Restaurantkritik: Khan El Khalili Restaurant in Kairo

In Kairo gibt es zur Orientierung für Spitzen-Restaurants keinen Michelin oder Gault Mileau, nach meinen Recherchen im Internet auch keinen englischsprachigen einheimischen Restaurant-Führer. Deshalb orientierte ich mich für meine Restaurantbesuche an Internetrecherchen und an Hinweisen ägyptischer Reiseführer. Während meiner 12 tägigen Reise durch Ägypten habe ich in Luxor, Assuan und Kairo ausschließlich Restaurants mit ausgewiesener ägyptischer Küche besucht. Die meisten der empfohlenen Restaurants befanden sich in internationalen Hotels. Bis auf die Restaurants in den beiden Hotels, in denen meine Frau und ich übernachtet hatten, und deren hochgelobte ägyptisch orientierte Restaurants sich höchsten für eine üble Glosse eignen würde, haben wir keine Restaurants in anderen Hotels aufgesucht.

In Kairo werden als Top-Restaurants vor allem indische, französische, italienische oder libanesische empfohlen. Diese interessierten uns nicht. Wir wollten die einheimische Küche kennenlernen. Allerdings wusste ich, dass keine Haute Cuisine in Ägypten existiert, und für das weitverbreitete Fast Food reichte unser kurzer Aufenthalt nicht zur Akklimatisierung meines Magens aus. Also interessierte ich mich vor allem für die Küche dazwischen.

Es gibt keine eigenständig entwickelte ägyptische Küche. Es existieren etliche Speisen, die vor allem in Ägypten verbreitet sind, aber selbst die in Restaurants mit ägyptischer Küche angebotenen Gerichte sind ein Mix vorwiegend aus arabischen, syrischen (vor allem beim süßen Gebäck), libanesischen und türkischen Einfluss. Im islamischen Raum des Vorderen Orients ist auch keine Hochküche entstanden. Möglicherweise hat dies mit der historischen Abwesenheit eines breiten Erbadels sowie der Unterentwicklung der Städte zu tun. Erst in den letzten Jahrzehnten  ist eine breitere Mittelschicht entstanden, und damit auch ein kulinarisches Interesse. Ebenso wird die bis vor etlichen Jahrzehnten noch geringe Ausprägung der Schriftsprache (zuerst später und dann geringer Umfang des Buchdrucks) sowie der sehr späten Einführung der allgemeinen Schulpflicht (in Ägypten sind unter den 15 Jährigen immer noch fast die Hälfte Analphabeten) damit zusammenhängen.

Deshalb gebe ich hier nach unseren verschiedenen Erfahrungen konkret nur die eines Restaurants wieder. Wahrscheinlich wird es bessere ägyptische Restaurants in Kairo geben, aber um dies herauszufinden, hätte ich längere Zeit benötigt. Für Lima oder New York und für europäische Hauptstädte sowieso kann man sich dazu vorher vorbereiten, für Kairo gelang mir dies nicht.

Hinzu kommt noch eine weitere Eigenschaft dieser Stadt. Mit über 20 Mio. Einwohnern ist Kairo nicht nur riesig, sondern in weiten Teilen auch unglaublich verkommen (dies ist eine Untertreibung!), und der Verkehr genuine masochistisch. Bei Antritt einer Fahrt, selbst mit einem ordentlichen Taxi, empfehlen sich das Anlegen einer schwarzen Augenklappe und das Einsetzen gut abdichtender Ohrstöpsel.

Lage und AmbienteRestaurantkritik: Khan El Khalili Restaurant in Kairo

Zusammen mit seinem Café liegt das Restaurant im berühmtesten Bazar Kairos, dem Khan Khalili. Dieses dort jedoch nach einem Straßennamen zu finden, ist vollständig unmöglich. Am besten man geht am Platz vor der Hussein Moschee in den Bazar und fragt den Kellner eines der an diesem Platz liegenden Cafés, dann ist es leicht zu finden (siehe Abbildung).

Das Café, in dessen Seitenräumen sich das Restaurant befindet, trägt den Namen des 2006 verstorbenen einzigen ägyptischen Literaturnobelpreisträgers. Beide gehören der indischen Oberoi-Gruppe, die in Ägypten verschiedene Hotelaktivitäten betreibt.

Der Hauptteil des Restaurants besteht aus drei kleinen tonnenartigen Gewölben, die durch Wandspiegel optisch größer erscheinen. Sie sind so eingerichtet, wie ich aus der Literatur und Filmen über den Vorderen Orients Restaurants kenne.

Gemäß islamischer Tradition werden hier keine alkoholischen Getränke serviert. Liebliche Lassis und aromatische Mischungen aus Tamarinde und Granatapfel, so eindrucksvoll dieses auch waren, können keinen Wein ersetzen.

Die Speisen

Wir haben sechs Gerichte ausprobiert, sowie nach deren Genuss aus Vorsicht nur ein Dessert. Als Brot wurde eigenes frisches Fladenbrot serviert, was geschmacklich besser war, als das, welches wir auf der Straße probierten, aber eben Fladenbrot blieb.

Khalili SoupRestaurantkritik: Khan El Khalili Restaurant in Kairo

Es sollte eine alte ägyptische Spezialität aus Kalbsknochen sein. Das kräftige Aroma von Kalbfüßen, Limonen und Zwiebeln stieg sofort in die Nase. Am Gaumen überwog der Limonengeschmack. Durchaus interessant, wenn nicht das Kalbsmark gewesen wäre, denn eigentlich war dies ein Stew von Kalbsmark mit etwas Jus, viel zu fett für meinen mitteleuropäischen Verdauungstrakt.

Gebratene Hühnerleber mit GranatapfeljuiceRestaurantkritik: Khan El Khalili Restaurant in Kairo

Für mich eine ungewöhnliche Aromatisierung von Hühnerleber, lieblich säuerlich, ein ordentliches Alltagsgericht, wären nicht bloß die Lebenstücke bis zum höchstmöglichen Härtegrad gebraten gewesen …

Fallahy DuckRestaurantkritik: Khan El Khalili Restaurant in Kairo

Die Ente war nicht halb sondern nur leicht gebraten, dafür jedoch lange im Ofen gelassen, was sich fatal auswirkte, denn sie war sicherlich eine Freilandente, deren Muskelfleisch damit ohnehin den Zähnen tapferen Widerstand leistete. Vielleicht war es auch einst eine Marathonente gewesen. Demgegenüber hätte sie sich als confit bestens geeignet. Die Graupen waren geschmackvoll, wenigstens am Gaumenanfang, bis sich der tranige Charakter des Fettes, in dem sie zubereitet worden waren, nachhaltig im gesamten Mund verbreitet hatte, aber immerhin hatten wir damit eine ägyptische Spezialität ausprobieren dürfen.

Rabbit MolokheyaRestaurantkritik: Khan El Khalili Restaurant in Kairo

Auch das Kaninchen wurde uns als eine solche Spezialität serviert. Es war auch ähnlich trocken zubereitet, so dass manch Weinliebhaber seine reine Freude daran gehabt hätte. Allerdings sollte sicherlich die „herbal soup“ zum Benetzen des toten Hasenfleisches eingesetzt werden, was sich jedoch infolge ihres knoblauchgetränkten leicht ranzigen (kann jedoch auch ein mitteleuropäisches kulinarisches Unverständnis sein) Fettgehaltes als nicht so recht umsetzbar erwies, zumal das arme Tier arg unkonventionell zerhackt worden war. Als Nichtägypter erschloss sich mir der Sinn von Reis mit braunen Vermicellinudeln nicht (in anderen Varianten auch zusätzlich mit Kichererbsen).

Azbakeya labaneyaRestaurantkritik: Khan El Khalili Restaurant in Kairo

Kalbfleisch in Joghurt und kräftig mit Minze sowie Knoblauch gewürzt! War dies ein Mix von indisch, englisch und was sonst noch??? Übrigens befanden sich auch noch ganze Zwiebeln darin. Der Service war sehr nett zu uns, sogar der Chef bemühte sich an unseren Tisch. Meine Restaurantkritik ist praktizierte Nächstenliebe.

DessertRestaurantkritik: Khan El Khalili Restaurant in Kairo

Auf der Karte waren sieben Desserts verzeichnet, wobei Früchte und die meisten anderen Desserts keine eigentlichen ägyptischen Spezialitätensind darstellen und das süße Gebäck überall angeboten wird. Also entschieden wir uns für die süße Variante einer nordafrikanischen Spezialität, Cous Cous. Das „icing“ beim Puderzucker muss wohl auf dem Weg von der Küche bis zu unserem Tisch verlorengegangen sein. Die „coconut“ waren wohl gerade ausgegangen, die Rosinen wie eben Rosinen auch bei uns aus der Tüte sind, der Cous Cous ordentlich gegart und die Milch ausreichend angewärmt. Ich hoffe sehr, dass für die „cheerful events in Egypt“ auch andere Desserts zubereitet werden …

Fazit

Für kulinarische Ansprüche außerhalb der großen internationalen Hotels wird dieses Restaurant völlig ausreichend sein, zumal sein Café recht zentral liegt und innerhalb des quirligen Basars eine Oase der Ruhe und Besinnlichkeit ist. Es ist kein Restaurant, das sich mit westlichen Ansprüchen an die Haute Cuisine vergleichen lässt. Allerdings stellte ich mir in Kairo die Frage, wie weit derartige Ansprüche bereits in der ägyptischen gehobenen Mittelschicht angekommen sind. Traditionelle Gerichte, feiner als zu Haus zubereitet, zudem in einer Atmosphäre serviert, die Wohlhabenheit signalisiert, werden für viele gutverdienende Ägypter völlig ausreichend sein. Ich zweifle jedoch, ob angesichts der steigenden Beliebtheit westlicher und asiatischer Küchen (Indien, Japan, China), dieser Anspruch noch längere Zeit existieren wird. Ich vermute, dass auch die ägyptische gehobene Küche im Wandel ist, so wie das gesamte Land.

 

Khan El Khalili Restaurant und Naguib Mafouz Cafe
5 El Baddistan Lane, Khan El Khalili
Kairo
Ägypten

khanelkhalili@oberoi.com.eg

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