Die vegane Lebenseinstellung

Die Welle und ihre Spielarten

Seit zwei, drei Jahren schwappt eine neue kulinarische Welle über die deutschsprachigen Länder:

Der Veganismus!

Eigentlich ist diese Welle nur die radikalere Variante einer anderen schon etwas länger sich über uns hinwegbewegenden Welle, nämlich die des Vegetarismus. Sicherlich werden sich in Deutschland auch weitaus mehr Menschen zu einer vegetarischen als einer veganen Lebensweise bekennen, allerdings nimmt der publizistische Einfluss der veganen Lebensweise immer mehr zu, und es spalten sich sowohl vom Vegetarismus als auch vom Veganismus immer neue Varianten ab, die teilweise sich weitaus radikaler gerieren, vor allem Pescetarier, Ovo-Lacto-Vegetarier oder Frutarier. Und wenn dieser Beitrag erscheint, wird sich vielleicht schon wieder eine neue Richtung herausgebildet haben.

Im Markt der Kochbücher stehen Bücher zum vegetarischen und veganen Kochen sowie Backen mengenmäßig an erster Stelle. Beispielhaft sind dafür drei Bücher:

  • Stevan Paul – Deutschland vegetarisch
  • Teubner – Vegetarisch
  • Attila Hildmann – Vegan for fit, und Vegan for fun

Diese Kochbücher sind durchaus interessant gemacht, nämlich gut aufbereitet und sie enthalten zahlreiche neue Rezepte. Also eigentlich gar nichts dagegen einzuwenden?
Kulinarisch durchaus nichts. Gut zubereitetes Gemüse schmeckt!

Ein Gourmet denkt bei seiner Entscheidung, was er essen könnte, zuerst an den Geschmack. Würde er sich von anderen Aspekten leiten, würden diese den Geschmack sofort in den Hintergrund treten lassen. Bei den Anhängern der veganen Lebensweise wird nicht mehr gegessen, um sich vorderdringlich genussvoll zu ernähren, oder sogar nur um über eine Speise Genuss zu erlangen, genauso wie auch alle anderen Künste nur durch diese Genusserfahrung ihre Berechtigung erhalten, gleich ob eine solcher Genuss als Sinnenfreude oder als Lust bezeichnet wird; es wird gegessen einer ideologischen Überzeugung wegen.

Begründungen und Beweise

Die Entscheidung über die Form der Nahrungsaufnahme bei Vegetariern oder Veganern und allen anderen Varianten wird von Aspekten außerhalb des Geschmacks getroffen. Vegane Gerichte können durchaus schmackhaft sein, dies ist aber nicht die Grundlage ihrer Zubereitung. Die vegane Lebenseinstellung geht bei der Zubereitung ihrer Gerichte von anderen Aspekten aus:

  • Weltanschauliche bzw. moralisch und ethische Aspekte wie beispielsweise die Rettung der Welt oder Tiere nicht zu töten
  • Gesundheitliche Aspekte wie die Vermeidung von Krankheiten oder längeres Leben
  • Ästhetische Aspekte wie Schlankheit und Schönheit
  • Seelische Aspekte wie Ängste vor jeglichem Unbill dieser Welt

Vorab sei eindeutig festgehalten. Für nichts davon gibt es eine belastbare Beweisführung. Immer wieder werden in den Medien dazu positiv verschiedene Studien zitiert. In keinem einzigen Fall haben diese wissenschaftlich exakte Aussagen hervorgebracht. Ihre Resultate entsprechen den Anforderungen ihrer Besteller und damit ihrer Bezahler. Auch die Hinweise auf Äußerungen sogenannter Experten werden entweder unvollständig wiedergegeben, indem deren Einschränkungen weggelassen werden, oder derartige Experten sind selber Veganer. Beispielhaft für derartige Verdrehungen und Entstellungen in der Öffentlichkeit ist eine immer wieder bemühte amerikanische Studie, die mehrere zehntausend Personen umfasst und bereits einige Jahrzehnte anhält. Sie analysiert jedoch nur Mitglieder einer in sich geschlossenen Religionsgemeinschaft, deren Lebensregeln seit Jahrhunderten festgelegt sind. In der Öffentlichkeit werden derartige eingrenzende Bedingungen kaum angeführt, weil sich dann die positive Werbung als Verwirrung der Öffentlichkeit offenbaren würde. Der bekannteste Statistik-Professor Deutschlands, Walter Krämer, hat dazu in zahlreichen Büchern umfassende Beweise zusammengetragen.

Jeder Autor veganer Bücher wirbt damit, dass seine Lebensumstellung ihm gesundheitlich genutzt hat. Im individuellen Fall kann dies durchaus zutreffen, aber die damit verbundene Verallgemeinerung ist reine Werbung, denn es kann dafür kein Beweis angetreten werden. Um mit Hilfe von Studien zu beweisen, dass die vegetarische Lebenseinstellung zu weniger Krankheiten und einem längerem Leben führt, müssten gleiche Gruppen von Probanden mit einander verglichen werden, was jedoch schon rein praktisch unmöglich ist (ausreichende Anzahl, Alter, Zeitdauer, Ausgangskrankheiten, Bildung, Beruf, Kontrolle der Ernährung usw.).

Noch einmal: In individuellen Fällen, auch in zahlreichen, kann eine vegane Ernährung durchaus positive Resultate mit sich bringen. Aber die damit verbundenen und über die Medien verbreiteten allgemeingültigen Ansprüche sind Resultate unserer Mediengesellschaft. Zuerst verdienen die Autoren damit ihren Lebensunterhalt, ebenso wie die ihnen geneigten Organisationen. Wenn einzelne Auflagen weit über die 100. 000er Grenze hinausreichen, hat die Nachfrage nach Erfahrungen und Rezepten zum veganen Leben deren Autoren vermögend gemacht. Die Rettung der Welt darf dann ruhig ein wenig in den Hintergrund treten.

Und übrigens: Ich kenne keinen einzigen derartigen Autor oder eine Autorin, die über ihre eigenen späteren negativen Erfahrungen geschrieben haben. Auch niemanden, der zugegeben hat, chemische Präparate (z. B. Eisen) zum Nahrungsausgleich eingenommen zu haben, obgleich deren Absatz stetig angestiegen ist.

Ideologie und Lebensweise

Ich habe fast vier Jahrzehnte in einer Diktatur gelebt, und mich aus eigener Kraft aus deren geistiger Umklammerung befreit. Danach habe ich in verschiedenen Teilen unserer Erde auch noch etliche andere Diktaturen kennenlernen können. Wenn ich über Ideologie oder über geistige Beeinflussung bzw. Abhängigkeit schreibe, dann aus eigener Erfahrung heraus, aber nicht von deren Studium am Schreitisch.

Die Welle des Veganismus beruht auf einer Lebenseinstellung, die ideologieartig auf andere Menschen eindringt. Das Besondere an ihr – im krassen Unterschied zu Ideologien in Diktaturen – besteht darin, dass sie nicht zentral gesteuert wird. Sie entspringt tiefen Bedürfnissen von Menschen, Bedürfnissen, die ureigenst menschlich sind:

  • eine bessere Welt zu schaffen
  • gesund zu bleiben
  • niemanden ein Leid zufügen
  • gut auszusehen

In einer Demokratie ist die Erfüllung dieser Bedürfnisse offen und zuerst einmal nur individuell. Dieses gilt generell für eine offene Gesellschaft, weshalb die Stärke unserer Gesellschaft genau auf diesem Grundzug beruht.

In einer Demokratie kann jeder Mensch über seine eigene Lebensführung entscheiden, solange er andere Lebenseinstellungen toleriert. Wenn jedoch eine Lebenseinstellung als Lösung aller Menschheitsprobleme angesehen wird, und andere Ansichten als menschen- oder tier- oder umweltfeindlich verteufelt werden, habe ich ein Problem damit, und dies gilt auch für sendungsbewusste Veganer.

Ich habe in meinem Leben gelernt, dass es keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme gibt. Es gibt keinen „Königsweg“ zur Lösung von Menschheitsproblemen. Und ich habe gelernt, dass ich mich vor Propheten solcher Königswege fürchten muss.
Eine solche Gefahr sehe ich in unserer Gesellschaft.

Überzeugungen und Fanatismus

In den meisten der aktuellen Kochbücher treten fast alle der hier angeführten Spielarten der Ernährung tolerant auf. Nur einige wenige propagieren verbal aggressiv ihre Einstellung, doch diese sind leicht beiseite zu legen. Aber dies spiegelt nicht den Veganismus als Massenphänomen oder eben als Massenbewegung wieder.

Findet jemand in der veganen Küche sein gesundes adäquates Ernährungskonzept, dann ist davor Respekt angebracht. Wenn er sie jedoch nutzt, um andere Menschen abzuurteilen, dann durchaus nicht. Gleichwohl muss ich berücksichtigen, dass Menschen nicht nur individuelle Wesen sind, sondern auch kollektive. In einer Gruppe von Gleichgesinnten suchen sie nach Wohlbefinden.

Es gibt Berichte, wie Veganer in einem nicht vegetarischen Umfeld als Außenseiter behandelt werden. Und es gibt Berichte, wie beispielsweise in Schulklassen eine vegetarisch eingestellt Mehrheit ihre fleischessende Minderheit als Außenseiter behandelt. Das Wohlbefinden in einer Masse resultiert aus gemeinsamen Überzeugungen und gemeinsamen Ritualen, insgesamt aus einer gemeinsamen Identität, die in ihrer entwickelten Ausprägung stets mit der deutlichen Abgrenzung von anderen Gruppen einhergeht.

In fast allen vegetarischen und veganen Büchern, gleichfalls in derartigen Magazinen, wird groß herausgestellt, dass diese Lebensweise tatsächlich lustvoll sei, und ihre Rezepte doch nun wirklich gut schmecken würden. Wenn dies so selbstverständlich wäre, müsste es in der Werbung nicht extra herausgestellt werden. Deshalb finden sich derartige Hervorhebungen auch nicht in den üblichen Kochbüchern bekannter Sterne-Köche.

Demgegenüber wird in den Vorworten oder Einleitungen veganer Bücher ihre Lebenseinstellung fast immer massiv propagiert. Von Genuss oder Geschmack oder Lust ist am Beginn dieser Bücher nichts zu lesen. Aber dies tut dem Anwachsen dieser gesellschaftlichen Bewegung keinen Abbruch. Als Massenbewegung übt der Veganismus Druck in die Gesellschaft hinein aus.

Inzwischen ist der Druck so groß, dass selbst absolute Spitzenrestaurants sich veranlasst sehen, ein gesondertes vegetarisches Menü auf der Karte anzubieten. Das gab es im „Louis XV“ in Monaco schon 1987, aber nicht als Pflichtübung für eine spezielle Klientel, sondern als grüner Geniestreich von Alain Ducasse. Allerdings hat auch dieser herausragende Kochkünstler inzwischen als gastronomischer Manager sich umorientiert und im neuen Plaza Athénée ganz auf vegetarisch gesetzt. Allerdings dankenswerterweise zu einem Preis von 380 Euros, was so ellitär ist, dass es die veganischen Jünger abschrecken dürfte.

In Deutschland ist die vegetarische Lebenseinstellung hauptsächlich ein Phänomen junger und/oder gebildeter Schichten. Sie hat kaum mit Religion, dafür jedoch umso mehr mit der Überzeugung zu tun, etwas „Gutes“ für die Welt zu leisten oder „gesund“ zu leben. Als individuelle Entscheidung ist dies für mich legitim, selbst wenn sie dabei pseudoreligiöse Züge annimmt. Als Massenphänomen wirkt sie auf mich irritierend. Ein weltweit bekannter schwedischer Forscher hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Verbesserungen der Lebenssituation unserer Erdbevölkerung innerhalb der zurückliegenden vier oder fünf Jahrzehnte zusammenzutragen. In komprimierter Form sind die Resultate überwältigend. Nicht nur wir in Deutschland leben immer länger und gesünder, auch die Menschen in den allermeisten anderen Teilen unserer Erde. Demgegenüber dominieren in den Medien die negativen Nachrichten. Gerade in Deutschland bestimmen Angst und Sorge unser Leben weitaus stärker als Optimismus und Lebensfreude. Es ist ein Privileg der Jugend, dass in dieser Lebensphase weitaus stärker als in späteren nach Lösungen für bedrückende Probleme gesucht wird. Es liegt in der Natur dieser Bestrebungen, dass sich später etliche Wege als Sackgassen erweisen. Entscheidend ist, dass überhaupt gesucht wird. Nur so sind in der Vergangenheit die Verbesserungen unseres Lebens erreicht worden. Aber immer entstehen dabei auch neue Probleme. Diese Dialektik ist schwer zu erfassen, weil sie unserem Alltagsbewusstsein zuwiderläuft.

Kultur und Speisegewohnheiten

In fast allen Gebieten unserer Erde gibt es Speisegewohnheiten, die in anderen völlig abgelehnt werden. Manchmal sind es aus regionalen Lebensbedingungen herrührende Gewohnheiten, teilweise sind die Speisegewohnheiten auch historisch kulturell entstanden, zumeist jedoch sind es religiöse Regeln oder Tabus, deren historischer Ursprung nicht immer eindeutig zu ermitteln ist. Derartige religiöse Aspekte können vor wissenschaftlichem Hintergrund betrachtet werden, müssen es aber nicht. Es handelt sich schließlich um Glauben an ein von höherer Instanz erlassenes Gebot.

In einem der besten Bücher zur Küche Indiens weist der Autor darauf hin, dass die vegetarische Küche in einigen Gebieten des Landes teilweise auf die jahrhundertelange Armut und teilweise auf religiöse Vorschriften zurückgeht, also nicht ausschließlich durch spirituelle Erleuchtung bedingt ist.

Die Loslösung des Christentums von der jüdischen Religion war auch eine Loslösung von strengen jüdischen Speisevorschriften. Die früheren Speisevorschriften im Christentum waren nur geringfügig in der Bibel angelegt, und leicht zu umgehen. Sie sind historisch entstanden und auch wieder historisch vergangen.

In den vielen vegetarischen Kochbüchern, die ich in der letzten Zeit rezensiert habe, erlebte ich eine Kuriosität. Zahlreiche der vegetarischen Rezepte haben Namen, die aus der Fleischküche stammten, ob Schnitzel oder Rouladen oder Frikadellen oder Würste. In meiner Jugend haben wir in unserer Familie an vier oder fünf Tagen in der Woche vegetarisch gelebt. Wir hatten nicht genügend Geld für regelmäßigen Fleischkonsum. Wir kannten auch nicht den Begriff „vegetarisch“, wozu auch, wir wollten uns mit unseren Speisen ja nicht abgrenzen. Allerdings wären wir nicht auf die Idee gekommen, eine in Ei panierte und gebratene Scheibe Blumenkohl als Schnitzel zu bezeichnen. Wenn es eine eigene Gemüseküche geben soll, wird sie sich auch sprachlich von Fleisch und Fisch emanzipieren müssen. Aber genau dies ist eben generell gar nicht möglich. Wir können nicht aus einer gleichwie gearteten aktuellen Einstellung heraus, unsere Jahrtausend lange kulinarische Geschichte ad absurdum führen, ohne uns selber zu schädigen. Bei zahlreichen nachgeahmten Rezepten zeigt sich nur eines: Kultur sitzt viel tiefer, sogar unbewusster, als es Ideologen verstehen können. In exemplarischer Weise hat dies einer der besten Autoren der FAZ porträtiert (Jakob Strobel y Serra, 12. 07. 14). Er charakterisiert den Veganismus als einen Katechismus einer Weltrettungslehre.

Die Kultur und Speisegewohnheiten

Als ich immer mehr Kochbücher zur vegetarischen und veganen Küche sowie auch zahlreiche „Gesundheits“ Kochbücher zu lesen hatte, entstand spontan die Idee, eine Übersicht diverser Speisegewohnheiten verschiedener Regionen der Erde aufzuschreiben. Daraus ist die hier abgebildete kleine Auswahl unterschiedlicher Speisegewohnheiten bzw. verschiedener gesellschaftlicher Tabus entstanden. Zugleich muss ich einschränken darauf hinweisen, dass ich kein Historiker für Kulinarik oder ein Kulturkulinariker bin. Ich benutze nur meine Bildung, meine Erfahrung und meinen Verstand.

Ich möchte mit dieser Übersicht nicht die Lebenseinstellung anderer Menschen negieren. Ich möchte damit nur die Vielfalt menschlichen Verhaltens aufzeigen. Genuss geht unterschiedliche Wege. Aus dieser Übersicht lese ich nur eines ab:

Toleranz!

Indessen nimmt die Toleranz in etlichen Religionen und auch im Wertesystem mancher Individuen einen anderen Stellenwert ein, als in meinem Leben. Ich versuche dies in meinen Gesprächen über kulinarische Fragen zu berücksichtigen, dessen ungeachtet kann ich bestimmte Grenzen weder ignorieren noch überschreiten.

Im Prinzip esse ich alles, allerdings bin ich zum Glück noch nie in eine Lebenssituation gekommen, wo ich mich diesem Prinzip entsprechend verhalten musste. Konkret heißt dies, ich habe noch nie richtiggehend Hunger leiden müssen.

Indien: Menschen werden getötet wenn sie Rinder schlachten.
England: Das öffentliche Anbieten von Pferdefleisch ist gesellschaftlich geächtet.
Arktis: Eskimos essen rohes warmes Robbenfleisch.
Peru: Meerschweinchen sind eine normale Kost.
Afrika/ Thailand: In weiten Teilen werden selbstverständlich Affen verspeist.
Australien: Maden aus Bäumen waren (und sind?) für die Ureinwohner eine wichtige Proteinquelle.
Japan: Lebende Meeresschnecken und Muscheln werden für Sushis verarbeitet.
Vietnam: Schlangen werden vielfältig zubereitet.
Korea: Hundefleisch ist eine Delikatesse.
Muslime: Das öffentliche Anbieten von Schweinefleisch würde in einigen muslimischen Ländern zur Lynchjustiz führen.
USA: Der Verzehr von rohem Fleisch, wie z. B. als Mett oder Tatar ist den meisten angelsächsischen Amerikanern ein Graus.
China: Insekten werden in einigen Regionen gebraten oder frittiert.
Israel: Für gläubige Juden gilt eine strikte Trennung zwischen Milch und Fleisch. Krustentiere werden ebenso wenig verzehrt wie Schwein.

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