Anne Köhler: Ich bin gleich da, 2015 Dumont Köln, 348 Seiten

Ich komme mit diesem Buch nicht zurecht! Darf ein Kritiker einen solchen Eindruck aufschreiben? Ist dies nicht das Eingeständnis eigenen Unvermögens? Ein Leser darf das Buch nach 20 oder dreißig oder auch nach 100 Seiten beiseitelegen, er darf es auch zu Ende lesen und dann enttäuscht sein, weil vielleicht Leere in ihm zurückbleibt, denn ein Buch soll doch erfüllen, es ist geschrieben worden, um zu bewegen und gerade nicht, um bewegungslos zu machen. Aber ist eine derartige Reaktion nicht etwas Menschliches? Zweifellos ist ein Kritiker auch ein Mensch, aber als Kritiker darf er es nicht sein. Er kann Liebhaber und Verschmähter sein, oder Analytiker und Theoretiker, auch Sezierer und Furie, aber nicht Mensch.

Ich bin ein völlig ungeeigneter Kritiker für dieses Buch, wahrscheinlich sogar der völlig falsche Leser, obgleich die junge Frau, die dieses Buch über eine noch jüngere junge Frau geschrieben hat, beim Schreiben sicherlich nicht daran gedacht haben wird, für welche Menschengruppen sie in diesem Moment nicht schreibt.

Da ist schon der allererste Eindruck, die Sache mit dem Morsen. In meiner Jugend war ich fünf Jahre lang als Amateurfunker fast jeden Tag mit dem Morsen beschäftigt, professionell mit Wettkämpfen und Diplomen, die Vorstellung, mit Lampen zu morsen, ist Quatsch. Schon vor Jahren hätten junge Leute ein Walki Talki benutzt und heute selbstverständlich ein Handy. Das ist noch nicht einmal ein epischer Trick sondern schlicht Unvermögen.

Dann die Sache mit dem Kochen. Ich koche seit vier Jahrzenten, zuerst Tütensuppen, dann Bratkartoffeln, dann Rouladen und seit etlichen Jahren auch ab und an zusammen mit  Sterneköchen. Das Kochen In diesem Buch wird das Kochen manchmal so beschrieben, als ob es eigentlich gar kein ein Beruf wäre, manchmal jedoch durchaus kundig und mit einem liebevollen Schwung, aber auch dabei immer nur stereotyp. Ich habe in den letzten Jahren über 1. 000 Kochbücher rezensiert. Das prägt und nutzt ab.

Und nun die Liebe und die Sehnsucht nach Erfüllung. Es gibt keine Regeln für die Liebe, alles ist möglich, nur eines ist verderblich – Langeweile. Ich muss gestehen, dass es im Beziehungsgefüge meines Lebens auch diese Langeweile gegeben hat. Aber muss ich darüber auch noch lesen?

Dieses Buch ist ein Buch über die Hemmungen und die Verklemmungen und die Verletzungen der Autorin, allerdings harmlos, kein Weltschmerz, eher in der Form einer etwas länger anhaltenden Pubertät verfasst, emphatisch beschrieben, und eben harmlos.

Ich weiß, Sie werden mir jetzt vorwerfen, gar nichts über dieses Buch gesagt zu haben. Das trifft zu. Bitte lesen Sie meinen ersten Satz. Das ist doch aber verrückt meinen Sie, eine Besprechung zu schreiben, ohne auf das Objekt der Besprechung einzugehen. Auch wiederum zutreffend. Indessen bitte noch eine Sekunde Nachdenken: Habe ich wirklich nichts über dieses Buch gesagt?

Auf der letzten Seite des Buches bedankt sich Anne Köhler bei drei deutschen Sterneköchen für Hospitationen und bei acht staatlichen Sponsoren. Wenn ich ein Buch über die Liebe eines Atomphysikers schreiben möchte, sollte ich mich vorher beim CERN in Genf um ein Praktikum bemühen? Lieber nicht, denn ich fühle mich nicht fähig, auch noch von acht Sponsoren Unterstützung einzuholen. Besteht darin die eigentliche Leistung der Autorin oder bin ich jetzt ungerecht, indessen: siehe meinen ersten Satz!

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