Speisen in einem preisgekrönten privaten Restaurant

Der Höhepunkt unseres Restaurantbesuches erreichte uns ganz zuletzt. Der Besitzer kam an unseren Tisch, um uns etwas zweifellos Außergewöhnliches zu präsentieren. Die Urkunde in seinen Händen war ordentlich in Folie eingeschweißt, und sie sagte aus, dass dieser Paladar bei einem Wettbewerb unter 120 Paladares in der Region um Varadero den dritten Platz belegt hatte, und um seinen Stolz noch zu steigern, fügte er hinzu, dies bereits zwei Monate nach seiner Eröffnung! Hätten wir von einem derartigen Erfolg bereits am Beginn unseres Aufenthaltes an diesem formidablen Ort gelesen, unsere Erwartungshaltung wäre wohl ins schier Unendliche gewachsen. Immerhin wissen wir seitdem, dass es derartige Wettbewerbe und sogar regionale Vereinigungen von Köchen auf Kuba gibt. Aus Pietät haben wir nicht nach den konkreten Umständen dafür gefragt, was ja bekanntermaßen auch in Deutschland zu manch Ungemach führen kann.

Einstimmung

Die 40. 000 Einwohnerstadt Colón liegt 200 km von Havanna entfernt, etwa 500 km sind es bis zur Westspitze der Insel und über 600 km bis zur ihrer Ostspitze. Jeweils 80 Km sind die karibische See bzw. der Atlantik entfernt. Einstmals war es eine reiche Stadt, ein Zentrum der Zuckerindustrie und ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt. Sechs größere Hotels und etliche kleinere Herbergen, ein Krankenhaus für die ganze Region, eine katholische Kirche, das größte Denkmal ihres Namensgebers Cristóbal Colón auf Kuba, etliche Schulen verschiedener Bildungsstufen, kaum Analphabeten, zusätzlich eine Kunstschule und ein Polytechnikum, drei Konservenfabriken und mehrere Zuckerfabriken, ein prächtiges Kulturzentrum nur für die Weißen und eines – kleineres – nur für die Schwarzen, imposante Häuser im spätkolonialen Stil, fast alle nach dem Ende der spanischen Herrschaft und zumeist unter der Ägide der bösen amerikanischen Besatzung erbaut. 1902 wurde in der Stadt der erste Park für Kinder auf Kuba eröffnet, und bereits 1851 hatte hier die erste Eisenbahn Station gemacht. Die Stadt hatte von der Nachfrage nach Zucker und anderen Nahrungsmitteln schon während des ersten und dann vor allem während des zweiten Weltkrieges profitiert. In der rötlichen reichen Erde ihrer Umgebung und des milden Klimas wächst einfach alles, selbst im Winter sind 30 Grad keine Seltenheit. Es war keine Stadt der Armut, und auch in seiner weiteren Umgebung waren schon vor sechs Jahrzehnten die typischen kubanischen Landhütten aus Holz und mit Palmenblättern bedeckt, so gut wie verschwunden. Sogar in den kleinen Flecken in zehn oder fünfzehn Kilometern Entfernung sind bis heute eindrucksvolle Landhäuser zu sehen, eindrucksvoll selbst in ihrem heute ruinierten Zustand. Während der sieben Jahre des ruchlosen Diktators Batista herrschte in ihr eine Mittelschicht von Ärzten, Rechtsanwälten, Lehrern, kleinen Land- und Fabrikbesitzern, Händlern und Unternehmern. Sicherlich war in ihr nicht zu jeder Zeit Idylle angesagt, aber die Straßen waren mit amerikanischen Straßenkreuzern gefüllt, nicht jedoch mit den heute üblichen Pferdekarren, euphemistisch auch Kutschen genannt, die Häuser waren so gut gebaut, dass sogar einige sechs Jahrzehnte ohne Reparaturen überdauert haben, nicht zu schreiben vom aktuellen Zustand der sozialistischen Plattenbauten am Rande der Stadt, das zuletzt übriggebliebene Hotel liegt nun ebenso in den letzten Zügen, fast alle Straßen stammen noch aus der kapitalistischen Zeit – und oh Wunder! – dort wo sie weniger befahren sind, ist ihre Asphaltdecke sogar noch leidlich intakt. Damals – also zu den schlimmen Zeiten wo doch bekanntermaßen auf Kuba nur die amerikanische Mafia ihr Unwesen trieb – passierten täglich etwa 20 Züge die Stadt. Heute liegt der unfertige neue Bahnhof am Rande der Stadt, es halten täglich nur noch vier Züge dort, genauso Schrottkisten wie dieser Bahnhof. Damit ist einer der beiden wesentlichen Wirtschaftsfaktoren weggefallen.

Der andere Teil – die Zuckerwirtschaft – hat ein genauso unvorhersehbares Unglück getroffen. Ein großer Teil der fruchtbaren Felder in der Umgebung ist vom subtropischen Marabu-Strauchwerk überwuchert, völlig plötzlich und gänzlich unaufhaltsam. Allerdings gibt es an ihrem Rand größere und kleinere Inseln, auf denen Reis, Bohnen, Zwiebeln, Erdnüsse, Mohrrüben, Kürbisse, Gurken, Tomaten und manch anderes angebaut werden. Auf einigen noch erhaltenen größeren Flächen wächst zwar nach wie vor das Zuckerrohr, aber in weitaus geringerer Qualität als früher, und von den drei Zuckerfabriken, über die uns berichtet wurde, sind bereits von weitem zwei funktionsuntüchtig als reine Schrotthaufen zu erkennen, womit auch der zweite frühere Wirtschaftsfaktor verwirtschaftet worden ist. Aber immerhin wachsen überall wild Bananen, Avocados, Limonen, Orangen, Kokospalmen, Guaven und noch viele andere bei uns weitgehend unbekannte Obstsorten. Zudem bin ich ziemlich sicher, dass fast jeden Tag am Rande der Stadt und in den Dörfern seiner Umgebung mehrere Schweine privat geschlachtet werden.

Wer in dieser Stadt ein ambitioniertes Restaurant eröffnet, muss mehr Geld als Ahnung von der Gastronomie haben! Er muss ein Abenteurertyp sein und risikobereit, also mit typisch kapitalistischen Eigenschaften versehen, die eigentlich nach sechs Jahrzehnten einer ideologischen Diktatur schon längst ausgerottet sein müssten. Doch dieses Wörtchen „eigentlich“ wird der permanente Begleiter meines Restaurantbesuches sein, wenigstens als linguistische Hintergrundmelodie.

Ambiente

La ArboledaZuerst einmal ist das Restaurant ungemein schwer zu finden. Das hat einen sehr spezifischen Grund. Wie überall auf Kuba ist auch in Colón eine gesteigerte Wachsamkeit gegenüber ausländischen Spionen geboten, die permanent auf der Suche nach den zahlreichen sozialistischen Erfolgen unterwegs sind. Deshalb ist es ein Gebot, dass außerhalb von Havanna oder von überlaufenden touristischen Zentren wie beispielsweise Trinidad, für die allermeisten anderen Städte kein Stadtplan existiert. Das Objekt unserer kulinarischen Begierde befindet sich in einer recht bescheidenden Seitenstraße, die von einer ebenso bescheidenden kleineren Hauptstraße abgeht, wobei auch diese Straßen so gehalten sind, dass sie zwar von den vielen Pferdekutschen und den noch weitaus zahlreicheren Fahrradfahrern (Unsere Grünen hätten ungeteilte Freude daran, solange sie nicht selber diese Pferdefuhrwerke benutzen und genau so wenig auf den typischen kubanischen Fahrräder aus den Urzeiten chinesischer Produktion ohne Beleuchtung, Gangschaltung und anderen technischen Überflüssigkeiten sitzen müssten.) befahren werden können, für einen PKW jedoch wegen so mancher bautechnischer Eigenheiten der Straßen, wie veritablen Bodenwellen oder Löcher in Schwimmbadgröße mehr an Fahrkünsten verlangen, als ein deutscher Autofahrer aufzubringen in der Lage ist. Allerdings wären sie als innerstädtische Teststrecken für die Automobilproduktion bestens geeignet.

Aber all dies tritt hinter dem Bestreben des Besitzerehepaares unseres Paladares zurück, sich ganz seinen Gästen aus Colón zu widmen. Die in Kuba immer zahlreicher auftretenden kanadischen und amerikanischen Touristen sollen erst gar nicht angelockt werden. Zudem erübrigen sich Fragen nach dem Standort sowieso, denn außerhalb Havannas wird immer dort ein privates Restaurant eröffnet, wo gerade ein Häuschen dafür vorhanden ist.

Wir besuchten diesen Paladar drei Tage nach dem Weihnachtsabend, und wurden stilgerecht mit roten Zipfelmützen sowie zahlreichen bunten und heftig blinkenden Lichterketten begrüßt. Angesichts meines schon in deutschen Landen nicht so leichten Familiennamens hatte ich unter meinem Vornahmen „Klaus“ bestellt, und flugs war ich unter „Santa Claus“ registriert. Wie süß!

Die Besitzer hatten ihr finanzielles Engagement, über deren Quellen hier niemand nachfragt, und solange ordentlich Steuern bezahlt sowie die Stadtoberen fleißig bedient werden, auch Stillschweigen bewahrt wird, ganz auf die luftige Holzbebauung sowie die Ausstattung konzentriert. In der Tat könnte dieses Restaurant bequem als ein ländliches Ausflugsziel in südlichen europäischen Ländern durchgehen, und dies ohne jegliche Ironie. Die Ausstattung war zweigeteilt. Zum einen mit einem riesigen Bildschirm auf dem, typisch kubanisch, unentwegt Musikclips in einer Lautstärke liefen, die in Deutschland die HNO – Ärzte zu geschlossenen Protestaktionen bewegt hätten. Zum anderen kamen die Bierflaschen und Getränkedosen in allerliebst gummierten Überzügen, mit Reisverschluss und Namensaufdruck des Restaurants auf den Tisch, wohl um damit symbolisch eine Kühlung anzudeuten.

Das Wasser wurde kostenlos aus der Leitung serviert, womit meine kubanischen Verwandten überhaupt kein Problem hatten, meine Verdauungsorgane infolge einer zu geringen Gewöhnungszeit hingegen durchaus. Aber auch dafür gab es eine typisch kubanisch entgegenkommen Lösung. Der Besitzer schwang sich auf sein Motorrad, fuhr zum nächsten noch geöffneten Kiosk, und in weniger als einer halbe Stunde stand eine original verschlossene Flasche Mineralwasser vor mir auf dem Tisch.

Stilistik

Um die umfangreiche Speisekarte auch angemessen würdigen zu können, hatten wir dieses Restaurant mit neun Personen besucht.

La ArboledaDie Stilistik des Kochs ist sehr eindeutig, also kein Mischmasch, wie in den letzten Jahren so häufig in Deutschland. Sie wird auch nicht durch Angebot und Nachfrage oder gar durch irritierende internationale Erfahrung bestimmt, sondern einzig und allein durch die Saison sowie die nicht zu hinterfragenden Aktivitäten einer zentralen und geheimen Außenhandelsbehörde. So kamen während dieser Jahreszeit gerade reichlich Tomaten und Salat zum Einsatz aber keine Gurken oder Möhren, stets Reis und Yucca aber keine Boniato und Kartoffeln, immer Bananen und Kürbis aber keine Mangos oder Avocados, bestens Schwein und Huhn aber kein Rind oder Langusten. So wurde das Steak Uruguayo, eigentlich ein Cordon bleu aus Rindfleisch, zu einem richtigen Cordon bleu aus Schweinefleisch, und da das kubanische Alltagsbrot bereits stark getrocknet ausgeliefert wird, war auch das Problem der offiziell nicht vorhandenen Semmelbröseln eigentlich kein Problem.

Damit die kubanischen Gäste nicht unter Entzugserscheinungen zu leiden haben, wurde zu jedem Gericht eine riesige Portion moros y cristianos (Reis mit schwarzen Bohnen, das richtig zubereitet – der Reis wird im Bohnenwasser gekocht und die Bohnen mit verschiedenen Gewürzen – durchaus eine Bereicherung der deutschen Alltagsküche wäre.) serviert. Da ich mit den Bohnen so meine Probleme habe, erhielt ich eine andere kubanische Spezialität, die ursprünglich von den vor fast einhundertfünfzig Jahren aus China geholten Landarbeitern stammt, nachdem die Nachfuhr schwarzer Sklaven ausblieb und etwas später die überwiegend schwarzen Landarbeiter durch ihre Befreiung aus der Sklaverei (Auf Kuba erst in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts) nicht mehr so richtig Lust verspürten, sich der bisherigen Schinderei auf den Zuckerrohrplantagen weiter hin zu geben (60 Jahre später wurden dafür saisonal alle verfügbaren Industriearbeiter, Angestellte, Ärzte, Lehrer, Studenten und sogar westliche linke Intellektuelle herangezogen, wobei die letzteren darüber in heller publizistischer Begeisterung ausbrachen.). Es ist das beliebte arroz frito, gebratener Reis mit gebratenem Gemüse und Hühnerfleisch sowie Rührei. Allerdings habe ich dabei eine kulinarische Dummheit begangen. Nachdem ich andeutete, hier zum Essen und nicht zum Warten gekommen zu sein, erhielt ich diesen arroz ohne frito.

La ArboledaBeinahe hätte ich zur der Stilistik die auf Kuba überhaupt nicht zu unterschätzenden Importgeheimnisse unterschlagen. Gerade standen in den Devisen-Geschäften (andere wird der Touri ohnehin nicht kennenlernen) ganze Regalreihen voll mit einer Cocktail – Salsa und einer Alioli – Salsa der Firma Spar aus Spanien („sin gluten, sin lactosa“), so dass damit jede Vorspeise und jedes Fischgericht verschönt werden konnte. Auch andere internationale Dosenspezialitäten wie ganze oder geschnittene Champignons gehörten dazu.

Als wir bestellten, traten zwei Schwierigkeiten auf, die jedoch angesichts der Bedeutung eines preisgekrönten Restaurants nun wirklich zu vernachlässigen waren. Zuerst konnte der Bitte, uns einen gemeinsamen Vorspeisenteller zusammen zu stellen, nicht entsprochen werden, weil dies die Stilistik des Kochs durcheinandergebracht hätte. Dies ließ sich leicht umgehen, indem die einzelnen Vorspeisen einfach in der Runde von Familienmitglied zu Familienmitglied weiter gereicht wurden. Das andere Problem bestand in der Saison und in der Staatsplanung. Die Hälfte der Speisen waren bereits über Weihnachten aufgegessen worden. So konzentrierten wir uns auf das bereits erwähnte Steak Uruguayo, dem Huhn „Real Pollo a la Golden Blue“, was praktischerweise auch ein Cordon bleu war sowie zwei Fischgerichte, von denen eines bereits als Vorspeise genossen werden konnte, das andere ein „Bistic Canciller“, na, was wohl? Jawohl auch als ein Cordon bleu kam. Die Kellnerin wusste nicht, wann der Fisch (eine Sorte Pargo) erworben worden war, aber sie versicherte uns, dass kein Fisch serviert werden würde, der nicht paniert und kräftig frittiert wäre, womit sich unsere Frage erübrigt hatte.
Nur zwei junge Cousinen meiner Frau wollten unbedingt aus der Rolle fallen und wählten ein naturell gebratenes Schweinefleisch. Ihre Extravaganz sollte sich bitter rächen. Wahrscheinlich hatte die Kellnerin bei dieser Bestellung meine missbilligenden Blicke erhascht, und sie an den Koch weitergeben, der nun seinerseits meinen Erziehungsauftrag übernahm, indem er ein Fleisch briet, das beim Zerschneiden die körperlichen Fähigkeiten der beiden jungen Damen eindeutig überstieg. Aber auch dies war eigentlich kein Problem, denn die Portionen von Cordon bleu der anderen Familienmitglieder waren reichlich bemessen.

Damit ist an dieser Stelle für einen zwar ziemlich unwahrscheinlichen aber auch nicht auszuschließenden Besuch eines deutschen Touris eine Warnung auszusprechen. Die Größe der Portionen orientiert sich nicht am deutschen Wohlstandsniveau. Die Kubaner müssen noch richtig arbeiten, nein, nicht am Tag, sondern privat am Nachmittag und abends. Darauf stellt sich das Restaurant ein, indem es Schwerstarbeiter Portionen serviert und nicht diese Häppchenkultur deutscher Gourmetrestaurants. Also im „Arboleda“ können Sie noch richtig zu beißen!

Fazit

Zumeist ziehe ich am Ende einer Restaurantkritik ein Fazit, manchmal kurz, wenn ich im bisherigen Text meinen Eindruck schon detailliert wiedergegeben habe, aber manchmal auch ausführlich, wenn mein Eindruck sehr weitreichend gewesen war. Nur sehr selten erübrigt sich ein Fazit, wie bei diesem Text.

La ArboledaAn diesem Sonntag Abend war das Restaurant in luftiger Atmosphäre bei 25 Grad mit 40 Gästen bestens gefüllt. Da bisher die Kubaner in Colon noch über keine Erfahrung mit der typischen Mäkelei deutscher Touris verfügen, haben sich alle Gäste bei den riesigen Portionen, der blinken Ketten und der kräftigen Musik prächtig amüsiert, nur mit Ausnahme einer einzelnen Person …

Dieses Restaurant ist für kulinarische Masochisten noch zu gut, die jedoch ansonsten auf Kuba reichlich Befriedigung ihrer Gelüsten finden können, und für einen kulinarisch einfachen Genuss zu schlecht, aber wenn Sie beides Beiseiteschieben und in einer größeren Gruppe kommen, werden Sie sich reichlich amüsieren können, und dafür nur wenig bezahlen müssen. Allerdings hat dieser Paladar keine Alka Seltzer im Angebot.

Paladar Arboleda
Restaurante, Grill & Bar
Calle Pedro Betancourt Nr. 201 – 203
Colón
Provinz Mantanzas
Cuba


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