich dafür ein, dass die Verträge zwischen DOSB und Sportfachverbänden, die die Verwendung von gut 200 Millionen Euro jährlich aus Steuermitteln regeln, nicht öffentlich werden? Derartige Unartigkeiten gilt es zu verhindern! Schließlich gehört Olympia denen, die dafür verantwortlich sind. Und das sind nicht die Steuerzahler. Dem Fußvolk gehören die Spiele im Fernsehen. Alles andere okkupieren die Sportfunktionäre und ihre Sponsoren aus der Wirtschaft. Die ihnen genehmen Journalisten erhalten wohlschmeckende Brosamen. Ich hingegen warte bis heute noch auf den Rückruf vom DOSB, den Herr Volknant doch so freundlich angekündigt hatte.“

 

* Bietmann: Für Nicht-Kölner: Prof. Dr. Rolf Bietmann, langjähriger Franktionsvorsitzender im Kölner Stadrat und früher sogar einmal Mitglied des Deutschen Bundestages, wird von vielen Kölner nicht nur als der einstmals oberste Strippenzieher der Domstadt, sondern sogar als ihr Obermafiosi angesehen, der sich trotz noch laufender Verfahren einer umfassenden juristischen Aufarbeitung seiner Verquickungen bisher immer noch zu entziehen wusste. In dem vor einigen Monaten erschienenen Krimi von Peter Meisenberg „Kölschkomplott“ wird ihm die „Ehre“ der Hauptfigur zu teil.

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