Buch-Rezension: Die Food-Berichterstattung in London

Die Food-Berichterstattung in London

Englische Zeitungen und Magazine weit vor den Deutschen

Deutschland hat den „Feinschmecker“ und den „Port Culinaire“, auch das grandiose Magazin „BEEF“ und noch so manch anderes mit umfangreicher Berichterstattung über Restaurants oder über neue kulinarische Entwicklungen. Immer wieder trauen sich wagemutige Verleger an neue Projekte heran, wie den seit drei Jahren in München erscheinenden „foodhunter“. Zudem werden Rezepte in über dreißig verschiedenen Zeitschriften dem geneigten Publikum empfohlen. Die Kochmagazine beanspruchen in den Ständen der Bahnhofsbuchhandlungen mehr Platz als Computermagazine. Sicherlich haben die Kochsendungen auf fast allen Fernsehprogrammen ein ihriges für diesen Hype getan. Allerdings sind die anspruchsvolleren Magazine ganz autark entstanden.

Situation in London

Vergleichbares lässt sich in London nicht finden. Das hat mich zuerst sehr erstaunt. Außer dem monatlichen Magazin „Restaurant“ findet sich in den Kiosken und W. H. Smith-Bahnhofsgeschäften rein gar nichts. Es soll noch ein Magazin über „Head-Chefs“ geben, aber dieses nur im Abo. Da jedoch keiner der von mir darauf angesprochenen Küchenchefs dieses abonniert hatte, war ich hilflos. Das angeführte Magazin ist nicht sehr umfangreich und beinhaltet mehr Werbung als Text.

An den Ständen lagen reine Rezept-Magazine und -Zeitschriften aus, à la Jamie Oliver, zudem sind die meisten auch noch reine Titel zum Backen.

Ich war enttäuscht.

Die Food-Berichterstattung in LondonAls ich dann regelmäßig verschiedene Zeitungen las, änderte sich mein Eindruck. Fast ast alle englischen Zeitungen berichten regelmäßig über die Restaurantszene des Landes, zumeist über die in London. Immer werden Rezepte abgedruckt, manchmal sogar mehrfach wöchentlich, und dasimmer mit Erläuterungen zu deren Zusammensetzung sowie zum Hintergrund ihrer Hauptprodukte. Sogar diekostenlos verteilten Zeitungen wie „Evening Standard“ und „Metro“ drucken Food-Berichte ab. Allein das Magazin des „The Sunday Telegraph“ berichtet auf sechs Seiten über „Food“, darunter die Rubriken „Restaurants“ und „Drinks“.

Diese Berichte stehen eigenständig und erscheinen neben umfangreichen Reportagen über Gärten und dieErholung beim Gärtnern sowie über die Zuneigung zu Haustieren. Ich konnte beobachten, dass Menschen beim Zeitunglesen in der Londoner Underground zuerst diese Seiten aufschlagen, na ja, Männer manchmal auch zuerst die Sportseiten.

Deutschland hinkt hinterher

Es ist offensichtlich: Die englischen Zeitungen erfassen die Bedürfnisse ihrer Leser! In den Redaktionen der deutschen Zeitungen kommt der Leser als Kunde nicht vor. Selbst in der „Welt“ nehmen sich die regelmäßigen Kolumnen zum Hund und zum Garten eher mickrig aus. Zumeist erscheinen sie ohne Fotos und wie beim Hund sogar feuilletonistisch. Wie ärmlich!

Die Food-Berichterstattung in LondonDas Feuilleton ereifert sich über die explosionsartig zunehmende Auflage des Magazins „Landlust“, welche inzwischen wohl die des „Spiegel“ überholt hat. Zu dieser Entwicklung gehören auch die zahlreichen, sich an diesen Erfolg anhängenden neuen Magazine mit ähnlich klingenden Titeln. Dem „Spiegel“ oder dem „Focus“ und auch der „Zeit“ ist die Sensibilität für kulturelle Veränderungen in der deutschen Gesellschaft abhanden gekommen. Sie benötigen diese ja auch nicht, sie haben doch die schönen regelmäßigen schriftlichen Kundenbefragungen. Auch Steve Jobs soll ja vor jeder seiner die Kundenbedürfnisse revolutionierenden Entwicklung eine umfangreiche Kundenbefragung durchgeführt haben! Oder etwa doch nicht? Vielleicht sind die deutschen Chefredakteure auch an den Befragungsinstituten beteiligt? Oder sie sind einfach keine risikobereiten Unternehmer.

Der Leser als Restaurantbesucher existiert für die Macher deutscher Zeitungen nicht, Ausnahmen sind die FAZ – aber auch dort nicht eigenständig, sondern im Feuilleton versteckt – und die Sonntagsausgabe des Tagesspiegels.-. Allenfalls darf er – wie im Magazin der Süddeutschen – mal ein Rezept lesen, mit einer freundlichen Einführung des Autors.

Die Chefs des deutschen Feuilletons bestehen darauf, dass ihre Leserschaft hoch gebildet ist, regelmäßig ins Theater geht, ständig ein Buch liest oder ein Konzert hört, in einsame Gegenden unseres Erdballs fährt, und während des Rests ihrer freien Zeit ein TK-Gericht in die Mikro schiebt.

Es gibt eine offensichtlich korrespondierende Entwicklung: Einerseits der Rückgang der Leserschaft der überregionalen Zeitungen und andererseits die Zunahme von Kochzeitschriften.

Einzigartig – kulinarische Erzählungen

Die Food-Berichterstattung in LondonIn deutschen Zeitungen wird auch das Buchgeschäft „Books for Cooks“ im Londoner Stadtteil Notting Hill erwähnt. Es liegt abseits der großen Magistralen und ist nur durch einen etwas längeren Fußmarsch zu erreichen. Die Hälfte des Ladens nimmt ein kleines Café ein, die andere Hälfte ist so klein, dass selbst das auf Kochbücher spezialisierte Kölner Geschäft „Buch Gourmet“ dieses locker übertrifft. Die Buchabteilungen in den großen Londoner Buchhandlungen sind mehr als doppelt so groß wie dieses.
Allerdings lagen im „Books for Cooks“ zwei dünne DIN A 5 große Hefte aus: „Fire & Knives – Food Quarterly“ und „Remedy – Stories of Food, Recipes for Feeling Good”. In Deutschland hat die Magazin-Landschaft nichts Vergleichbares aufzuweisen. Selbst in den deutschen Edel-Food-Magazinen wie beispielsweise im „Fine“ werden keine literarischen Reflexionen über Essen und Trinken abgedruckt. Sollte es doch zutreffen, dass in Deutschland der kulinarische und der literarische Genuss auseinanderklaffen, dass der Genießer entweder Gourmet oder Literat ist. Ich kann das nicht glauben, aber es reicht ja schon aus, dass dies die deutschen Redakteure glauben.